Moden von Gestern: Versace-Barock

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Text: Anne Waak, Foto: © Versace, 10.04.2018

Seit der Deutsch-Georgier Demna Gvasalia im Herbst 2015 die gestalterischen Geschicke des Labels Balenciaga übernahm, gilt das Pariser Traditionshaus als das Fieberthermometer der Modewelt. Was Gvasalia hier (und mit seinem eigenen Label Vetements) macht, versetzt die Leute in Wallung. Als Teil der aktuellen Kollektion zeigte Balenciaga ein rotes Kleid, das über und über mit goldenen und silbernen Ketten bedruckt war. Es rief gleich eine ganze Reihe von kunst-, pop- und modehistorischen Referenzen auf.

Der Print verweist auf ein anderes, ein italienisches Modehaus: Versace. 1978 von dem damals 32-jährigen Gianni Versace gegründet, verkörpert das Mailänder Label bis heute wie kein anderes den dekadenten Glamour der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Gianni Versace nahm die Formensprache des Barock und „verwandelte die italienische Kunsttradition in wilde Popart, ersetzte die Engel und Putten durch Fresken aus Goldketten, Medusenköpfe und auf glänzende Seide gedrucktes Leopardenfell“, so die Modejournalistin Deidre Dyer. Kurz: Versace nahm alles, was er an Ornament finden konnte, und überzog es mit drei Schichten Blattgold. Sein Neobarock beschränkte sich folgerichtig nicht lange auf Kleidung, sondern griff bald auf Schmuck, Uhren, Porzellan, Tapeten, Fliesen, Aschenbecher, Bettwäsche, Bademäntel und Möbel über. Legendär ist das Kleid, in dem die Schauspielerin Liz Hurley 1994 bei einer Filmpremiere auftauchte. Es bestand aus nichts als ein klein wenig schwarzem Stoff, vielen goldenen Sicherheitsnadeln und noch mehr Schlitzen. Eine Instant-Ikone, die Versace zum Lieblingsausstatter von Frauen machte, die mit der Macht der Verführung und der Manipulation des männlichen Blicks eine damals neue Art des Feminismus vertraten. Gleichzeitig gehörten immer auch Männer mit Sinn fürs Flamboyante zu den Fans des Labels, etwa Prince, Michael Jackson und Elton John.

Als Gianni Versace drei Jahre später von einem Serienmörder erschossen wurde, die Mode in einer 180-Grad-Wende die protestantische Jil-Sander-Strenge entdeckte und für die wilden Jahre Abbitte leistete, ging es mit dem Label bergab. Sein Bling-Bling war auf einmal nur noch etwas für Neureiche: obszön und billig.

Im Hip-Hop, wo Protzen zum guten Ton gehört, war Versace lange eines der Lieblingslabels: Notorious B.I.G. rappte darüber, Lil’ Kim und viele andere. 2013 dann läuteten die aus Atlanta stammenden Migos mit dem Stück Versace die erste Phase des Comebacks ein. Wie ein Lockruf kommt der Markenname ganze 102-mal darin vor: „Versace, Versace, Versace, Versace, Versace, ...“. Etwa gleichzeitig erschien die Sängerin Lady Gaga anlässlich eines Besuchs bei Gianni Versaces Nachfolgerin, seiner jüngeren Schwester Donatella, im Original- Sicherheitsnadel-Kleid; zudem warf das Label in Zusammenarbeit mit H&M eine günstige Kollektion auf den Markt. Die High-Brow-Anerkennung indes ließ etwas länger auf sich warten. Mittlerweile drucken angesagte Skate-Labels wie Palace den Medusenkopf auf Sweater; Versace selbst brachte eine Streetwear-Kollektion für die online shoppenden Cool Kids heraus, beim Kunstbuchverlag Rizzoli erschien jüngst ein opulentes Buch über das Label und seinen weitreichenden Einfluss. Anfang 2018 wird in Berlin eine große Versace- Retrospektive stattfinden.

Das Versace-Comeback hängt, neben dem allgemeinen Ninties-Revival, mit einer anderen Bewegung zusammen: Der Neomaximalismus, für den das Label steht, ist die Reaktion auf die skandinavisch unterkühlte, elegant zurückgenommene Yoga-Reduziertheit der vergangenen Jahre. Die machte sich seit Langem hervorragend auf Laufstegen,  in Conceptstores und auf Instagram – so sehr, dass sie manche nicht mehr ertragen können. Zum Beispiel die in Berlin lebenden Textil- und Produktdesigner Ksenia  Shestakovskaia und Michael Garrett. Der sogenannte gute Geschmack ödete die beiden dermaßen an, dass sie einen schnell rasend erfolgreich gewordenen Instagram-Account ins Leben riefen. Der kleinste gemeinsame Nenner der Internetfunde, die man auf @decorhardcore zu sehen bekommt – vergoldete Toiletten, fluffige rosafarbene Wohnlandschaften und seltsame Neunzigerjahre-Einrichtungsgegenstände von Ebay –, lässt sich unter einem Stichwort zusammenfassen: viel mit viel dran. Manche nennen es Kitsch oder Camp, nicht so Decor Hardcore, die mittlerweile eine Medien- und Designagentur betreiben und gegen das anarbeiten, was sie „Dekor-Shaming“ nennen: „Die Leute haben Angst, sich mit ihren Outfits oder ihrer Wohnungseinrichtung auszudrücken. Decor Hardcore ist ein Ort, an dem sie es dürfen“, so Shestakovskaia. Sie und Michael Garrett möchten, dass sich die Menschen nicht künstlich zurückhalten, sondern ihre verborgenen, manchmal eben golden funkelnden Sehnsüchte frei entfalten können. Versace – wen sonst? – bezeichnen Decor Hardcore als ihren absoluten Wunschpartner für eine eigene Kollektion von Dekoobjekten.

Das Neureichen-Stigma hat Versace also ohne eigenes Zutun abgelegt. Obwohl Geld selbstredend nach wie vor hilft, will man sich zum Beispiel in auf Stoff gedruckte Goldketten von Balenciaga hüllen. Fast 40 Jahre nach seiner Erfindung und 20 Jahre nach dem Tod seines Schöpfers ist der Versace-Barock wieder der heißeste Scheiß unter der Sonne.  


Titelbild: Bomberjacke aus der Versace-Männerkollektion HW 2017. © Versace

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