Neues Deutsches Design – Ein Rundgang

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Text: Katharina Horstmann, 25.02.2009


Dem deutschen Design sind viele Attribute angeheftet worden: Das Design der Funktionalität, der radikalen Vereinfachung, der technischen Innovation, der Zuverlässigkeit, der Langlebigkeit, der grundsoliden Qualität. Die Liste ist noch lange nicht vollständig, aber Begriffe, mit denen das deutsche Design so gut wie nie in Verbindung gebracht wird – die Designrebellion der 1980er Jahre ist schon längst vergessen – sind die der Experimentierfreudigkeit, der Verspieltheit oder auch der Provokation.


Warum eigentlich nicht? Genau dieser Frage folgt die jüngst eröffnete Ausstellung „Nullpunkt. Nieuwe German Gestaltung“, Auftakt einer Reihe von Designausstellungen im MARTa Herford, und zeigt dabei ein eher untypisches Gesicht des deutschen Designs – mit eben jenen Attributen.

Die Ausstellung präsentiert „keine Parade der Errungenschaften, keine Galerie der Referenzprojekte und keine Leistungsschau des Industriedesigns. Im Gegenteil – mit ihrem belgischen Kurator Max Borka bewegt sie sich außerhalb ihres nationalen Kontextes.“ Denn: „Deutsches Design gibt es nicht mehr“, so der neue Museumsleiter Roland Nachtigäller. „Erst an einem neuen ‚Nullpunkt’ können die Fäden wieder aufgenommen werden."

Konzeptioneller Neuanfang

Also wird die deutsche Designlandschaft auf eine ungewohnte Weise erfahrbar gemacht: Im ersten, sogenannten „Norm als Nullpunkt“-Teil sind zum einen Beispiele zu sehen‚ die auf eine radikale Dekonstruktion der Norm zielen, wie das Kollektiv Redesigndeutschland, das orwellesk eine Standardisierung von Sprache und Zeit sowie eine Neugestaltung von ganz Deutschland fordert. Zum anderen werden Exempel der jüngsten Generation vorgestellt, insbesondere aus Berlin, dem Standort der Ich-Industrie oder – laut Borka – „der ersten postindustriellen Metropole“.

Hier geht es ebenfalls um das Infragestellen. Zu sehen sind vor allem Designer, die sich mit bereits existierenden Objekten oder Konzepten auseinandersetzen, um etwas Neues zu schaffen. So entlarven Farsen & Schöllhammer die Norm als bloßen, unspektakulären Durchschnitt  und beweisen auf eine spielerische Art und Weise, dass die Abweichung von dieser alles andere als ein Defizit bedeuten kann. Das scheinbar herkömmliche Regal ‚Platzhalter’ des Designerduos lässt sich dank eines verborgenen Bogens erweitern; die klassisch rechteckige Form weicht dabei einem V-förmigen Umriss und bietet Raum für eine aus den Nähten-platzende Anzahl von Büchern.

Neue Wahrnehmung

Tina Roeder hingegen hinterfragt die allgemeine Wahrnehmung von Objekten. Die in Berlin lebende Designerin zerlegt archetypische Produkte und untersucht dabei, was diese zu etwas Persönlichem oder zu etwas Anonymem macht. Ein Beispiel ist ihr Projekt ‚Visual Anaesthesia’ – zu Deutsch: visuelle Betäubung – und die daraus resultierende „Naked Couch“, einem ärztlichen Untersuchungstisch, der nur durch fleischfarbene Gürtel zusammengehalten wird. Er ist ein universales Objekt und kann zugleich zu einem Ort voller persönlicher Assoziationen werden. Mit Hilfe des „Stripping down“ oder des Dekonstruierens von Formen und Themen versucht Tina Roeder deren Bedeutung und Relevanz für die heutige Zeit zu begreifen. Dabei tut sie dies nur, um diese im Nachhinein wieder zu rekonstruieren – als subjektives Update und als Transformation ihrer Rechercheergebnisse in Material und Form.

Auch präsent sind einige Münchner Designer, die sich nicht so sehr – aber definitiv anders als ihre Berliner Kollegen – auf Konzepte und Prozesse konzentrieren, sondern auf die industrielle Gestaltung von Produkten. Ihr renommiertester Vertreter ist Konstantin Grcic, ein Purist, der, wie die New Yorker Designkuratorin Paola Antonelli einmal sagte, „aus seiner Begabung durchaus poetisches Kapital zu schlagen weiß.“ Sein Sitzelement ‚Landen’ aus Stahlrohr, Stahlgittern und Stahlrampen, das an eine Mondlandestation erinnert, sich jedoch als eine neue Art von Freiluftmöbel definiert und alle anerkannten Typen von Sitzgelegenheiten ignoriert, leitet in den zweiten „Nullpunkt als Norm“-Teil der Ausstellung über.

Multinationale Einflüsse

Dieser eigentliche Hauptteil ist ganz dem Nonkonformismus gewidmet. Die im Zentrum stehenden Designer sind Immigranten oder Emigranten und kennen die deutsche Normaffinität nicht. Dieser Umstand erklärt auch den Untertitel der Ausstellung: Die „Nieuwe German Gestaltung“ ist Spiegel der deutschen Gesellschaft, die äußerst multikulturell geworden ist. Laut Borka sind diese ausstellenden Designer die wichtigsten Vertreter einer Generation, die Industrie- und Produktdesign gegen Prozess- und soziales Design sowie Installationen austauschte. Damit stellen sie nicht nur Design und den Wert von Dingen in Frage, sondern die ganze Gesellschaft, um ein sogenanntes neues Alphabet zu schaffen.

Zu ihnen gehören die beiden in Berlin ansässigen Spanier Rosario Hurtado und Roberto Feo von El Ultimo Grito, die durch Kunstinstallationen aber auch kommerzielle Projekte unser Verhältnis zur Kultur und zu den Dingen erforschen. Teil ihrer Installation „Abandoned Architecture’“ und eigens für die Ausstellung entworfen sind die „Space Vases“, mundgeblasene architektonische Utopien aus Pyrexglas. Der ebenfalls aus Spanien stammende Marti Guixé dagegen ließ sich vom Bauhaus inspirieren: Er setzt einen Bindestrich zwischen die Bestandteile des Namens und nimmt den Imperativ wortwörtlich: Er baut ein Haus – und ruft zum „Forever Bau-Haus“-en auf.

Salon des Amateurs

Den Abschluss macht der ‚Salon des Amateurs’ des in Berlin geborenen und lebenden Kanadiers Jerszy Seymour, einen speziell für die Ausstellung gebauten vulkankraterförmigen Pool. Hier kann der Besucher ein Bad nehmen, sich von der Designgeschichte frei waschen und bei einem Glas Wodka über neue Utopien diskutieren.

Ganz gleich also, wohin wir in der Ausstellung schauen – die neue Sicht auf deutsches Design ist durchaus gelungen. „Entstanden ist dabei etwas eher „Undeutsches“,“ erklärt Nachtigäller. „Ein vielstimmiges Brausen im Design-Wald, ein offenes Arbeits- und Diskussionsfeld zwischen Chaos und Rückbesinnung, eine Ausstellung, die ihr Thema eher fragend formuliert als schnellen Thesen zu verfallen.“ Dem stimmen wir zu.



Zur Ausstellung, die noch bis zum 19. April im MARTa Herford zu sehen ist, ist ein Katalog erschienen:


"Nullpunkt: Nieuwe German Gestaltung" von Max Borka (Autor), Boris Groys (Autor), Michael Kröger (Autor), MARTa Herford (Herausgeber) Broschiert: 200 Seiten; Verlag: Kerber Christof Verlag; Auflage: 1 (Februar 2009)

Weitere Veranstaltungen:

Dienstag, 24. März, ab 19 Uhr: „PUNKT ZWEI“
Warum muss Design wieder bei NULL beginnen? Wie sieht ein NULLPUNKT im Medium Design aus?
Ein Diskussionsforum mit Designern und Autoren stellt diese und andere Fragen im Kontext der Ausstellung.

Samstag, 18. April, ab 16 Uhr: „PUNKT ZWEI“
Am Ende von „Nullpunkt“ erwartet Sie im Ambiente der Ausstellung ein weithin offenes Ereignis unter dem Motto „From Null to full“ – Workshops, Gespräche mit ausstellenden Designern, kulinarische Überraschungen, angerichtet von Max Borka, und anderes mehr.
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