Orgatec 2018: Das autistische Büro

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Text: Kathrin Spohr, 07.11.2018

Singles – Gemeinsam einsam lautete der Titel einer Romantik-Komödie aus den Neunzigerjahren. Das Phänomen hat sich seitdem durch moderne Kommunikationsmittel zu einem gesellschaftlichen Thema entwickelt. Trotz Open Space kapselt man sich auch zunehmend im Büro ab. Ein Statusbericht von der Orgatec.

Ettore Sottsass erklärte einmal bei einem Vortrag, was ergonomisches Design für ihn bedeutet. Wenn er ein Date mit einer schönen Frau hätte, so sagte er, und diese würde zum verabredeten Zeitpunkt nicht erscheinen, dann sei das Warten eine Qual. Egal, wo und wie er sitze. Jeder noch so perfekt geformte Stuhl werde unbequem – weil es die Stimmung verlangt. Wohlbefinden entsteht also nur bedingt durch optimal konzipierte Umgebungen und beste Produkte. Sondern aus dem ganzen Setting aus Umgebung und der eignen Laune. Was sich ja hervorragend auf den Arbeitskosmos übertragen lässt. Jeder kennt das: Ist die Stimmung unter Kollegen, die Geschäftslage oder ähnliches mies, kann der Job zur Hölle werden. Da hilft es wenig, wenn das Büro der hippste Multiple-Space-Spielplatz der Welt ist, oder? Die Büromöbelindustrie ist sich da in weiten Teilen nicht ganz so sicher. Und vielleicht stimmt da auch, denn in einer Zeit, in der die Welt scheinbar aus den Fugen gerät, braucht man vielleicht Schutzzonen, in denen man sich wohlfühlen kann. Orte, an denen positive Gedanken Zukunft gestalten. Aber: Geht das per Knopfdruck?

Konstruiertes Wohlfühlen
Die diesjährige Orgatec hat gezeigt, wie sehr die Office-Branche das Wohlfühlambiente im Büro als Leitthema für neue Produkte und Innovationen sieht. Sogar wissenschaftliche Evaluationen werden herangezogen, um zu belegen, wie sich Wohlfühlen zur Produktivitätssteigerung garantiert einstellt. Würde man es sonst nicht glauben? Oder ist das Konzept des geselligen Miteinander im Open Space heute doch eine Blase, die zu platzen droht?

Der Büroplaner Designfunktion präsentierte sich jedenfalls mit seiner beim Fraunhofer Institut in Auftrag gegebenen Studie Wirksame Büro- und Arbeitswelten. Sie soll Unternehmen zeigen, wie der große Digitalwandel im New Work gemeistert werden kann und wie Räume gestaltet werden müssen, damit die Geschäfte reibungslos laufen.

Andere Hersteller wie Actiu haben eigene Methoden entwickelt, um den „High Performance Workspace“, der auf Wohlbefinden basiert, mit den passenden Möbeln zu kreieren. Dazu zählen mit Sensoren ausgestattete Stühle, die autark mit dem Computer kommunizieren und über den Bildschirm Warnsignale abgeben, sobald man zu lange, zu schief sitzt oder auch schwitzt. Es gibt mittlerweile sogar ein erstes internationales Gütesiegel für diejenigen Gebäude und Interior Spaces, die sich ausschließlich auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen konzentrieren: das WELL Building Standard Certificate.

Panic Rooms
In Open Spaces wird der Teamgedanke großgeschrieben. Fokussiertes Arbeiten, ungestörte Meetings sind aber ebenso ein wichtiger Aspekt. Dazu setzte man in den vergangenen Jahren auf Möbel, Leuchten und Trennwände aus oder mit schallabsorbierenden Materialien. Auf der Orgatec 2018 scheint der Trend in eine weitere Richtung zu gehen. Man schwört nun auf Minimalräume, die wiederum in die Großraumbüros platziert werden. Das sind zum Beispiel teils gläserne Boxen für eine Person ähnlich einer Telefonzelle. Etwas größere Varianten integrieren Ausbuchtungen zur Ablage von Laptops – für Besprechungen und Präsentationen im Stehen zu zweit. Aber eigentlich, so denkt man dann, könnten diese Kabinen auch Beklemmungen auslösen. Zumindest sind sie sicher nichts für Menschen mit Platzangst.

Der Arbeitsstuhl, der dich umarmt
Auch verschiedenste Versionen kapselartiger Lounge Chairs waren überall zu sehen, die einen durch vergrößertes Polster bis über den Kopf und an den Seiten von der Geräuschkulisse abschirmen sollen. Zusätzlich sind diese mit Laptoptischchen ausgestattet. Man fragt sich auch hier: Lässt es sich darin wirklich angenehm konzentriert arbeiten, oder fühlt man sich beengt und isoliert durch das eingeschränkte Blickfeld, das dann quasi nur noch zielführend nach vorn auf den Laptop reicht?

Der japanische Designer Aritake Nakagawa, der einmal im Großraumbüro bei der legendären Agentur frog Design gearbeitet hat, sagte dazu augenzwinkernd: „Wenn es einem dort zu laut wurde, haben wir zwischendurch Kopfhörer aufgesetzt. Das hat super funktioniert.“

Dienen One-Man-Workstations also wirklich dem Wohlfühlarbeiten? Oder umarmen sie einsame Menschen und spiegeln unbeabsichtigt ein gesellschaftliches Problem, das wir heute überall im Alltag erleben: Denn auch in der Gemeinschaft ist man mittlerweile nur noch mit sich selbst und dem Smartphone beschäftigt. Echte soziale Interaktion:, oft ein Problem. Durch isolierende und mit Sensoren ausgestattete Möbel bekommt das Open Space Office ein weiteres Update: Es wird autistisch. 

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