Museo del Design Italiano: Götter und Giganten 

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Text: Norman Kietzmann

Neustart in Mailand: Zum Salone del Mobile 2019 hat im Gebäude der Triennale eine neue Dauerausstellung geöffnet: Das Museo del Design Italiano. Rund 200 Objekte führen durch die Designgeschichte der Nachkriegszeit bis zum Feuerwerk der Postmoderne: der Eröffnung der ersten Memphis-Ausstellung 1981. Kuratiert wurde die Schau von Joseph Grima, dem künstlerischen Leiter des neuen Museums. 

Die Mailänder Triennale ist ein seltsamer Hybrid. Halb Museum mit wechselnden Ausstellungen, halb Event-Location, die von verschiedensten Firmen und Institutionen während der Mailänder Möbelmesse, der viermal im Jahr stattfindenden Modewoche oder sonstigen Anlässen genutzt wird. Wenn man so will: ein großes Potpourri von Interessen und Strömungen, bei dem oft vergessen wird, dass das Haus längst über eine eigene Designsammlung verfügt, die bislang allerdings nur sporadisch zugänglich war. In der Designstadt Mailand hat es an einem Ort gefehlt, wo Design dauerhaft zu sehen ist. Genau das soll sich nun ändern. 

Begriffsfindung des Industrial Design 
Bereits im März hat die von Paola Antonelli kuratierte XXII. Triennale Broken Nature eröffnet, die noch bis zum 01. September zu sehen ist. Die seit 1923 ausgetragenen Triennalen glichen in den Anfangsjahren miniaturisierten Weltausstellungen, auf denen Architektur, Design und Grafik zusammen mit freien Künsten präsentiert wurden. Vor allem die Ausstellungen der Fünfzigerjahre trugen entscheidend dazu bei, die Moderne in Italien und vielen anderen europäischen Ländern zu etablieren. „Besonders interessant war die von Achille und Pier Giacomo Castiglioni kuratierte X. Triennale 1954. Zum ersten Mal ist dort der Begriff Industrial Design verwendet worden, der kurz darauf weltweit übernommen wurde“, sagt der britisch-italienische Architekt Joseph Grima. 

Audiostation RR126 von Achille und Pier Giacomo Castiglioni für Brionvega, 1965. 
Aufbruch in die Moderne 
Der Direktor der Design Akademie Eindhoven und früherer Domus-Chefredakteur ist Leiter des neu eröffneten Museo del Design Italiano. Im U-förmigen Erdgeschoss des Triennale-Gebäudes hat es auf 1.300 Quadratmetern eine dauerhafte Spielstätte gefunden. Die erste Ausstellung mit dem simplen Titel „Part 1“ vollzieht einen chronologischen Streifzug durch die italienische Designgeschichte von 1946 bis 1981. Es ist die Stunde der Götter und Giganten. Arbeiten von Gio Ponti, Franco Albini, Ignazio Gardella, Vico Magistretti, den Castiglioni-Brüdern, Marco Zanuso, Gae Aulenti, Mario Bellini, Ettore Sottsass reihen sich zu einem Best-off an einander, als wäre ein Designlexikon in die dritte Dimension transferiert worden. 

Klangvolle Ufos 
„Ein wichtiges Kriterium war natürlich der Compasso D’oro“, erklärt Joseph Grima, der rund 200 Objekte aus der achtmal größeren Triennale-Sammlung ausgewählt hat. Fast 60 Prozent der Exponate sind mit dem italienischen Design-Oscar ausgezeichnet worden, der 1954 von Gio Ponti gegründet wurde. Der Blockbuster-Faktor ist damit vorprogrammiert. Jedoch sind auch Entdeckungen keineswegs ausgeschlossen. Da ist zum Beispiel der Plattenspieler Cucaracha von Giorgio Madini Moretti aus dem Jahr 1954: Eine seltsame Konstruktion aus Sperrholz und transparentem Plexiglas, die wie eine Requisite aus einem frühen Science-Fiction-Film anmutet. Oder der fast schon abenteuerlich-filigrane Sessel P84 Antiquariato (1962) von Sergio Conti, Luciano Grassi und Marisa Forlani, bei dem die Sitzfläche aus einem hauchdünnen Drahtgeflecht gearbeitet ist. 

Betonung des Prozesses 
Die Architektur der Ausstellung nimmt sich bewusst zurück. Schlichte, weiße Kuben dienen als Unterlage für die Exponate. Eine neutrale, beinahe steril wirkende Inszenierung, die den Fokus auf die Produkte rückt. Interessant ist die Gegenüberstellung vieler Designikonen mit ihren Holzmodellen, die häufig vom legendären Mailänder Modellbauer Giovanni Sacchi angefertigt wurden. Dazu kommen Fotografien, Werbekampagnen oder Originalverpackungen aus dem Archiv der Triennale, die teils zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden. Der Designprozess wird damit ebenso eingebunden wie das Zeitgeschehen. An den gekurvten Wänden des Ausstellungsparcours werden historische Ereignisse und soziale Veränderungen der jeweiligen Zeit dargestellt. Ergo: Kein Design fällt vom Himmel, sondern wird von unzähligen Faktoren beeinflusst. 
Regal Casablanca von Ettore Sottsass, 1981.
Stimmen aus dem Jenseits
„Sehr oft sind die Auslöser der intensivsten und prägendsten Inspirationen keine leblosen Objekte, sondern die Stimmen der Menschen, die sie geschaffen haben. Es geht um das Erzählen von scheinbar banalen Details, die dennoch zu Entscheidungen geführt haben, die von grundlegender Bedeutung für die Designgeschichte waren“, sagt Joseph Grima. Das Format der Erzählung ist tatsächlich ungewöhnlich. Auf einigen Ausstellungssockeln liegen weiße Tischtelefone, genauer gesagt das Modell Grillo von Marco Zanuso und Richard Sapper aus dem Jahr 1964. 

Wer es hochhebt, drückt die Durchwahl 1 und kann den Designern der jeweiligen Exponate im Originalton lauschen. Wer kein Italienisch versteht, drückt die 2 für die englische Übersetzung. An dieser Stelle darf der Ausspruch eines Meisters natürlich nicht fehlen: „Ich mag das Konzeptionelle im Design, das von seiner Art so klar ist, dass man es nicht zu zeichnen braucht. Ich habe viele meiner Entwürfe am Telefon umgesetzt“, erklärte einst Vico Magistretti – ein Gigant, der nicht getrampelt, sondern stets mit Leichtigkeit und Ironie seinen Weg durch die Welt der Gestaltung gefunden hat. 

Vom Rationalismus zum Pop
Zum Ende des Rundgangs mehren sich die Vorboten des postmodernen Designs. Studio Alchimia und Alessandro Mendini, Archizoom und Andrea Banzi. Und schließlich das Bücherregal Casablanca von Ettore Sottsass. Auf der Wand dahinter ein Foto von der Menschenmenge, die sich am Abend des 18. September 1981 am Corso Europa in Mailand versammelte und kein Durchkommen erlaubte: Es war die Eröffnung der ersten Memphis-Ausstellung in der Galerie arc’74, die die Postmoderne von der Nische in den Mainstream hob. Wie es danach weitergeht, erzählt der bislang noch undatierte, zweite Teil des Museo del Design Italiano. 

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