Otl Aicher - Die Küche zum Kochen

4

Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Ökobuch Verlag

Gelächter, schwingende Schneebesen, klirrende Teller, halbleere Weingläser, entspannte Menschen. Wer steht nicht gern in der Küche mit Freunden, kocht, schmeckt, diskutiert und probiert aus? Das war nicht immer so. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte auf kleinstem Raum von Beweglichkeit und demzufolge von Kommunikation oder gar Spaß in der (Einbau-)Küche nicht die Rede sein. Nun rückt die Küche bei der Gestaltung von Häusern und Wohnungen wieder in den Mittelpunkt. Nicht nur, dass unzählige Bücher zum Thema Essen und Kochen auf den Markt geworfen werden, auch die praktische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Sujet Küche und Design ist wieder en vogue. Otl Aicher (1922–1991) war 1953 nicht nur Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung Ulm, Wegbereiter des Corporate-Design-Konzepts in Deutschland, sondern hat sich auch schriftlich pointiert zu gestalterischen Fragen geäußert. Sein Buch „Die Küche zum Kochen. Werkstatt einer neuen Lebenskultur“ ist 1982 auf Grundlage einer Untersuchung für den Küchenhersteller bulthaup entstanden und widmet sich neben der historischen Einordnung vor allem dem praxisnahen Design der Küche.
Aicher, der neben der grafischen Gestaltung der Olympischen Sommerspiele 1972 in München auch das Corporate Design für Unternehmen wie Erco, Lufthansa, Braun, BMW oder FSB gestaltet hat, unterteilt das Buch in drei inhaltliche Schwerpunkte. Während der erste Block „Die Küche von einst“ – wozu er die Frankfurter und Münchener Küche zählt – behandelt, folgt eine Beschreibung der „offenen Küche“ sowie als letzter und wichtigster Inhaltspunkt ein „Programm in Stichworten“, das die „neue Küche“ nach seinen Ideen zum Inhalt hat. Und worin er ganz praktische Vorschläge zur Gestaltung der „richtigen“ Küche gibt. Seine Vorschläge reichen von der Bedeutung des Herdes und der Spüle über den richtigen Stuhl, das optimale Licht, die Farben und den Schmuck bis hin zu Vorschlägen zur Wahl des richtigen Küchenhandwerkzeugs wie Messer, Töpfe und Pfannen sowie den Einsatz von elektrischen Küchengeräten.
„Indiz für eine schikanöse Männerwelt“
Aicher hat ganz praxisnah mit der Recherche für sein Buch begonnen und Köche in Sterne-Restaurants besucht, um mit ihnen über ihre Küchen zu sprechen. Dabei ist er der Meinung, dass ein Designer, der eine Küche gestaltet, unbedingt kochen können müsse: „Designer, die nicht kochen, sollte man erst gar nicht an Küchen heranlassen.“ Aicher ist des Öfteren recht harsch und direkt in seiner Kritik, wenn er beispielsweise die in den 1920er Jahren von Margarete Schütte-Lihotzky geplante und damals für die moderne Architektur richtungweisende Frankfurter Küche, die für eine Person geplant wurde, als „ein Indiz für eine schikanöse Männerwelt“ bezeichnet – immerhin wurde diese von einer Frau entworfen! Aicher erkennt bereits 1982 die „Rückkehr in die Küche“, zu einer „Living Kitchen“, in der das Essen als sinnliches Erlebnis verstanden wird. Der Trend geht also weg von den fabrikähnlich aufgebauten Funktionsräumen der 1920er Jahre – insofern besaß der Designer ein durchaus vorausschauendes Auge.
Weihnachtsferien in der Küche
Ergonomisches Arbeiten steht für Otl Aicher im Vordergrund der Küchengestaltung. Seine Designauffassung strebt nach Ehrlichkeit bei Funktion und Material und sieht die Reduktion auf das Wesentliche und Nützliche als Ziel. Dabei geht es ihm um die Überwindung der Trennung von Wohnraum und Küche, die die Designer und Küchenhersteller wie Binova zurzeit wiederentdecken. Aicher fordert in seinem Buch eine offene Küche mit einem Arbeitstisch als Mittelpunkt. Kochlöffel, Kellen und Schöpfer sollen nicht mehr in Schubladen, sondern in Greifnähe platziert werden. Deshalb verlangt er die Installation von (offenen) Regalbrettern und Aufhängevorrichtungen und kritisiert die ästhetisierende, fast klinische Leere vieler Küchen und deren geschlossene Schrankfronten, die alles verstecken. Aicher betrachtet die Küche aus verschiedenen Blickwinkeln, so wie er es bereits für das Ausbildungskonzept der HfG Ulm gefordert hatte: Hier stand „Allseitigkeit“ statt Spezialistentum im Zentrum. Der Autor hebt auch den Zusammenhang zwischen Kommunikation, Kreativität und Raumgestaltung hervor: Seine eigene Küche in Rotis liebt er heiß und innig und verbringt dort kochend die Weihnachtsferien mit seinen Freunden – dabei ist Kochen für ihn kein elitärer Vorgang. Kochen hat für Aicher immer auch eine gesellschaftliche Funktion. So bedeutet für ihn das gemeinsame Kochen mit den Kindern einen pädagogisch sinnvollen Lernprozess, in dem Kinder nicht nur das Zubereiten der Speisen erlernen, sondern vor allem die Hierarchien zwischen Kindern und Erwachsenen schwinden und Kommunikation ermöglicht wird.
Wider die Lifestyle-Publikationen
Statt mit Farbfotografien ist das Buch mit Zeichnungen aus dem Büro Aicher in Rotis versehen, was ihm eine ganz eigene Ästhetik verleiht. Insgesamt ein gestalterisch ansprechendes Buch, das aber auch mit seinem Inhalt punktet. Entgegen dem derzeitigen Trend vorwiegend opulente Bildbände zu gestalten, bei denen der Text oft nur noch eine nebensächliche Rolle spielt, bekommt man hier einen sprachlich gut aufbereiteten Lesestoff geboten. Auch macht Aicher vor privaten Anekdoten nicht Halt und schlägt zuweilen einen lockeren Plauderton an. Dieser unprätentiöse Schreibstil trägt viel zur Gesamtwirkung des Buches bei. Aichers manchmal spitze Zunge kommt auch beim ursprünglichen Untertitel des Buches, der inzwischen ausgetauscht wurde, zum Ausdruck. Denn da hieß es noch: Die Küche zum Kochen – Das Ende einer Architekturdoktrin.
Otl Aicher
Die Küche zum Kochen. Werkstatt einer neuen Lebenskultur.
Ökobuch Verlag
Staufen bei Freiburg 2006 (2. Aufl. des 1982 erstmals erschienenen Buches)

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.