Oh Orient!

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Text: Claudia Simone Hoff

Der Teppich kann Kunst, Designobjekt und Möbelstück sein. Er lockt mit Traditionen und Handwerkstechniken. Er erzählt Geschichten aus 1001 Nacht. Warum die Branche im Umbruch ist und wie sich der Teppich verändert hat, erfahren Sie in unserer Analyse. Plus: eine Bilderstrecke voller Neuheiten und Impressionen.

Nach dem Boom in den siebziger und achtziger Jahren, als es in jedem gut situierten Haushalt mindestens einen handgefertigten Orientteppich gab, folgte der Niedergang in den Neunzigern. Plötzlich galt der Teppich als verstaubt und nicht mehr zeitgemäß. Von diesem Niedergang hat sich der klassische Orientteppich bis heute nicht erholt, was auch am veränderten Geschmack der Konsumenten liegt. Die oftmals kleinteiligen Muster und die traditionelle Farbpalette erscheinen nicht mehr zeitgemäß. Zudem werden immer mehr Teppiche maschinell hergestellt, was ungleich schneller geht und viel billiger ist. Auch will in den Ursprungsländern des Teppichs kaum noch jemand das arbeitsintensive Handwerk erlernen. Die Folgen für die teppichproduzierenden Länder und das Teppichhandwerk sind groß und die Zahl der bedeutenden Produktionsländer auf einige wenige zusammenschrumpft: Nepal, Indien, Pakistan, Afghanistan. „Es wird in Zukunft immer schwerer werden, ehrliche Teppiche herzustellen“ sagt Jan Kath. „Der Trend geht leider dahin, Dinge abzukürzen, Produktionsprozesse zu beschleunigen, um Kosten zu sparen. Das geht auf Kosten der Qualität und der Arbeitsbedingungen. Dagegen wehre ich mich.“

Making of
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Extrem schnell
Dass der handgefertigte Teppich trotzdem zurückkehrt in die Wohnzimmer, liegt vor allem am handgefertigten Designteppich. Als zeitgemäße Interpretation des klassischen Orientteppichs wird er in den Ursprungsländern des Teppichs mit traditionellen Handwerkstechniken gefertigt, als abgepasstes Einzelstück angeboten und nach Quadratmeterpreisen verkauft – von Produzenten wie Rug Star, Jan Kath und The Rug Company. Sie geben ihre Entwürfe direkt bei den Teppichmanufakturen in Auftrag, arbeiten eng mit den Handwerkern zusammen und kontrollieren den gesamten Entstehungs- und Vertriebsprozess. Durch Maßanfertigung sind die Hersteller flexibel und können direkt auf die Wünsche des Kunden eingehen: in Bezug auf Form, Design, Farbe und Material.

Dass der Teppich wieder zum festen Inventar jedes anspruchsvollen Interiordesigns gehört, sieht man auch daran, dass immer mehr Industriedesigner mitmischen im Teppichgeschäft: Hella Jongerius, Raw Edges, Barber & Osgerby, Patricia Urquiola und Sebastian Herkner beispielsweise. Und: Immer mehr Möbelhersteller lancieren eigene Teppichkollektionen, um etwas abzubekommen vom großen Kuchen. Der Markt boomt, vor allem in den USA, wie Jürgen Dahlmanns berichtet. Der Gründer von Rug Star und neben Jan Kath Mitinitiator des Designteppich-Trends erzählt, dass sich das Business extrem schnell verändert. Mühsam aufgebaute Märkte können rasend schnell zusammenbrechen, wenn sich politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern – so wie gerade in Russland und China.

Der sechste Sinn
Dass der handgefertigte Teppich gerade jetzt en vogue ist, verwundert indes nicht. Er ist ein handgemachtes Unikat, das sich wohltuend absetzt vom Massenproduktionsallerlei. Sein Charme entsteht aus den sichtbaren Spuren des Herstellungsprozesses, den kleinen Fehlern, der Unvollkommenheit. Die Renaissance des handgefertigten Teppichs fällt zusammen mit dem Comeback des Handwerks allgemein. Denn: Immer mehr Menschen sind in Zeiten von allumfassender Technisierung, Schnelllebigkeit, gefühlter sozialer Kälte auf der Suche nach Wärme, haptischen Erlebnissen, Langlebigkeit. Sie transformieren ihr Zuhause in ein gemütliches Nest.

„Teppiche sind Seelenflächen in unserer Einrichtung. Aus ihnen spricht die Sehnsucht nach Entschleunigung und Konsistenz, die sich nicht aus der Oberfläche erklärt“, so Jürgen Dahlmanns. Piero Lissoni geht sogar noch einen Schritt weiter. Für den italienischen Architekten und Designer ist der Boden nämlich als „sechster Sinn“ die wichtigste Oberfläche eines Raumes überhaupt. Lissoni hat seit jeher ein Faible für handgefertigte Teppiche, weil sie etwas erzählen über Menschen, Stämme, Kulturen. Wenn er sagt, dass „ein Teppich wie ein Buch voller Geschichten ist“, dann wird einem bewusst: Der handgefertigte Teppich ist viel mehr als reine Dekoration. Das bestätigt auch Birgit Krah vom Berliner Teppichlabel Reuber Henning, wenn sie meint, „dass man einen Teppich regelrecht bewohnen kann“. Kurzum: Der Teppich verwandelt reine Verkehrsflächen in echte Aufenthaltsflächen – was bei den Nomadenvölkern übrigens schon immer so war. Oder wie Jürgen Dahlmanns zusammenfasst: „Der Teppich ist in der Lage, Raum im Raum zu schaffen, ohne Mauern zu ziehen.“

High Fashion
Unterhält man sich mit Timo Holthoff – Geschäftsführer von Tai Ping für Nordeuropa – kann man ziemlich viel über das Teppichgeschäft erfahren. Beispielsweise, dass das in Hongkong ansässige Unternehmen eigene Manufakturen besitzt und historisch relevante Hersteller wie Edward Fields und Manufacture du Cogolin vor dem Bankrott gerettet hat. Tai Ping macht sein Hauptgeschäft aber nicht wie andere Hersteller im Retail Business, sondern ist vorwiegend in den Luxussegmenten High Residential, Yachting, Aviation, Hotels und Shops unterwegs. „Meist ist der Einstieg in ein Projekt der Interiordesigner“, erzählt Holthoff. Das bedeutet: Gemeinsam werden individuelle Wünsche der Kunden umgesetzt. Gerade erst hat man ein 500 Quadratmeter großes Apartment in der Elbphilharmonie in Hamburg ausgestattet. Und ja, es gibt tatsächlich Menschen, die leisten sich einen handgeknüpften einfarbigen Teppich, der von Wand zu Wand verlegt wird und pro Quadratmeter 4000 Euro kostet. „Das ist wie in der Mode“, sagt Holthoff, „auf der einen Seite haben wir Prêt-à-porter, auf der anderen Haute Couture.“

Nicht nur eine Frage des Geldes
Womit wir bei einem wichtigen Thema wären: Was eigentlich darf ein Teppich kosten? Nun, da sind sich selbst die Experten uneins. Denn: Jeder Teppichhersteller bereitet das Rohmaterial anders auf, produziert unter unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen in verschiedenen Ländern, hat sich den Fair-Trade-Richtlinien verschrieben oder nicht. Die meisten Hersteller, die einen Teppich auf Bestellung und damit auf Maß fertigen, gehen systematisch vor: Je nach Größe, Material und Schwierigkeitsgrad der Fertigung berechnen sie den Preis eines Teppichs pro Quadratmeter – das sind durchschnittlich zwischen 400 und 2000 Euro. Und was ist mit Teppichen, die einige Jahrzehnte alt sind, als antik gelten und nur als Einzelstücke erhältlich sind? Timo Holthoff von Tai Ping hat eine überraschende Antwort: Ein Teppich ist so viel wert, wie man bereit ist, dafür zu zahlen. Er plädiert außerdem dafür, aufs Gefühl zu hören. Hat man sich in einen Teppich verguckt und passt er an den angedachten Platz, dann unbedingt zugreifen! Und danach glücklich auf dem Teppich (liegen) bleiben.

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