Neue Formen des Lichts

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Text: Katja Neumann


Aus dem interdisziplinären Ansatz des Bauhauses entstanden in den Jahren 1919 bis 1933 Gebäude und Produkte, die ihrer Zeit zweifellos voraus waren. Die Verbindung von Kunsthandwerk und industrieller Fertigung war seinerzeit eine gänzlich neue Philosophie und wurde in den Werkstätten des Bauhauses umgesetzt, deren Produkte schließlich in Bauten wie dem Bauhaus-Gebäude in Dessau zu einem Gesamtwerk zusammengefügt wurden.
Besonderes Augenmerk ist dabei auf das damals junge Medium des elektrischen Lichts zu legen, dem in der Architektur und Innenraumgestaltung sowie später auch in der Fotografie eine bedeutende Rolle zukam. So bezeichneten Augenzeugen das Bauhaus in Dessau mit seiner großflächig verglasten Fassade des Nachts als „Riesenlichtkubus“; László Moholy-Nagy legte mit dem „Licht-Raum-Modulator“ den Grundstein für die Lichtkunst und forcierte in der Fotografie ein „Neues Sehen.“


Zunächst war es jedoch Walter Gropius, der schon vor der Gründung des Bauhauses in den von ihm entworfenen Gebäuden neben architektonischen Leuchten vor allem dem Tageslicht Raum gab und großflächige Glasfassaden einsetzte, wie beispielsweise beim Fagus-Werk oder dem Werkbund-Bau von 1914 mit seinem verglasten, halbrunden Treppenaufgang. Beispielhaft für den Einsatz von Licht – sowohl elektrisches, als auch Tageslicht – sind aber vor allem die Bauhausbauten in Dessau, welche alle in einem Zeitraum von fünf Jahren, zwischen 1925 und 1930 entstanden. Das Bauhausgebäude selbst besticht schon von Weitem durch seine Fassade aus Glas und Stahl, die je nach Lichteinfall den Bau transparent aussehen lässt oder das Licht spiegelt. Auch im Inneren des Gebäudes findet sich immer wieder Glas, das Gropius selbst als Baustoff der Zukunft bezeichnete: als transparente Wände der Werkstättenbereiche oder der Treppenhäuser, sodass auch die Innenräume von Tageslicht erhellt werden. Bei Nacht erstrahlt das Gebäude durch die Beleuchtung wie ein von innen leuchtender Kubus.

Elektrisches Licht hält Einzug in die Haushalte

Bereits mit der Gründung des Bauhauses 1919 war das Thema Licht von herausragender Bedeutung – wenn auch zu diesem Zeitpunkt vorerst hinsichtlich des Tages- und Sonnenlichts in Verbindung mit Architektur. Zwar schritt die Elektrifizierung der deutschen Haushalte rapide voran, doch vollzog sich diese erst nach und nach, von der ersten normierten Glühbirne 1920 bis zum Ende der Zwanziger Jahre. Auch die Bauhäusler arbeiteten zunächst an eher zeitgenössischen Beleuchtungsgegenständen und gestalteten vorwiegend Kerzenhalter. Ausschlaggebend für den Einzug des elektrischen Lichts in die Gestaltung des Bauhauses war der gebürtige Ungar László Moholy-Nagy, der ab 1923 die Leitung der Metallwerkstatt übernahm, wo fortan verstärkt an Leuchten gearbeitet wurde. Wilhelm Wagenfeld, Carl J. Jucker, Marianne Brandt und Gyula Pap schufen in dieser Zeit Lampen, die bis heute als Designklassiker gelten.

Neuer Massenmarkt für dekorative Leuchten

So entstand Mitte der Zwanziger Jahre ein neuer Massenmarkt, denn die Haushalte wollten mit Leuchten für das neue elektrische Licht ausgestattet werden. Sogenannte „Lichttechnische Spezialfabriken“ begannen mit der Produktion von dekorativen Leuchten und auch der Schwerpunkt in der Metallwerkstatt des Bauhauses verlagerte sich zusehends auf die Entwicklung neuer Lampentypen. Bereits 1927 wurde ein erster Vertrag mit der Firma Schwintzer und Gräff abgeschlossen, die 53 Modelle nach Bauhausentwürfen produzierte. Marianne Brandt, die bis heute als eine der begabtesten und produktivsten Leuchtengestalterinnen des Bauhauses gilt, stellte 1928 in Eigenregie den Kontakt zu einer weiteren Lampenfirma her, Körting und Mathiesen aus Leipzig. Nachdem der Vertrag mit Schwintzer und Gräff 1930 auslief, war es die Leipziger Firma, welche die Standardtypen von Schreibtisch- und Nachttischlampen produzierte und in weiterentwickelter Form bis in die Fünfziger Jahre hinein verkaufte.

Licht und Kunst

Doch nicht nur Leuchten entstanden unter dem Einfluss von László Moholy-Nagy, auch die Lichtkunst nahm im Bauhaus ihren Anfang. Elektrisches Licht war damals ein Medium, das viele Möglichkeiten prophezeite. Moholy-Nagy vermutete bereits 1922, dass es eine völlig neuartige Kunst hervorbringen werde. Dennoch handelte es sich vielfach noch um Utopien: Den Künstlern fehlten zumeist die technischen Möglichkeiten, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Erst 1930 präsentierte Moholy-Nagy den von ihm entwickelten „Licht-Raum-Modulator“, ein von Elektromotoren angetriebener Apparat, versehen mit Lichtröhren und Glühlampen, der sich langsam drehte. In einem Abstand von zweieinhalb Minuten blitzen die 70 Glühlampen auf, ebenso wie weitere, um den Apparat herum angeordnete farbige Lichter. Neuartig war damit die Umsetzung von Licht als Kunstform, als rein ästhetische Erfahrung ohne den praktischen Nutzen der Be- oder Ausleuchtung. Weitere Lichtentwürfe Moholy-Nagys umfassten ein „Polykino“, ein Städtelichtspiel, Fotoexperimente oder einen „Raum der Gegenwart“ mit projizierten Displaysystemen für Fotografie, Film- oder Diaprojektionen, der im Jubiläumsjahr 2009 im Bauhaus Dessau rekonstruiert wurde.

Neues Sehen

Die Fotografie wurde in den Anfängen des Bauhauses kaum beachtet und nicht als eigenständige künstlerische Ausdrucksform angesehen. Auch hier war es László Moholy-Nagy, der ab 1923 den Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie gab und den Begriff des „Neuen Sehens“ prägte. „Malen mit Licht“ oder die „reine Gestaltung mit Licht“, wie er es ausdrückte, fand seinen Ausdruck in abstrakten Lichtbildern, Fotogrammen sowie in ungewöhnlichen Bildausschnitten und Aufnahmeperspektiven. Auch durch seine Experimente mit Fotomontagen, Collagen und Mehrfachbelichtungen war es Moholy-Nagy, der die Fotografie zur eigenen Kunstform erhob und damit einen regelrechten Fotografie-Boom am Bauhaus auslöste. So formierte sich besonders in Dessau eine lebendige Fotoszene, deren fotografische Experimente wie auch zahlreiche Schnappschüsse bis heute erhalten sind. Teil dieser Szene war auch Moholy-Nagys Frau Lucia Moholy, deren dokumentarische und im Sinne einer „neuen Sachlichkeit“ geschaffenen Fotografien das Bild des Bauhauses bis heute prägen.

Eine umfassende Retrospektive zum Werk von László Mohloy-Nagy ist ab Oktober 2009 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen.

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