New Olds: Fallschirm für die Gegenwart

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Text: Norman Kietzmann


Hat das Neue womöglich ausgedient? Dass Innovation immer häufiger als Variation des Traditionellen daherkommt, nimmt das Design Museum in Holon mit der von Volker Albus kuratierten Ausstellung „New Olds“ unter die Lupe. Die Schau, die vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem Goethe Institut in Tel Aviv initiiert wurde, schlägt eine Brücke zwischen der europäischen und der israelischen Designszene und bringt das eigentümliche Befremden gegenüber der eigenen Zeit auf den Punkt. 


Die Sehnsucht nach Vergangenem ist derzeit groß im Design. Und die Gründe dafür liegen durchaus auf der Hand. Alte Dinge wecken Vertrauen und rufen automatisch Erinnerungen wach, zu denen neue Formen naturgemäß kaum fähig sind. Dass vor allem die jungen Gestalter mit Vorliebe historische Themen interpretieren, mag ein wenig anachronistisch klingen. Was fasziniert die unter Dreißigjährigen an Geweihen, Kuckucksuhren, barocken Kommoden bis hin zu Designklassikern von Bauhaus bis Memphis – gepaart mit einer besonderen Aufmerksamkeit für fast vergessene Handwerkstechniken wie Weben, Flechten, Sticken oder Glasbläserei?

Zurück zu den Wurzeln

Anders als in den siebziger und achtziger Jahren, als die Postmoderne den Blick in die Vergangenheit öffnete, fehlt es den jungen Designern an einer verbindenden Ideologie. „Es gibt heute keine Manifeste, keine Sammlung von Thesen oder einen neuen, verbindenden Denkansatz im Design“, schreibt Volker Albus im Vorwort der von ihm kuratierten Ausstellung „New Olds“. Dass dem so ist, liegt in den Augen des Professors der HfG Karlsruhe weniger am fehlenden Mut für neue Ideen. Manifeste verlangen – zumindest im bisherigen Sinne – nicht nur die klare Definition von etwas grundlegend Neuem. Sie basieren auch auf der radikalen Ablehnung dessen, was im Sinne ihrer Thesen als überaltert und damit überflüssig erscheint.

Doch genau an dieser Stelle liegt das Problem. Es gibt heute keinen verbindlichen Stil in der Gestaltung mehr, gegen den es sich noch aufzubegehren lohnt. Wenn alles möglich ist, bietet zumindest das Vertraute ein gewisses Maß an Orientierung. „Die Haltung unserer Zeit ist vielmehr die Verbindung und der Dialog mit der Vergangenheit“ als deren Ablehnung, schreibt die Autorin Nirith Nelson in ihrem Essay „Exercices in Geometrical Thought“, der ebenfalls im Rahmen der Ausstellung erschienen ist. Für Volker Albus dient der Blick in die Vergangenheit nicht nur als Fundgrube für neue Ideen, sondern ebenso der Bestimmung der eigenen Identität, die im heutigen Design eine immer zentralere Rolle spielt.

Materielle Neukomposition

„Viele junge Designer sind sich ihrer eigenen Kultur kaum bewusst und versuchen, den westlichen, internationalen Stil zu kopieren“, erklärt Albus weiter, der die Suche nach den eigenen Wurzeln zugleich zum kuratorischen Leitsatz seiner Ausstellung machte. Neben den Arbeiten von 70 deutschen, britischen, schweizerischen, niederländischen oder französischen Designern wurden die Entwürfe von 18 vorwiegend jungen Gestaltern aus Israel mit eingebunden – darunter Arbeiten von Arik Ben Simhon, Pini Libovich oder Tal Mor – die nun zusammen die beiden Etagen von Ron Arads schwungvollen Museumsbau bespielen.

Den Auftakt zur Ausstellung liefert gleich ein alter Bekannter: der aus hölzernen Spanplatten gefertigte Elch, mit dem das Lausanner Designkollektiv Big-Game bereits 2004 für Schlagzeilen sorgte. Wird die Vergangenheit hierbei zum grafisch-verfremdeten Zitat, bei dem kein Tier um sein Haupt mehr fürchten muss, gehen andere Gestalter den Weg über die Materialität. Auch der Plastic Chair in Wood (2008) darf hierbei nicht fehlen, mit dem der Niederländer Maarten Baas den billigen Monobloc-Kunststoffstuhl in ein hochpreisiges Sammlerstück aus Holz verwandelte. Gelang Martino Gamper mit seinem Mono Thone (2010) eine spielerische Neukomposition aus einem zum Torso gestutzten Monobloc und eigens maßgefertigten Armlehnen aus Bugholz, setzte ebenso der junge deutsche Designer Stefan Legner auf die Kraft des Hybrids. Sein Monochaise (2010) verschmilzt die charakteristische Form des Monoblocs mit der organisch geschwungenen Sitzschale von Charles und Ray Eames’ Klassiker La Chaise und gibt dem meist produzierten Sitzmöbel der Gegenwart die nötige Brechung.

Der Teppich als Medium

Doch nicht nur dem Thema Stuhl wird mit 23 ausgestellten Arbeiten viel Platz eingeräumt. Auch der Boden rückt verstärkt in den Fokus, an dem die Auseinandersetzung mit der Geschichte auf ebenso deutliche Weise lesbar wird. „Der Orientteppich...ist der Inbegriff des obsoleten bürgerlichen Interieurs“, bringt Volker Albus das Ressentiment der frühen Moderne auf den Punkt. Ihre Rechtfertigung bezogen die Bauhäusler und Ulmer durch ihre formelle (Orientteppich gleich Ornament) wie gesellschaftliche (bürgerlich gleich traditionell gleich rückwärtsgewandt) Ablehnung des Vergangenen, das überwunden werden musste, um neu und damit modern zu sein. Doch dann beschreibt Albus, wie auch der Perserteppich seinen Status durch billige Massenware, die Westeuropa ab den 1970er Jahren überflutete, veränderte: „Es gibt kaum ein Element in unserer Einrichtungskultur, das auf ähnliche Weise seine einstige Bedeutung verloren hat wie der Orientteppich.“ Für viele junge Gestalter wird das vergessen geglaubte Objekt genau an dieser Stelle aber wieder interessant.

Gleich ein halbes Dutzend Teppichentwürfe in der Ausstellung machen deutlich, wie eine Wiederbelebung des Persers gelingen kann. So interpretierte die deutsche Designerin Katrin Sonnleitner den Teppich in ein interaktives Puzzle-Spiel, das vom Benutzer individuell zusammengesetzt werden kann. Sebastian Herkner verordnete dem Teppich die Silhouette eines erlegten Bärenfells und entwickelte die einstige Rolle als Statussymbol und Trophäe auf ironische Weise weiter. Playing with Tradition (2008) nennt der Brite Richard Hutten seinen Teppich, der auf den ersten Blick wie ein technischer Unfall wirkt. Zeigt das obere Ende des Teppichs Motive traditioneller, orientalischer Ornamentik, erfolgt im Anschluss ein abrupter Übergang zu einem stilisierten Barcode. Die Fäden, die zuvor zu kunstvollen Arabesken von Hand geknüpft wurden, laufen als gerade Linien längst über den Teppich und transportieren ihn im Handumdrehen vom orientalischen Basar in die digitalisierte Warenwelt von heute.

Design der kleinen Eingriffe

Dass der Teppich noch nicht einmal gewebt werden muss, um als solcher in Erscheinung zu treten, zeigt Wendy Plomps mit ihrer Arbeit Message in a box (2006-2008). Die Motive traditioneller Perserteppiche ließ die niederländische Designerin auf die Innenseiten auseinander gefalteter Pappkartons drucken und führte die Anmutung des einstigen Luxusproduktes vollends ad absurdum. Eine traditionelle Form neu zu beleben, gelang ebenso der deutschen Designerin Silvia Knüppel mit ihrem Kleiderschrank Drückeberger (2007). Mit den Vorbildern aus Omas Zeiten hat dieser lediglich die Form gemein. Gefertigt wird der Schrank als massiver Block aus schwarzem Styropor, in welchem Kleider und Objekte lediglich in schmalen Einschnitten verstaut werden können, während auf Türen, Fächer oder Schubladen verzichtet wird. Auf die Wirkung von Ready Mades setzte unterdessen Haim Parnas mit seiner Sitzbank Raw 001 (2010). Der israelische Designer, der zugleich den Lehrstuhl für Produktdesign an der Designakademie von Jerusalem leitet, verwendete einen hölzernen Balken als Sitzfläche, der zuvor von der israelischen Eisenbahn für den Schienenbau zum Einsatz kam. Ausstaffiert mit vier hölzernen Beinen und einem hoch herausragendem Ast wird das Relikt zu einem stilisierten Pferd, das kindliche Phantasien mit materieller Rauheit in Einklang bringt. 

Tradition als Fallschirm

Doch so sorgsam die Auswahl der Exponate und ihr Arrangement zu kleinen Gruppen bestimmt wurde: Was kommt nach den „New Olds“? Hat das Neue nur Bestand, wenn es im Gewand einer historischen Interpretation daherkommt? Der spielerisch geprägte Ansatz vieler Designer scheint verständlich. Aber sie laufen auch Gefahr, sich im Dschungel endloser Referenzen zu verlieren. Vor allem jene Arbeiten, die in den Medien schon mehrfach behandelt wurden, wirken nur wenige Jahre nach ihrem Entstehen erstaunlich abgenutzt. „Warum nicht?“, antwortet Volker Albus die Frage, worin der Zweck einer kontinuierlichen Transformation des Traditionellen liegen soll. Dass für ihn der pädagogische Aspekt im Mittelpunkt steht, über den Blick in die Vergangenheit einen eigenen Zugang zur Gegenwart zu finden, steht außer Frage. Doch viele der angehenden Talente dürfen ebenso nicht vergessen: Ohne den entscheidenden Ausblick in die Zukunft sind selbst die smarten „New Olds“ bald nur noch Schnee von gestern.


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