Neue Malerei in Münsingen

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Text: Stephan Burkoff

Partner: USM

Edelstahlkugeln, Rohre und Stahlbleche: Mit nicht mehr als diesen drei Elementen sind die Möbel von USM in sechzig Jahren vom Klassiker zum Standard avanciert. Die Investition in eine neue Pulverbeschichtungsanlage im schweizerischen Münsingen beweist, dass das Unternehmen USM mit seiner konsequent verfolgten Produktstrategie auch in turbulenten Möbel-Zeiten fest im Sattel sitzt.

Eine ganze Reihe von Erfindungen müssen den Schweizern zugeschrieben werden, vielleicht sogar die des Großraumbüros. Denn bereits Anfang der 1960er-Jahre hatte Paul Schärer, Enkel des USM-Firmengründers Ulrich Schärer, die Idee verwirklicht, die Verwaltung seines stahlverarbeitenden Unternehmens in einem einzigen Büro unterzubringen. Zu diesem Zwecke ließ er sich von dem Architekten Fritz Haller auf Firmengrund einen zentral gelegenen Pavillon bauen, der wie die neuen Werkshallen auf einem eigens für USM entwickelten Stahlbausystem basierte: Der Open Space war erfunden. Nur die entsprechenden Möbel gab es noch nicht. Weshalb kurzerhand aus den architektonischen Prinzipien des Hallerschen Stahlbausystems eine Möbelserie entwickelt wurde: das USM Haller Möbelbausystem.

Swiss Made
So mühelos, wie sich das Hallersche Stahlbausystem erweitern ließ, so elegant und formschön konnte es auch auf den kleineren Maßstab übertragen werden. In fünf Jahren Entwicklungszeit entstand ein Möbelsystem, das vom Konzept her nie modisch sein sollte, sondern höheren Prinzipien folgt: Architektur stilistisch reduziert und auf den Punkt gebracht. Flexibel. Stabil. Wertig. Im Wesentlichen entspricht das heutige Möbel, trotz ständiger Produktpflege, noch immer seinem Ursprung und dessen Prinzipien. Dennoch wurden laufend Details aktualisiert und Verbesserungen vorgenommen, was sicherlich auch einen Beitrag zum Erfolg geleistet hat. Ob in der Verwaltung, in Kanzleien, Büros oder Privathäusern, USM hat über die Jahrzehnte seinen Weg in viele Räume und Funktionen gefunden.

Weltbekannt und unnachahmlich
Von der kleinsten Box bis zu komplexen Büroausstattungen, aus den späten Siebzigern bis heute: Ähnlich sehen sie sich alle – doch die Funktionalität und das Innenleben haben sind stetig verändert. So gut es den vielen Kopisten heute gelingt, die schlichte Formgebung der Module zu imitieren, Qualität und Funktionalität bleiben unerreichbar. Und sind im übrigen auch ein einfacher Weg, Original und Fälschung zu unterscheiden: Die Fertigung von Scharnieren, Klappmechanismen und Schlössern erfordert deutlich mehr Geschick als eine visuelle Nachahmung. Herstellung und Verarbeitung aller USM-Produkte und ihrer Einzelteile sind zu fast einhundert Prozent in Münsingen verortet. Swiss Made lässt sich einfach nicht kopieren. Die vier Produktlinien USM Haller, USM Haller Table, Kitos Table und USM Display sind bekannt und erfolgreich in beinahe aller Welt: Seit 2001 gehören sie zur Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA), und mit seinen neun Showrooms und mehr als 400 Verkaufspartnern in insgesamt 40 Märkten ist das vom beschaulichen Münsingen aus gesteuerte Unternehmen längst ein global Player.

Die vier Produktlinien USM Haller, USM Haller Table, Kitos Table und USM Display.
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Organisches Wachstum
Parallel zu einem organischen Wachstum ist die Auslastung der Produktion und Fertigung stetig gestiegen. Der Hallenkomplex und seine stückweise Erweiterung erinnern uns heute von oben an das verschachtelte Tetris (das im übrigen erst 1984 erfunden wurde) und beweisen, wie sehr Fritz Haller die architektonischen Erfordernisse organischen Wachstums begriffen hatte. Über die Jahre wurden immer neue Elemente zugefügt – Lager, Produktion, Montage, Verwaltung und Herstellung. Heute wirkt alles wie aus einem Guss. Der inzwischen nur mehr zu Präsentationszwecken genutzte Pavillon ist U-förmig von Haller-Bauten umgeben. Auch die Produktion hat sich verändert. Nahezu alle Bauteile werden zwar immer noch komplett vor Ort produziert, zumeist aber mittels speziell angefertigter vollautomatischer Maschinen und Roboter. So auch in der jüngst in Betrieb genommenen, neuen Pulverbeschichtungsanlage

Versenkte Architektur
Die computergesteuerte Anlage ersetzt die Maschinen der alten „Malerei“, wie die Farbbeschichtung liebevoll von Mitarbeitern genannt wird. Diese war schrittweise auf vier Anlagen ausgebaut worden und nun nach 25 Jahren Betrieb nicht zuletzt aus energetischen und ökologischen Gründen an ihre Grenzen gekommen. Weil in den bestehenden Bauten der Platz knapp wird und die U-Form des Komplexes erhalten bleiben sollte, liegt die neue Anlage allerdings unter der Erde. Am 7. November 2011 setzte der Bagger zwischen den bestehenden Produktionshallen zum Aushub einer riesigen, 30 mal 150 Meter großen Baugrube an. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Parkplatz, der mit 22 Betonkuben durchsetzt ist: den Oberlichtern der unterirdischen Halle. Der 2013 fertig gestellte Bau erstreckt sich auf einer Fläche von über 4.000 Quadratmetern und schmiegt sich im Westen und im Süden an die Untergeschosse der bestehenden Bauten. Nach Osten öffnet er sich nach dem Prinzip „Harte Halle, weiche Umgebung“ zu einem naturnah gestalteten Terrain, das sanft zur Erdoberfläche ansteigt und so für natürlichen Lichteinfall sorgt. Die auf dieser Seite sichtbaren Bauteile der Fassade sind in Sichtbeton gehalten und werden von einer großflächigen Verglasung durchbrochen.

In 14 Farben zum Erfolg
Die dahinter verborgene, „neue Malerei“ mutet futuristisch an. Farbige Markierungen am Boden, rhythmisch surrende Roboterarme, wie von Geisterhand umherfahrende Racks mit Stahlblechpanelen in verschiedenen Verarbeitungsstadien. Die hochmoderne, computerisierte und mit Robotertechnik ausgestattete Anlage hat Pioniercharakter und läutet für USM eine neue Phase der Möbelproduktion ein – und zwar ebenso produktionstechnisch wie ökonomisch und ökologisch. Auch wenn sie prozesstechnisch – also, in der Art und Weise, wie das Pulver auf die Bleche aufgebracht und eingebrannt wird, kaum anders funktioniert als die alte. Automation und schlaue Software steigern den Output und senken die Kosten. Seit Anfang 2014 befindet sich die Anlage im Testbetrieb. Bald wird sie die vier bestehenden Apparaturen ersetzen und 30 Prozent mehr der charakteristischen Stahlbleche in 14 verschiedenen Farben produzieren, mit denen USM in sechzig Jahren vom Klassiker zu einem Standard geworden ist. Besser als mit Möbeln von USM kann man sein Geld kaum verpulvern.

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