Möbel für Menschen

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Text: Jasmin Jouhar

Marie Radkes Familie Hempel gehörte zu den charmantesten Beiträgen bei German Design Graduates 2019 (GDG). Als Medienpartner von GDG hat DEAR Magazin Radke für ihre Arbeit ausgezeichnet und stellt sie hier in einem ausführlichen Porträt vor.

Fast jeder hat ihn zuhause, diesen einen Stuhl, auf dem kaum je gesessen wird. Stattdessen erhebt sich darauf ein Berg von Kleidern. Die Hosen, Pullis, Shirts sind bereits getragen, aber noch zu sauber, um sie zu waschen. Sie zurück in den Schrank zu räumen, wäre mit Arbeit verbunden. So wächst der Berg, und der Stuhl verschwindet fast darunter. „Zuhause darf man auch mal faul sein“, sagt Marie Radke. „Wir sind oft so diszipliniert, immer erreichbar, überall präsent. Der Druck nimmt zu, auch durch soziale Medien.“ Für ihr Bachelorprojekt Familie Hempel feiert die 31-jährige Produktdesignerin diese kleinen Alltagsfaulheiten – mit einer ganzen Möbelkollektion zum Thema „Klamottenstuhl“.

Sie entwickelte vier verschiedene Sitzmöbel aus Stahlrohr – Hocker, Pouf, Bank und Hochstuhl –, die Ordnung in das Kleiderchaos bringen können. Damit es zuhause nicht wie bei den ominösen „Hempels unterm Sofa“ aussieht. „Im Möbeldesign wird oft vergessen, dass die Dinge ja von Menschen benutzt werden“, sagt Radke, die ihren Abschluss an der Berliner Universität der Künste bei Ineke Hans gemacht hat. „Darum ging es mir bei Familie Hempel, eine Kollektion für den Mensch und seine Attitüden zu entwerfen.“ Dieser Ansatz brachte ihr nicht nur gleich zwei Auszeichnungen bei German Design Graduates ein. Die Berlinerin konnte die Hempels kürzlich auch auf der Global Grad Show in Dubai ausstellen.

Videi: © Manuel Freundt

Jeder der vier Hempels kann mehr als nur Sitzmöbel. Hocker Hans etwa bietet Stauraum mit Schnellzugriff: Unter der Sitzfläche gibt es ein mit Gummischnüren bespanntes Fach, in das sich T-Shirts bequem reinstecken lassen. Pouf Bruno bringt diskret die ein oder andere Socke zum Verschwinden, schnell zwischen die Rollen seiner Polsterung gestopft. Bank Sepp wiederum ist mit vier Gummibändern bespannt, die bereitwillig Halstuch, Basecap oder Handtasche festhalten. Hochstuhl Regina schließlich wartet auf Hosen, Hemden, Strickjacken. Marie Kondo hätte an dieser eher improvisierten Art der Ordnung sicher keine Freude. Ansonsten aber hat die Designerin mit ihrer humorvollen und entspannten Haltung anscheinend einen Nerv getroffen, denn viele können sich mit den Möbeln identifizieren, wie sie erzählt. Sogar das internationale Publikum in Dubai, das sicher noch nie was vom Sofa der Hempels gehört hat, habe sich auf ihr Konzept eingelassen, so Radke.

Im Laufe ihres Studiums an der UdK sind Möbel zu Marie Radkes Lieblingsthema geworden. „Wir verbringen viel Zeit in unseren Wohnräumen“, sagt sie. „Wie kann man diese Räume so gestalten, dass wir uns darin wohlfühlen?“ Die Designerin sieht Möbel als Begleiter, die man im besten Falle weitervererbt. Ein Praktikum beim Berliner Möbellabel Bartmann war ihr Einstieg in die Praxis: Fünf Monate lang half sie bei der Entwicklung eines neuen Regalmodells und der Planung von Küchen und Einbaumöbeln. Sie lernte, ihre Ideen schnell zu skizzieren oder in Pappmodelle umzusetzen – und ebenso schnell als 3D-Datei am Rechner zu bauen. „Arbeiten in 3D-Programmen ist wichtig, damit man merkt, was funktioniert und was nicht“, sagt sie. Doch ebenso wichtig seien die Gespräche mit Kunden oder Herstellern. „Am Telefon verhandeln, nachhaken, Preise erfragen, die administrative Arbeit, das habe ich bei Bartmann ebenfalls gelernt.“

Auch an der Uni hat sie sich schon vor der Familie Hempel mehrmals mit Möbeln beschäftigt. Hank beispielsweise ist ein kleines Regal mit zwei Böden, die Wangen bestehen aus Aluminium. Dafür experimentierte sie mit der Technik des Sandgusses. „Mit einer 3D-gedruckten Positivform macht man einen Abdruck im Sand und lässt ihn aushärten. Dann gießt man da hinein das flüssige Metall.“ Für ein anderes Projekt arbeitete sie in einer der letzten Korbflechtereien der Stadt. Gemeinsam mit Kommilitone Milan Friedrich lernte sie die Grundlagen dieser fast vergessenen Technik. Die beiden halfen auch in der Werkstatt mit. Am Ende stand ein dekorativer, dreiteiliger Raumtrenner mit einem Rahmen aus Rattan und Bespannungen aus Leder und Textil.

Zurzeit arbeitet Marie Radke in Vertretung als künstlerische Mitarbeiterin im Grundlagenkurs der UdK, parallel dazu verfolgt sie kleinere Projekte in der Artdirektion und im Setdesign. Im nächsten Jahr möchte sie ein Masterstudium beginnen. Ob sie sich danach als Designerin selbständig machen will, weiß sie noch nicht. „Ich frage mich, ob man dafür ein so großes Ego braucht wie die Männer, die erfolgreich sind“, so Radke. „Oder geht es auch anders?“

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