Nouvelle Vague: Ronan & Erwan Bouroullec

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Text: Norman Kietzmann

Die französische Designszene hat mit Ronan und Erwan Bouroullec ihre neuen Stars gefunden. Sie experimentieren mit neuen Formen, Materialien und Herstellungsweisen und verbinden Funktionales häufig mit einer Spur Romantik. Dabei scheinen die Brüder aus der Bretagne noch immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben zu sein.
Als im April 2000 auf der Mailänder Möbelmesse die „Lit Clos“ der beiden Franzosen ausgestellt wurde, war die Verwirrung zunächst groß. Denn das auf vier Beinen mitten im Raum stehende Hochbett erweckte so manche Kindheitserinnerungen an Baumhäuser oder einen Jägerhochstand. Dabei ist die Frage, worum es sich bei dem Objekt überhaupt handelt, gar nicht so wichtig für die beiden Designer. Sie mögen diese ambivalente Wirkung und entwerfen gerne Produkte, die sich den klassischen Kategorien entziehen und vom Benutzer unterschiedlich gebraucht werden können. „Erwan und ich lieben es, jemandem einen Gegenstand in die Hand zu geben und zu sehen, was er damit macht.“ Gibt Ronan Bouroullec offen zu.
Angefangen hat ihre Erfolgsgeschichte vor nur acht Jahren, als Ronan, der ältere der beiden Brüder, nach Gründung seines eigenen Designstudios auf dem Pariser Salon du Meuble eine frei kombinierbare Küche präsentierte. Diese fiel Giulio Cappellini ins Auge, der daraufhin anregte, sie und einige seiner älteren Entwürfe bei Cappellini zu realisieren. Als Ronan merkte, dass er nun einen Assistenten brauchte, holte er seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Erwan mit ins Boot, der soeben die Ecole des Beaux Arts in Cergy absolviert hatte. Im Laufe der folgenden Jahre kamen schnell weitere Aufträge hinzu, von namhaften Herstellern von Designprodukten wie Vitra, Magis, Iittala oder Ligne Roset.
Dabei hat ihr relativ kleines Büro in den letzten Jahren gleich eine ganze Reihe von Produkten entwickelt, die den Weg in die Designsammlungen der großen Museen gefunden haben. Ihre Entwürfe sind vor allem multifunktional und offen. Sie wollen sich nicht auf eine klare bestimmte Funktion festlegen lassen. Auf den ersten Blick wirken sie eher ein wenig technisch, zugleich aber auch verspielt und manchmal sogar verträumt. Funktionales erhält bei ihnen stets eine Spur Romantik. So ziehen sich ihre „Algen“ für Vitra beispielsweise wie ein natürliches Geflecht durch den Raum und changieren dabei zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit. Die einzelnen kleinen Algenstücke können immer wieder neu miteinander kombiniert werden und lassen sich von losen Strukturen bis hin zu blickdichten Raumteilern zusammenfügen.
Bei dem Tischsystem „Joyn“ bringen sie das gesamte Büro an einem großen Tisch zusammen. Der Chef und seine Mitarbeiter begegnen sich so auf Augenhöhe, wodurch die Kommunikation direkter und spontaner wird, als es bisher der Fall war. Mittels variabler Sichtblenden kann der Einzelne sich einen separaten Bereich schaffen, ohne vom Rest des Büros getrennt zu sein. Die Idee für dieses Produkt hatten die beiden Brüder vom Haus ihrer Großeltern in der Bretagne übernommen. Alles Leben findet dort um den großen Küchentisch herum statt, an dem alle zusammensitzen, miteinander reden und zugleich die unterschiedlichsten Arbeiten erledigen.
Leichtigkeit, Veränderlichkeit und Immaterialität sind die Stichwörter, die sich durch fast alle Entwürfe der beiden Brüder ziehen, ebenso das Spiel mit modularen und beliebig erweiterbaren Systemen. Bei ihrer aus acht verschiedenen Elementen bestehenden Vasen-Serie „Combinatory“ für Cappellini gingen sie sogar soweit, dass keines der Module einzeln zu gebrauchen ist und erst in der Kombination eine Funktion erhält. Die Produkte werden dadurch interaktiv und können von dem Benutzer spielerisch zusammengesetzt und gebraucht werden. Erst dadurch werden sie vervollständigt und erhalten eine Funktion.
Dabei sehen die Brüder ihre Entwürfe auch immer in einem industriellen Kontext. Sie entwerfen nicht für Einzelanfertigungen, sondern lieber für größere Auflagen. Wenn ein Produkt schließlich fertig wird, heißt dies auch, ihren Entwurf abzugeben und dem globalen Vertrieb der Hersteller zu überlassen. Wovor viele Designer Angst haben, ist für sie ein wichtiger Teil des Designprozesses.
Nachdem Ronan und Erwan Bouroullec 1998 und 1999 ihre Entwürfe unter gemeinsamen Namen vorgestellt hatten, erschienen im Jahr 2000 neue Produkte unter getrennten Namen. Sehr schnell stellten sie jedoch fest, dass die Unterscheidung der Urheberschaft wenig Sinn machte, da jeder immer auch ein wenig zu den Projekten des anderen beigetragen hatte. Es war kaum möglich zu sagen, was eigentlich genau von wem kam. Dennoch gibt Ronan zu, technisch etwas versierter zu sein und Erwan eher ästhetisch. Beim Entwurfsprozess kommt es durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. So durchlaufen ihre Entwürfe schon vor der Produktion eine ganze Reihe von Diskussionen und werden dadurch komplexer. Vielleicht lässt sich hierbei auch eine Parallele zu Charles und Ray Eames finden, die ebenfalls stets als Team gearbeitet haben und ihre Ideen aus diesem Prozess geschöpft haben.
Doch bei all dem Trubel, der mittlerweile um die Bouroullecs gemacht wird, scheinen die Beiden fest auf dem Boden geblieben zu sein. Die großen Firmen stehen zwar mittlerweile Schlange vor ihrem Büro, doch scheint dies beide kaum zu beeindrucken. Sie nehmen lieber nur eine überschaubare Menge an Aufträgen an, um ihr Büro nicht zu groß werden zu lassen und nicht den Überblick über ihre Projekte zu verlieren. Sie wollen keine Design-Maschinerie werden. Erst vor kurzem sind sie mit ihrem Studio aus dem Pariser Vorort Saint Denis in das multikulturelle 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt umgezogen.
Zusammen mit anderen Designern wie Jean-Marie Massaud, Christopher Pillet oder Radi Design sind die Bouroullecs Vorreiter einer neuen Generation von Designern, die sich mehr und mehr aus dem Schatten ihres mächtigen Übervaters Philippe Starck befreien. Nach fast 20 Jahren hat die französische Designszene nun eine Reihe würdiger Nachfolger gefunden.
Nach nur fünf Jahren Ihres Bestehens hatten die Brüder bereits Ausstellungen in Paris, Tokio und 2003 eine Einzelausstellung im Londoner Designmuseum. Im gleichen Jahr erschien auch eine aufwändig produzierte Monografie im Phaidon Verlag.
Wer die Bouroullec Brüder noch nicht kennt, sollte sich auf jeden Fall ihren Namen merken. Wir werden in der Zukunft bestimmt noch einiges von ihnen zu sehen bekommen.

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