Moden von Gestern: Waxprints

Text: Anne Waak, Foto: © Vlisco, 03.12.2018

In Ghana, Togo und Nigeria gibt es sie an jeder Ecke und auf jedem Markt in unzähligen Farben und Motiven zu kaufen, Männer lassen sich aus den Stoffen Hemden und Hosen, Frauen dreiteilige Outfits aus Kopfputz, Schößchen-Oberteil und ab dem Knie ausladendem Rock schneidern. Auch als einfacher Wickelrock und zum Transport kleiner Kinder auf dem Rücken werden die Stoffe benutzt. So sehr die Waxprints Teil des afrikanischen Alltags sind, so wenig ist bekannt, dass es sich dabei um ein Amalgam handelt, dessen Entwicklung drei Kontinente und mehrere Jahrhunderte überspannt.

Ihren Ursprung haben die Stoffe in Indonesien, genauer auf Java, wohin die Batiktechnik, Bienenwachs auf Textilien aufzutragen, um sie anschließend zu färben, wohl im 12. Jahrhundert aus Indien importiert wurde. Als die Niederländer Java im 17. Jahrhundert unter ihre Kontrolle brachten, fanden die Batikstoffe ihren Weg nach Europa. Allerdings kamen die Muster bei den Barockmenschen nicht so gut an: zu exotisch. Es dauerte noch zwei Jahrhunderte, bis die Holländer anfingen, die aufwendig herzustellenden Stoffe – ein Sarong konnte bis zu einem Jahr Arbeit in Anspruch nehmen – industriell zu produzieren. Besonders die Händlerfamilie van Vlissingen tat sich auf diesem Feld hervor. Im Jahr 1844 hatte der 20-jährige Pieter Fentener van Vlissingen die im niederländischen Helmond gelegene Baumwolldruckerei seines Vaters übernommen und sie P. F. van Vlissingen & Co. genannt. Sein Onkel Frits, der in der damaligen Kolonie Niederländisch-Indien (dem heutigen Indonesien) eine Zuckerplantage betrieb, war beeindruckt von der Qualität der traditionellen Batikstoffe und schickte ein paar von ihnen nach Hause. Pieter begann – gleichzeitig mit anderen Herstellern in England, der Schweiz und Belgien –, die indonesischen Stoffe zu kopieren. Dieses Mal wurden sie ein großer Erfolg, auch in Indonesien selbst.

Um 1870 herum allerdings ging die Nachfrage zurück. Um einheimische Produzenten zu schützen, wurden in Indonesien hohe Zölle auf ausländische Textilien erhoben, gleichzeitig hatte man eine effektivere Druckmethode erfunden als die der Europäer. Zudem setzte auch noch die Große Depression ein und damit eine schwere Rezession. Doch die Waxprints standen da erst vor ihrer zweiten bis heute anhaltenden Blüte. Zwischen 1810 und 1862 hatten etwa 3.000 aus Ghana stammende Soldaten, die sogenannten Belanda Hintam oder Schwarzen Niederländer, für die niederländische Kolonialarmee in Indonesien gekämpft; bei ihrer Rückkehr nach Westafrika nahmen einige von ihnen Batikstoffe als Geschenke mit nach Hause. Das, in Kombination mit der Suche van Vlissingens nach neuen Absatzmärkten, sorgte dafür, dass die niederländischen Stoffe in Westafrika – wo gewebte und etwa mit Indigo gefärbte Textilien schon immer eine tragende Rolle spielten – bekannt und beliebt wurden. Längst war man dazu übergegangen, neben abstrakten Mustern auch Pflanzen- und Tiermotive zu drucken. Ab den Zwanzigerjahren fanden die Porträts von Häuptlingen, ab den Fünfzigerjahren dann auch die von Politikern und anderen Prominenten ihren Weg auf die Textilien. Heute lassen Unternehmen und Familien, die eine große Feier planen, ihre eigenen Waxprints bedrucken, aus denen dann zueinander passende Outfits geschneidert werden. In Burkina Faso kommt jedes Jahr zum Internationalen Frauentag ein neues Motiv heraus, es gibt Valentinstags-Stoffe und solche mit christlichen und muslimischen Motiven.

Viele der Muster tragen Namen, die den erfahrenen Händlerinnen bekannt sind: Ein Zuckerrohr-Motiv heißt wegen der durch Knoten bestimmten Form der Pflanze „Das Auf und Ab des Lebens”, eine abstrakte Blüte „Good Woman“, ein Kritzelmuster aus den Sechzigerjahren ist nach Ghanas erstem Präsidenten „Nkrumahs Stift“ benannt. P. F. van Vlissingen & Co. heißt heute Vlisco. Die Stoffe, die in der aktuellen Kollektion von Stella McCartney auftauchen, stammen genauso von dort wie die in der Winterkollektion der italienisch-haitianischen Designerin Stella Jean.

In seinem Archiv in Helmond verwahrt Vlisco mehr als 300.000 Motive, Designer aus Kamerun, Nigeria, Mexiko, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden entwerfen ständig neue. Zur Firma gehören auch die in Westafrika beheimateten Marken GTP, Uniwax und Woodin, die vor Ort günstigere Stoffe herstellen. Afrika macht 95 Prozent des Absatzmarktes von Vlisco aus, etwa 60 Millionen Meter Stoff verlassen jährlich die Fabrik. Längst werden auch Waxprints in vergleichbarer Qualität in China hergestellt. Und so reicht die Geschichte der Stoffe von Asien über Europa und Afrika zurück auf den Kontinent, wo sie begann.

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