Vorwärts mit Vorsicht: Orgatec 2010

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Text: Jasmin Jouhar


Ein gemischtes Bild bot die diesjährige Orgatec: Bei der am vergangenen Samstag zu Ende gegangenen Messe für Büro- und Objektausstattung in Köln waren zwar fast alle bedeutenden Unternehmen vertreten. Und eine ganze Menge Neuheiten hatten sie zum wichtigsten Branchentreff Europas auch mitgebracht. Einige Unternehmen wie Sedus oder Vitra widmeten ihre Stände sogar ausschließlich den neuen Produkten. Aber wirklich Innovatives, Ungewöhnliches gab es kaum zu sehen. Es herrschte eher eine vorsichtige Strategie vor: Bestehende Produktlinien ausbauen, bewährte Konzepte weiterentwickeln, ohnehin präsente Themen wie Kommunikation und Privatsphäre im Büro aufgreifen.


Das vorsichtige Auftreten vieler Aussteller ist kaum erstaunlich, hat doch die Branche im Jahr 2009 einen großen Einbruch erlebt: Um durchschnittlich 23 Prozent gingen die Umsätze in der Folge der Wirtschaftskrise zurück. Zwar zeigte die Kurve zuletzt wieder nach oben, aber – diese Einschränkung war an vielen Ständen zu hören – ausgehend von dem niedrigen Niveau des vergangenen Jahres. Die schwierige Situation spiegelt sich im leicht rückläufigen Interesse an der Messe: Im Vergleich zur vorangegangenen Orgatec 2008 ging sowohl die Zahl der Aussteller als auch die der Besucher zurück: 2008 beteiligten sich 673 Aussteller, in diesem Jahr waren es 608. 2008 kamen rund 62.500 Besucher, dieses Mal 61.000. Der traditionell eher ruhige erste Messetag fiel dieses Jahr besonders ruhig aus, erst am zweiten Tag füllten sich die Gänge und Stände – allerdings vor allem bei den führenden Unternehmen.

Die wichtigen Messethemen

Die großen Themen der diesjährigen Messe waren alle gute Bekannte: Flexibilität, Kommunikation, das Arbeiten im offenen Raum, Gesundheit am Arbeitsplatz und Nachhaltigkeit. Wobei die Frage nach der Umweltverträglichkeit der Drehstühle, Teppichböden oder Trennwandsysteme nicht mehr den gleichen Stellenwert wie in den vergangenen Jahren zu haben schien. Für viele Gestalter und Hersteller ist es selbstverständlich geworden, bei der Produktentwicklung darauf zu achten. Ob damit das Nachhaltigkeitspotenzial aber in allen Fällen ausgereizt ist, ist wohl fraglich. Regelrecht omnipräsent war dagegen ein anderes Thema: Rückzugsmöglichkeiten am Arbeitsplatz. Viele Möbelhersteller zeigten ein Sofa mit überhoher Lehne oder etwas Ohrensesselartiges.

Omnipräsent: das „Alkoven-Thema“

Eine Vertreterin von Sedus nannte es das „Alkoven-Thema“, nach der trendsetzenden Möbelfamilie Alcove von Vitra (2006). Zur Orgatec gab es eine Erweiterung: eine einsitzige Kabine mit Klapptisch und Staufach namens Alcove Work. Der Grund für die unüberschaubare Zahl von Nachahmern des hochlehnigen, kuscheligen Sofamodells von Ronan und Erwan Bouroullec: Es hat sich in der Büroplanung zum Standard entwickelt, den Mitarbeitern im Großraumbüro etwas Privatsphäre zu bieten, und die Architekten verlangen bei den Herstellern nach dem entsprechenden Mobiliar. Bene und Blå Station haben schon länger solche Modelle im Programm; Sedus, COR, Montis, Züco, Palau oder Arco zogen nun nach. Eine neue Untergattung des Alkoven-Typs ist die Telefonzelle fürs Büro, in ähnlicher Form mehrmals auf der Messe präsentiert: eine stehende oder an der Wand hängende Kabine, in die man sich flüchten kann, wenn der Ehemann oder die Mutter anruft. Aber all diese Rückzugsmöglichkeiten haben auch etwas von einem Feigenblatt: Die Unternehmen verdichten die Arbeitsplätze aus Kostengründen nach Belieben, und negative Begleiterscheinungen wie Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und Stress werden mit ein paar bunten Diskretionsinseln abgemildert. Vitra ist schon einen Schritt weiter und recycelt mit Communal Cells, ebenfalls von den Bouroullec-Brüdern, das lang verpönte Cubicle. Allerdings dienen die schallgedämpften Boxen nicht dazu, den einzelnen Arbeitsplatz abzuschotten, sondern umgekehrt Unruheherde wie Kaffeeküchen, Druckstationen oder Besprechungsbereiche.

Besser sitzen, aber wie?

Auch ein anderes Thema bewies: Meistens setzt einer den Trend, und alle folgen. Nachdem Wilkhahn die Markteinführung des Bürostuhls ON im vergangenen Jahr mit einer Kampagne zum sogenannten Bewegungssitzen begleitet hatte, rückte die Frage nach gesundheitsförderndem Mobiliar auch auf der Orgatec in den Vordergrund – sowohl bei den Arbeitsstühlen als auch den -tischen, die mittlerweile selbstverständlich höhenverstellbar sind. Wilkhahn versucht mit ON nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in der Ergonomie: Nicht mehr die starre, vermeintlich korrekte Körperhaltung bei der Arbeit, sondern der stete Wechsel sei der Gesundheit zuträglich. Offensichtlich hat das Unternehmen damit einen Nerv getroffen, denn auf der Messe wurden allenthalben neue Bürostuhl-Mechaniken und flexible Rückenlehnen angepriesen, die in ihrem Effekt aber hinter dem innovativen ON-Konzept zurückbleiben. Kein Wunder, hat Wilkhahn daran doch jahrelang entwickelt. Und kann sich jetzt über gute Absatzzahlen und einen Designpreis der Bundesrepublik Deutschland freuen. Viel Aufwand hat das Unternehmen auch bei der Entwicklung des neuen Vierbeiners Chassis von Stefan Diez betrieben, der jetzt in Serienreife vorgestellt wurde.

Kommunikation ist alles

Wichtig bleibt für die Branche das Stichwort Kommunikation: Die Bürowelt hat sich in den vergangenen fünfzehn bis zwanzig Jahren weg von einer Sachbearbeitermentalität hin zur Team- und Projektarbeit entwickelt, passende Möbel sind gefragt. Ben van Berkel stellte beim niederländischen Label Prooff in der Design Post neben dem Messegelände seinen hybriden SiTable vor, der zum Austausch bei der Arbeit motivieren soll. Naoto Fukasawa wiederum präsentierte bei Vitra Kuubo, ein in seiner Funktion nicht festgelegter Tisch mit viel Stauraum unter der Platte. Eine Folge der offeneren und kommunikativeren Bürokultur ist die zunehmende Geräuschkulisse: Jegliche Art von Schalldämpfung ist zweifellos ein Dauerthema der Büroausstattung. Besonders schöne Lösungen bietet der schwedische Hersteller Offecct an, dieses Jahr zeigte er das Akustikpanel Geo Soundwave von Ineke Hans.

Retro und Opulenz statt immer Gleiches

In der Welt des Büros regieren Effizienzdenken und Funktionalität, entsprechend nüchtern und technokratisch sieht ein guter Teil der Neuheiten aus. Doch es müssen nicht nur die immer gleich aussehenden Drehstühle und Schreibtische sein: Die Schweizer Firma de Sede beispielsweise setzte auf Retro-Ästhetik und zeigte in der Design Post die an Midcentury-Klassiker erinnernde Polstermöbelfamilie DS-30 von Matteo Thun. Der deutsche Hersteller Renz, der Produkte für das Chefbüro fertigt, präsentierte die Tisch- und Containerfamilie Star von Jehs+Laub. Star wirkt mit eleganter Linienführung und schönen Details opulent, ohne dabei protzig zu sein. Das Stuttgarter Design-Duo stellte auch einen Konferenzstuhl-Prototyp namens Graph bei Wilkhahn vor. Der Höhepunkt in Sachen Opulenz war allerdings bei Thonet zu besichtigen: Dort bildete der Konferenztisch S 8000 den Mittelpunkt des Standes. Der ausladende Tisch mit dem Kufenfuß stammt von dem Architekten Hadi Teherani, der nach seinem Erfolg mit der Stuhlfamilie Silver für Interstuhl jetzt offensichtlich auch ein gefragter Designer ist. Bei Walter Knoll war eine neue Polsterfamilie namens T-Ray von ihm zu sehen.

Das Arbeitstier unter den Büromöbeln

Der unangefochtene Klassiker der Branche bleibt aber der Bürodrehstuhl in all seinen Varianten. Ohne das Arbeitstier unter den Möbeln geht es trotz aller Loungesofas  nicht. Der Schweizer Hersteller Züco hat seinen Bestseller Duca auf den neusten Stand gebracht und präsentierte nun mit DucaRe den Nachfolger. Interstuhl aus Deutschland peilt mit Free Balance, einer Familie aus Dreh-Konferenz- und Besucherstuhl, das untere Preissegment an. Herman Miller wiederum geht einen ganz eigenen gestalterischen Weg: Nachdem die Amerikaner vor zwei Jahren mit dem Drehstuhl Embody Chair die Möglichkeiten einer anthropomorphen Ästhetik ausgereizt hatten, zeigten sie jetzt mit Sayl von Yves Béhar einen Stuhl, dessen Rückenlehne sich auf die Struktur von Hängebrücken bezieht. Die technische Anmutung und die Proportionen wirken jedoch recht plump. Die Details und das Material sind ebenfalls alles andere als elegant ausgefallen – allerdings rangiert Sayl preislich auch im Billig-Segment.

Ganz Zukunft: kein Alu Chair bei Vitra

Die Orgatec 2010 offenbarte eine Branche am Wendepunkt. Der Blick ging zwar eindeutig nach vorn, wie etwa bei Sedus aus Baden-Württemberg, wo ausschließlich Neuentwicklungen zu sehen waren. Auch Vitra ging diesen Weg; kein geringes Wagnis, ist der Hersteller doch für sein Klassiker-Portfolio bekannt. Allerdings waren viele in den Messehallen gezeigten Neuheiten lediglich Prototypen oder Konzepte – die Unternehmen bekannten, sie wollten zunächst die Reaktion des Publikums testen, bevor sie sich entscheiden, ein Produkt zur Marktreife zu entwickeln. Zudem gab es wenige experimentelle Entwürfe, kaum einer schien etwas auszuprobieren oder riskieren zu wollen; lieber verließ man sich auf eingeführte Themen und Typologien. Und zumindest auf Nachfrage bestätigten alle Hersteller, mit 2009 ein wirtschaftlich katastrophales Jahr hinter sich gebracht zu haben. Die Krise hat also erwartungsgemäß ihre Spuren hinterlassen. Und trotz langsam anziehender Umsätze und der vielfach erklärten Absicht, die schwierige Phase hinter sich lassen zu wollen, wirkte die allgemeine Zuversicht doch verhalten.


Wir haben uns auch mit der Kamera ein Bild gemacht:
Orgatec-TV www.baunetz.de

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