Vom Notebook zum E-Book

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Text: Cordula Vielhauer, 29.03.2010


Notebook, Netbook, E-Book, Life-Book
? Was vor wenigen Jahren noch als zentnerschweres „Schlepptop“ die Schultern geschäftiger Handlungsreisender niederdrückte, passt heute schon in die Hosentasche: Das Laptop hat seit seiner Erfindung Ende der siebziger und seiner Markteinführung Anfang der achtziger Jahre eine rasante Entwicklung durchgemacht. Es wurde nicht nur immer leistungsfähiger, sondern vor allem leichter, schlanker und differenzierter. So gibt es heute für fast jede Lebenslage einen eigenen transportablen Computer. Dabei verzweigen sich die Entwicklungen immer mehr: Während im professionellen Notebook-Bereich unter anderem an der Herstellung größerer Bildschirme bei gleichzeitiger Volumenreduzierung gearbeitet wird, stehen bei der Gestaltung vor allem für den privaten Gebrauch genutzter Laptops Handlichkeit, Individualität und Usability im Vordergrund. Und dazwischen gibt es noch jede Menge anderer Parameter. Wir wagen eine Navigation durch Geschichte und Typologien des Notebook-Designs.


Der Weg vom Portable zum Notebook war schwer und steinig beziehungsweise klobig. Die Portables waren im Grunde lediglich transportierbare Desktop PCs („Schreibtisch-PCs“), die äußerst voluminös und oftmals nicht einmal mit einem Akku ausgestattet waren. Ein frühes Beispiel ist der Compaq Portable I von 1982, der erste IBM-PC-kompatible Rechner überhaupt und gleichzeitig ein transportabler Nachbau desselben. Seine einzige Referenz an die Mobilität war ein winziger Bildschirm, der in das riesige Rechnergehäuse eingelassen war. Eine abnehmbare Tastatur diente der Kiste unterwegs als Deckel. Allerdings gab es auch andere interessante Zwischenschritte wie den ACT Apricot Portable (1984), der unter anderem über eine per Infrarot ferngesteuerte Tastatur und eine ebensolche „Kugelmaus“ oder auch „Trackball“ verfügte. Außerdem besaß er ein abnehmbares Mikrofon und als einer der ersten Computer überhaupt ein integriertes 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk (zum Vergleich: Für den 1983 erschienenen Olivetti M10 musste man noch einen Kassettenrecorder als Massenspeicher anschließen). Der Portable ist heute so gut wie ausgestorben, seltene Exemplare lassen sich nur noch bei militärischen Einsätzen beobachten.

Digitale Klappstulle: das Laptop


Die Mutter aller Laptops (wörtlich: „auf dem Schoß“) heißt GriD Compass 1100 und wurde vom britischen Designer und späterem IDEO-Mitbegründer Bill Moggridge entwickelt. Ihre Proportionen kamen erstmals in der Geschichte des transportablen Computers denen eines Buchs nahe, sie bestand zudem aus einer Tastatur mit Rechner als Unterseite und einem Deckel, in dem der Monitor untergebracht war. Mit einem Gewicht von „nur“ fünf Kilogramm war GriD vor allem für die amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde NASA interessant; für die alltägliche Office-Nutzung war der Preis von mindestens 8.000 Dollar des 1982 eingeführten Geräts jedoch schlicht zu hoch (das entspricht einem Kaufwert von heute rund 16.000 Euro).

Dennoch öffnete die Kompaktheit des GriD – im Gegensatz zum kofferartigen Portable – sofort Raum für eine Revolution des Büroalltags: Die Idee des modernen Arbeitsnomaden war geboren. Portables wurden jedoch parallel weiterhin produziert. Selbst Apple brachte noch 1989 den Mac Portable auf den Markt (immerhin mit eigenem Akku). Der Begriff Notebook („Notizbuch“) wurde erst Ende der achtziger Jahre vom japanischen Hersteller Toshiba eingeführt; im deutschen Sprachgebrauch werden Laptop und Notebook heute synonym verwendet.

Die Physiognomie des Notebooks


Am Grundprinzip des Laptops hat sich seit seiner Geburtsstunde gar nicht mehr so viel verändert. Es besteht aus einem Monitor als Deckel und einer Tastatur als Unterseite. Interessant sind dabei Gestaltung und „Wanderung“ der integrierten Maus über das Gehäuse. Während aktuelle Notebooks fast ausschließlich mit Touchpads oder Trackpads, also bewegungssensiblen Flächen, ausgestattet sind, waren hier ursprünglich Trackballs integriert, die wie umgedrehte Kugelmäuse funktionierten. Heute werden Touchpads fast ausschließlich vor der Tastatur platziert, beim ersten Mac Portable war der Trackball noch rechts außen angeordnet, der Compaq LTE Lite 4/33C integrierte ihn gar oben rechts direkt neben dem Bildschirm mit weiteren Funktionsknöpfen auf der Bildschirmrückseite. Linkshänder hatten so keine Chance. Diesen kleinen Laptop sollte man allerdings im Normalbetrieb an einen PC andocken.

Die Firma Compaq war im Design mobiler Computer ohnehin recht kreativ, so gab es beispielsweise eine Entwicklungsvariante mit herausnehmbarer Tastatur. Das Keyboard ist im Übrigen nur bei großen Notebooks (Bildschirmdiagonale ab 17 Zoll aufwärts) komplett, bei den anderen fehlt der Ziffernblock. Notebook-Tastaturen lassen sich heute leichter drücken und schlagen leiser an als normale Keyboards.

In den neunziger Jahren ging es jedoch zunächst weniger um das Äußere des Notebooks als vielmehr um sein Innenleben: Oberste Priorität in den Entwicklungsabteilungen war es, die Geräte schnell, kostengünstig und leistungsfähig zu machen, kontrastreiche Bildschirme und ausdauernde Akkus zu entwickeln sowie die gesamte Technik zu minimieren. Die Gehäusefarben bewegten sich zunehmend in einem Spektrum von silbergrau bis schwarz. Trug das erste IBM-Notebook L40SX (1992) noch Eierschalengrau, kleideten sich seine Nachfolger, die „Thinkpads“, bereits in schwarz.

Apples farbenfroher Ausflug mit dem iBook am Ende des Jahrtausends markierte hier einen Wendepunkt, bezeugte sein verspieltes Äußeres (im Gegensatz zum schlichten PowerBook) doch die sich verwischende Grenze zwischen Freizeit und Arbeitswelt, die vor allem von der DotCom-Community gelebt wurde. Das zuvor allein auf Grund seines hohen Preises fast ausschließlich für den professionellen Bereich eingesetzte Laptop wurde langsam erschwinglich und fand so den Weg in die Privathaushalte. Zudem konnte die technische Ausstattung des Notebooks inzwischen mit der des Desktop PCs einigermaßen mithalten, wenngleich weiterhin viele Zusatzgeräte wie beispielsweise CD-Brenner extern angeschlossen werden mussten.

Der Notebook-PC heute


Seit der Jahrtausendwende haben sich daher aus dem Notebook zahlreiche Lifestyle-Ableger generiert. Versteht man das Notebook jedoch als mobiles und dennoch vollwertiges Arbeitsinstrument, dann spielen hier Features wie Leistungsstärke, Bildschirmgröße, Volumen und Gewicht immer noch eine wichtige Rolle: Die „inneren Werte“ sollten dabei im Übrigen mindestens proportional zur Schrumpfung der äußeren wachsen.

Einen Zwitter zwischen so genannten Business- („betrieblichen“) und Consumers-Notebooks („für den privaten Gebrauch“) stellt das im Jahr 2008 lancierte MacBookAir aus eloxiertem Aluminium dar, dessen Materialität an die des MacBookPro (Business) anknüpft, die Bildschirmdiagonale von rund 13 Zoll entspricht jedoch der des schwarzen oder weißen MacBook (für Consumer, 2006). Das MacBookAir verbindet eine extrem hohe Leistungsfähigkeit mit einer fast verschwindenden Präsenz von unter zwei Zentimetern Dicke, die an den Rändern nur noch 0,4 Millimeter beträgt. Bereits 2009 wurde es allerdings vom Latitude Z aus dem Hause Dell unterboten, das mit einem Gewicht von unter zwei Kilogramm und einer Dicke von 14,5 Millimetern das derzeit dünnste und leichteste Business Notebook ist.

In der Welt der modernen Arbeitsnomaden ersetzt das Notebook den Desktop-PC zwar komplett, das heißt aber nicht, dass man auf den Komfort desselben verzichten möchte. Einige Hersteller haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, die ergonomischen Unzulänglichkeiten des Laptop – wie den kurzen Abstand zwischen Tastatur und Bildschirm – auszuschalten. Einen Meilenstein entwickelte in diesem Zusammenhang die Firma Samsung: Im Jahr 2005 kam ihr M70 Notebook auf den Markt. Es war das erste Hybrid-Laptop mit Full-Size-Tastatur sowie abnehmbarem LCD-Bildschirm, der zudem als Desktop-Monitor verwendet werden kann.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das 2009 auf den Markt gebrachte Dell Adamo XPS, ein leistungsfähiges Notebook für den Privatkunden. Durch seinen ungewöhnlichen Klappmechanismus – die Tastaturplatte ist deutlich kürzer als der Bildschirmdeckel – ist der  Winkel zwischen Monitor und Tastatur ergonomisch günstig und sorgt nebenbei für eine bessere Kühlung des Geräts. Besondere Gedanken zur Unterseite des Notebook hat sich der Hersteller Asus gemacht: Diese ist bei seinem ultraschmalen Laptop UX30 gewölbt, wodurch es auch auf den Knien des Benutzers komfortabel zu bedienen ist.

Spezialisierte Notebooks

Die Diversifizierung des Notebook-Designs drückt sich selbstverständlich auch in einer eigenen Gestaltung für spezifische Funktionen aus. So ist das 2009 lancierte ENVY 15w Beats Audio von HP ein eigens für DJs konzipiertes Gerät. Es ist zwar schmal und leicht, hat jedoch den besten Klang auf dem Notebook-Markt und kommt in einer hochglänzenden schwarzen Hülle mit rotem Logo – passend zur analog gestalteten DJ-Hardware. Das Acer Aspire Gemstone Blue mit bis zu fünf eingebauten Lautsprechern, Subwoofer und 16:9-Widescreen-Display zielt dagegen auf Filmfans und Multimedia-Nutzer.

Einfache Notebooks: Netbook und Lifebook


Die Gegenbewegung zum hochleistungsfähigen und spezialisierten Laptop sind die vereinfachten mobilen Computer, gedacht zum Internet-Surfen, schreiben oder Fotos austauschen. Sie heißen Netbook oder Lifebook und entsprechen in ihrer Gestaltung am ehesten einem Lifestyle-Accessoire. Sie dürfen farbig und ein bisschen knubbelig sein wie das von Naoto Fukasawa gestaltete N310 von Samsung, floral umflort wie der HP Mini oder glamourös glänzend wie die Vaio P Series von Sony. Ihre Bildschirmgröße liegt bei rund 10 Zoll, die Tastatur ist auf 92 Prozent geschrumpft, dafür ist jedoch fast immer eine Web-Kamera ist integriert.

Ebenfalls klein und kompakt, aber weniger dem Lifestyle als dem Überleben huldigend ist das 100-Dollar-Laptop. Mit ihm setzt der Hersteller OLPC (One Laptop Per Child) seit 2006 auf die vernachlässigte Zielgruppe der Kinder in Entwicklungsländern. Der von Fuseproject gestaltete Computer soll die Kinder beim Lernen und Kommunizieren unterstützen. Mit seinem Tragegriff und seinen ausklappbaren Wi-Fi-Antennen, die gleichzeitig als Abdeckung der USB-Ports dienen, erinnert die erste Version zunächst an einen Kinderkassettenrekorder; ohne Tastatur geht sie als Spielkonsole durch. Und mit seinem zum hoch-kontrastigen Schwarzweißbildschirm umschaltbaren Farbscreen ist er auch bei extremer Sonneneinstrahlung einsetzbar. Inzwischen hat Fuseproject-Designer Yves Behar allerdings schon zwei Nachfolger mit Touchscreen vorgestellt: das XOXO und das XO-3.

Das Verschwinden der Tastatur: Tablet-PC, Smartphone und E-Book


Der Tablet-PC (Microsoft, 2001) wird über eine sensible Oberfläche (Digitizer) mit einem Stift bedient, sein Vorläufer stammt bereits aus den sechziger Jahren und heißt Dynabook, wobei dieser neben einem bedienungssensitiven Bildschirm ebenfalls die mobile Nutzung antizipierte. Der von Apple 1993 herausgebrachte Newton hatte eine ähnliche Technik und gilt als Prototyp der ebenfalls mit einem Stift bedienbaren PDAs (Personal Digital Assistant). Diese digitalen Notizbücher sind heute komplett durch Smartphones ersetzt, deren berührungsempfindliche Displays sowohl per Stift als auch mit dem Finger bedient werden können. Der Tablet-PC  kommt heute auch als Hybrid mit dem Notebook vor (zum Beispiel der HP Compaq tc4200).

Das E-Book vereint Funktionen eines minimierten Laptops mit einem Touchscreen, es ist größer als das Smartphone und verzichtet auf Funktionen wie Telekommunikation und Kamera. Dafür steht das Lesen von digitalisierten Büchern und Zeitschriften im Vordergrund. Ein frühes Modell ist das Amazon Kindle (2007); als überzeugenderes Exemplar wird jedoch bereits das 2009 lancierte iriver Story gehandelt. Es verfügt über ein E-Ink-Display, das dem Lesen von Druckerzeugnissen erstaunlich nahe kommt und Ermüdungserscheinungen vorbeugt. Seine gute Ergonomie und die Personalisierbarkeit sind weitere Vorteile. Nicht eindeutig einordnen lässt sich das im Januar 2010 von Apple präsentierte iPad, das sich stark an das Apple-Smartphone (iPhone) mit seinen zahlreichen Zusatzfunktionen (Apps) anlehnt. Hier ist die Tastatur (wahlweise) komplett im Touchscreen integriert, für ein professionelles Laptop ist das Gerät jedoch zu schwach. Viele Apple-Jünger sitzen jedoch bereits in den Startlöchern und wollen in Zukunft für das iPad sogar auf ihr Notebook verzichten ...
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