Orgatec 2012 – Farbe im Anzug

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Text: Tanja Pabelick


Sie präsentiert sich nur in den geraden Jahren, dann aber konzentriert auf das Wesentliche. Die Orgatec ist die wichtigste Messe für den Büromöbelmarkt. Sie zeigt, wohin der Zeiger ausschlägt, ist nicht nur Produktschau, sondern ebenso Trend-Orakel, das uns eine Ahnung von den Arbeitswelten der Zukunft gibt. 2012 sind die Möbel bunt, leicht und mobil: Unsere neuen digitalen Werkzeuge scheinen endgültig eine physische Transformation ausgelöst zu haben. Tische, Stühle und Regale sind erschlankt, Rollen und Klappmechanismen machen sie jederzeit für einen Ortswechsel bereit.

 

Die Hallen sind in diesen Tagen in Köln gut besucht, besonders an den Ständen der großen deutschen Hersteller wie Vitra, Sedus oder Interstuhl ist das Gewimmel um die Neuheiten groß. Das belegen auch die Zahlen. 50.000 Besucher aus 23 Ländern, 622 Unternehmen mit einem Auslandsanteil von 59 Prozent. Also alles fast wie im Jahre 2010, es herrscht Beständigkeit bei den Zahlen und Fakten. Und wie steht es um die Beständigkeit bei den Möbel-Trends? Einiges ist nur ariation bereits etalierter Möbel-Typologien. Der Spitzenreiter bei den Murmeltier-Momenten ist eine Chimäre aus Sofa und Nest, die eigentlich schon 2006 von Vitra erfunden wurde und jetzt in verschiedenen Variationen an jedem Stand grüßt. Damals etablierten sich mit Alcove die überhohen Wangen, die visuellen und akustischen Rückzugsraum bieten. Über die letzten zwei Ausgaben der Büromöbelschau hat sich die Idee geradezu viral verbreit, 2012 gehören Sichtschutz-Sofas ebenso zu den Basiskollektionen wie Tische und Stühle.
 
Zurück in die Höhle
 
All die Sofa-Nester und Couch-Kokons sind eine Antwort auf die Offenheit und Transparenz, in der die modernen Großraumbüros sich heute ausstatten lassen. Regale werden als halbtransparente Raumteiler eingesetzt. Statt Wände einzubauen, werden lieber ein paar schallschluckende, flexible Paneele zwischen den Kollegen abgestellt. Weil es dann gelegentlich an Privatsphäre mangelt, werden Rückzugshöhlen dankbar angenommen. Auch Sessel und loungige Drehstühle, die mit breiten Lehnen oder anschmiegsamen Tischchen zum Arbeiten an Tablet und Laptop einladen, stehen in Köln immer in direkter Nähe zum Funktionsmobiliar. Zum Beispiel beim Hersteller Wilkhahn, der mit Asienta eine vom Duo Jehs und Laub entworfene Sofaserie vorstellte, die wunderbar fedrig gepolstert ist und trotzdem professionelle Strenge ausstrahlt.
 
Büro auf Kuschelkurs
 
Doch was ist eigentlich die Ursache für diesen Strauß an Gemütlichkeitsangeboten? Die Trendanalysten beten uns seit einigen Messeausgaben den Einzug des Büros in den Wohnraum vor. Aber sind es nicht vielmehr wir, die aus dem klassischen Büro ausgezogen sind und deshalb Möbel mit neuen Funktionen fordern? Noch vor zehn Jahren mussten Büromöbel statisch verortet um die Technik herum gestaltet werden, und irgendwo zwischen Technik und Tisch fand der Mensch seinen Platz. Computersekretäre, Hardware-Container, still sind sie alle verschwunden. Jetzt rollen uns die Möbel hinterher, oder fangen uns dort auf, wo wir sie brauchen. Jeder Hocker, jede Bank, jeder Sessel ist ein potentieller Arbeitsplatz und versucht sich, auf sein neues Aufgabengebiet einzustellen. Aber nicht immer reicht das Möbel allein als Schnittstelle zum Menschen und seiner mobil gewordenen Technik. Deshalb gab es bei dieser Orgatec viele kleine Helfer zu entdecken, die Möbel, Mensch und Technik näher zusammenbringen wollen.
 
Ein Tisch wie von Houdini

Einige davon sind noch im Konzeptstadium und wurden auf der Messe als Testlauf vorgestellt. Zwischen den Lounge-Sesseln bei Sedus gab es etwa eine kleine „Handtasche“ aus Metall. Wer sie anhob, konnte die darunter verborgene Steckdosenleiste finden. Der Sinn? Einerseits als Notfallaablage für den Laptop, andererseits transportable und gleichzeitig schicke Stromquelle, um die sich die Kabel wickeln lassen. In den Sofa-Ritzen bei COR steckte ein ganz ähnliches Ding. Eine Art Verlängerungskabel, an dessen Dose sich eine flache Zunge befindet, die zwischen die Polster geschoben und so fixiert werden kann. Ausnahmslos dosenlos dagegen agiert schon ein zukunftsweisender Tisch von Kusch. Ein an einen Kauring erinnernder Adapter kann in ein iPhone (und nur ein iPhone) eingesteckt werden, an markierten Positionen auf dem Tisch platziert wird es dann aufgeladen. Wie genau das funktioniert, war selbst den Kusch-Mitarbeitern ein Geheimnis. Zuletzt war da noch die modische Tischsocke von Arco, ein erfrischend analoger Strumpf, der über das Tischbein gezogen Kabel führt und versteckt.
 
Das Büro auf Diät

Es ist eine neue Leichtigkeit, die durch die Hallen weht. Schweres Executive-Mobiliar ist passé – selbst der von EOOS für Walter Knoll entworfene Lead Chair, der schon durch seinen Namen klar macht, wer auf ihm Platz nehmen soll, ist weit weniger wuchtig, als man es von Möbeln für den Boss gewohnt ist. Gertenschlank ist dieser Stuhl, mit einer sich in der Seitenansicht fast unsichtbar machenden Rückenlehne. Die Zeiten, in denen wichtig und gewichtig als Einheit galten, scheinen vorbei. Die Gestalt nimmt sich zurück, Material, Qualität und Ausführung geben sich hingegen unbeeindruckt: Leder ist immer noch Chefsache, polstert den Lead Chair ebenso, wie es eine neue Schreibtischserie von Knoll bekleidet.

Ein Zwischenresümee: Flexibilität ist das große Leitthema der Orgatec. Deshalb wird  geklappt, wie bei dem einzigartigen Soley von Kusch, einem Entwurf des isländischen Architekten Valdimar Harðarson aus dem Jahre 1983, der jetzt unter anderem als fellbezogene Sonderauflage wieder in das Programm aufgenommen wurde. Oder es wird geklappt und dann gerollt, wie bei dem Bistrotisch des Berliner Designerduos Osko und Deichmann für Brunner, bei dem die Beine um horizontale Rollen ergänzt wurden. Gefaltet wird der Tisch damit sportlich und lässt sich nach Gebrauch einhändig abschieben. Mit konsequenter Modularität überzeugte hingegen Sedus. Das neue Regalsystem terry tory besteht aus einzelnen Kuben, die auf integrierten Schienen immer wieder neu arrangiert werden können, ein passender Schlüssel löst oder fixiert die einzelnen Module.
 
Farbanstrich
 
Und dann sind da die Farben. Nicht nur bei terry tory, dessen Verblendungen unter anderem in einem Wasserblau angeboten werden. Generell darf es in punkto Farbe im Büro ruhig mal quietschen. Das Colour Blocking hat sich aus den Kleiderschränken auf die Schreibtische geschlichen. Gerade die Kleinmöbel und Accessoires rund um die Arbeitsfläche setzen sich mit kräftigen Nuancen wie Knallblau, Limetten-Grün oder Orange von den weißen Flächen ab. Bei Cascando etwa sollen ab sofort fröhlich bunte Wandpaneele statt des schwarzen Bretts Eingangsbereich und Konferenzraum erheitern. Ist das Büro dafür schon mutig genug? Bei Interstuhl wird gescherzt: „90 Prozent nehmen immer noch schwarz gepolsterte Stühle, die Experimentierfreudigeren greifen zu Weiß oder Grau.“ Dass das so nicht ganz stimmen kann, lässt sich an Interstuhls eigener Produktpalette ablesen. In Zusammenarbeit mit Kvadrat wurde eine Farb- und Musteroffensive gestartet, unter anderem das Stuhlmodell Volume 8 kann nach nach eigenen Vorstellungen gewandet werden.
 
Turnende Stühle

Aber auch 2012 geht es natürlich nicht ohne die klassischen Fragen. Deswegen ist auch die Ergonomie ein Thema, das allerdings von den unterschiedlichen Herstellern unterschiedlich angegangen wird. Man bewegt sich zwischen statischen Normen und dynamischen Paradigmen, aus denen sich nur eine einzige Konsequenz verlässlich ableiten lässt: Die eine Lösung gibt es nicht. Rüdiger Schaack, Designer bei Sedus, der in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Ergonomie der TU München gerade den Sedus-Neuling Swing Up gestaltet hat, meint: „Mit Stühlen ist es so wie mit Schuhen, wenn wir auf einem Stuhl gut sitzen, bemerken wir ihn nicht mehr.“ Zu Recht, denn der Swing Up passt auf Anhieb.

Aber, auch das zeigt diese Orgatec, bei Stühlen gibt es eben Leder-Slipper und Trekking-Schuhe. Mal liegt die Eleganz vorne, dann steht Unverwüstlichkeit und Verlässlichkeit auf dem Programm, mal ist der Stuhl reduziert und in sich biegsam gestaltet, dann stützt er seinen Besitzer durch eine ausgeklügelte Mechanik und gibt ihm mit komplexen Federn nach. Deshalb steht wie beim Schuh auch hier die Frage im Vordergrund: Was will ich mit dem Stuhl machen, wie wird er genutzt und wie lange? Um beim Schuhvergleich zu bleiben: Vielleicht ist eine maßgebliche Erkenntnis dieser Orgatec die, dass im Schuhschrank Büro ja nicht nur ein Modell stehen muss. Und dass erst einmal zu schauen wäre, was uns mit den veränderten Maßen und gerade eroberten Talenten der Size-Zero-Technologie aus den aktuellen und vergangenen Kollektionen im Büro am besten passt.

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.

Wanders