Nendo in Paris: Märchenhafte Installation

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Text: Jana Herrmann

Mit der Installation Ame Nochi Hana verwandelt der japanische Designer Oki Sato mit seinem Studio Nendo im ältesten Pariser Kaufhaus Bon Marché riesige Regentropfen in ein Blütenmeer. 

Keine Frage: Zum kulturellen Erbgut der französischen Hauptstadt gehören auch ihre Luxusboutiquen, Shopping-Tempel und Haute-Couture-Häuser. Dennoch muss sich die Modebranche immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um die Kunden bei Laune zu halten. Vor allem die exklusiven Pariser Kaufhäuser müssen immer kreativer werden, um zahlungskräftige Konsumenten in ihre Häuser zu locken.

Mittel zum Zweck: Spektakuläre Installationen
Eine besonders schöne Idee hat sich in diesem Zusammenhang das älteste Warenhaus der Stadt einfallen lassen: Das Bon Marché begrüßt jedes neue Jahr mit Installationen eines zeitgenössischen Künstlers, die fünf Wochen lang für die Besucher zu sehen sind. „Carte Blanche" heißt die Initiative, die vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde und den Künstlern in ihrer Gestaltung freie Hand lässt. Den Anfang machte 2016 kein anderer als der legendäre chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei, der sich von seiner eigenen Kultur inspirieren und überdimensionale Fabelwesen aus Bambus und Seidenpapier über den teuren Luxusartikeln und in den Schaufenstern schweben ließ. „Das Projekt ist eine gute Gelegenheit“, erklärte Weiwei damals, „um ein Publikum zu erreichen, das meine Kunst nicht gezielt, sondern durch Zufall entdeckt.“

Freude schöner Regentropfen
Auch das neue Jahrzehnt eröffnete das Bon Marché mit einer asiatischen Arbeit: Seit dem 11. Januar 2020 sind dort Installationen des japanischen Designers und Architekten Oki Sato und seinem Studio Nendo ausgestellt. Spielerisch und vielgestaltig präsentiert sich seine Ausstellung Ame Nochi Hana (zu deutsch: Regenblumen), die sich mit insgesamt vier Installationen der Verwandlung von Regentropfen widmet. Für den Haupttrakt des ehrwürdigen Kaufhauses entwickelte Nendo einen subtilen Mechanismus, der in regelmäßigen Abständen perfekt geformte Tropfen von der Decke heruntergleiten lässt, die sich nach und nach in blühende Blumen verwandeln. Sind die Blüten vollendet, ziehen sie sich Richtung Decke zurück- und verformen sich auf Weg dorthin wieder in ihre ursprüngliche Tropfenform. Einen anderen poetischen Kreislauf erzählt Nendo in den acht Schaufenstern des Kaufhauses, in denen sich ein weißer Tropfen zunächst in eine Vase und dann in eine Pfütze verwandelt, aus der schließlich neue Blüten wachsen. Tropfen und Blumen gibt es auch auf der zweiten Etage des Warenhauses zu sehen, auf der Nendo seine Leitmotive durch Regenschirme und raffinierte Lichtinstallationen auf eine Art Laufsteg projiziert. Im Erdgeschoss dagegen zollt Nendo mit 20 Skulpturen in Form von transparenten Wasserflaschen eine Hommage an die feinen Nuancen seiner Muttersprache, die unzählige Formen von Regen unterscheidet – angefangen von leichten Tröpfen bis hin zum satten Regen aus Schnee.

„Ich habe mich für dieses Projekt von Issey Miyake inspirieren lassen, der vor 15 Jahren zu mir sagte: Mit Kunst kann man viele negative Emotionen ausdrücken, aber als Designer muss man für Glück und Freude sorgen“, erklärt Oki Sato. „In diesem Sinne wollte ich etwas schaffen, das diese beiden Extreme vereint. So symbolisieren die Tropfen für mich nicht nur Regen, sondern auch Tränen und Traurigkeit. Aber sie haben auch etwas sehr Positives, denn sie verwandeln sich in Blumen, mit denen wir nur schöne Dinge verbinden.“

Lost in Carte Blanche
Spontan kam ihm diese Eingebung jedoch nicht. Denn zunächst spürte Oki Sato einen enormen Druck, in die Fußstapfen seiner Vorgänger Ai Weiwei (2016), Chiharu Shiota (2017), Leandro Erlich (2018) und Joana Vasconcelos (2019) zu treten. Zudem lautete das Briefing des Bon Marché exakt so wie die Aussage, vor der er sich bei jedem neuen Kunden fürchtet: Du hast carte blanche – du kannst machen, was du willst. „Totale Freiheit ist für mich als Designer der größte Alptraum. Denn wenn es keine konkreten Anhaltspunkte oder ein zu lösendes Problem gibt, bin ich in der Regel völlig verloren. Die absolute Gedankenfreiheit ist eher etwas für reine Künstler“, sagt Oki Sato.

Dass Kunst jedoch auch in Konsumtempeln seinen Platz hat, prophezeite schon Andy Warhol, als er sagte: „Die eigentlichen Museen unserer Zeit sind die Warenhäuser.“ Wir sind auf jeden Fall jetzt schon gespannt, welche künstlerische Intervention es Anfang 2021 im Bon Marché zu sehen geben wird.

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