Passagen 2013: Detailverliebte Deszendenten

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Text: Tanja Pabelick, Foto: Tanja Pabelick, 22.01.2013


In die Körnerstraße
im ehemaligen Arbeiterviertel Ehrenfeld sind neue Nachbarn eingezogen. Die Passanten beäugen die Mitbewohner interessiert durch die großen Fenster. Die gackern erbost, bevor sie sich an den von der Decke baumelnden Futtertrog zurückziehen. Ja, im Schaufenster des Austellungsraums K30 residiert neuerdings eine Handvoll Hühner. Und in Köln residierte vergangene Woche zur imm cologne 2013 die internationale Designerszene. Dass zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang bestehen muss, davon zeugt der orangefarbene Veranstaltungsführer Passagen im Heu der Federtiere. Mit diesem Heft bewaffnet starteten wir zu den Ausstellungsstätten des Gestalter-Nachwuchses in Köln, zu Hockerschweinen, stilisierten Jägerzäunen und einer Rennrad-Garderobe.
 
Nachbarschaft spielt auf der Körnerstraße eine wichtige Rolle. Diese Straße ist, das sagen zumindest die Bewohner, so etwas wie das Zentrum des bunten Ehrenfelds. Galerien, Kreativbüros und designaffine Läden machen sie zur heimlichen Kiez-Königin. Zu den Passagen wehen deshalb hier die Veranstaltungsfahnen dicht an dicht. In der Nummer 48 greift eine Ausstellung die Sache mit dem sozialen Miteinander auch gleich auf. „Objects for the Neighbour“ ist ein Projekt von acht Designern. Jeder erzählt mit einem Produkt von seiner Haltung zur urbanen Interaktion. An der Tür begrüßt uns ein Tier auf vier steifen Hockerbeinen. Die Pets von Hanna Ernsting sind zwar eher Mitbewohner als Nachbarn, können aber durchaus ein Gespräch initiieren. So klappt das zumindest bei uns, der Kuschelhocker ist ein Eisbrecher zwischen den Ausstellungsbesuchern. Auch mal streicheln? Aber klar. Doch nicht jedes Objekt hier hat etwas Verbindendes. Thomas Schnur zieht lieber Zäune. Und begründet seinen Ansatz damit, dass erst durch eine Grenze Nachbarschaft entsteht. Das Trennelement Barrier besteht aus einem Metallrahmen, über den ein Tuch gespannt wird. Ist die nachbarschaftliche Nähe gewachsen, kann der Sichtschutz abgezogen werden – und der Rahmen etwa als Kleiderstange genutzt werden.
 
Ehrenfelder Industriekultur
 
Schräg gegenüber hat Anna Lederer ihren Laden Utensil. 2009 kam sie zufällig hier vorbei und verliebte sich in die alte Metzgerei. Die Kölnerin hat an der KISD Industriedesign studiert und bringt in ihrem Laden Heimat und Design zusammen. Die Vergangenheit Ehrenfelds als Arbeiterviertel bestimmt das Sortiment, das eine Reise durch die Alltagswelt der Industrie, Berufsbedarf und Handwerk ist. Eine Leuchte, die sonst im Stall junge Ferkel wärmt, Großküchen-Werkzeuge oder ein klassischer Arbeiter-Flachmann stehen auf Regalen aus Bäckerkisten. Einmal im Jahr, zu den Passagen, präsentiert Utensil eine eigene Kollektion, die in Kooperation mit jungen Gestaltern entwickelt wird. Thema ist die Interpretation eines Klassikers oder eine Intervention am existierenden Objekt. Passend zur ehemaligen Fleischerei hat Patrick Frey Kerzenhalter aus einer runden Metallplatte und einem Fleischerhaken gestaltet. Wie ein Nachtlicht aus Schlafmützen-Zeiten kann Spike von Einsatzort zu Einsatzort getragen werden. Halfmann Mennickheim entwickelte eine Wandgarderobe aus einer gebogenen Lochwand, die eigentlich in Werkstätten Ordnung für Schraubendreher und Raspeln schafft.
 
Lieber leise
 
Das ehemalige Fabrikgelände eines Elektrotechnik-Herstellers nah am Bahnhof Ehrenfeld ist Herzstück der Designers Fair, die in diesem Jahr etwas blass ausfällt. Zu den Highlights gehören der Stand von Njustudio, der als schwarzes Hausgerüst gestaltet ist, die Leuchten und gepolsterten Möbel von Meike Harde und die über eine Wand gespannten Regalboxen von Benita Ewig. Schon hier gibt es einen Vorgeschmack auf das, was sich in diesem Jahr thematisch, farblich und in der Materialwahl an nahezu allen Ausstellungsorten des Designer-Nachwuchses feststellen lässt: Zurückhaltung. Pastellige Nuancen und viel, viel unbehandeltes Holz, Re Use und Recycle, Möbel an der Schnittstelle zum Galerieobjekt. Wir ziehen weiter. Durch den mittlerweile dichten Schnee zur ArtyFarty Gallery, in der Florian Saul, Manuel Welsky und Michael Wolke ausstellen. Auch hier dominieren natürliche Materialien und uminterpretierte Halbzeuge das Erscheinungsbild der Möbel. Eine schlicht-schöne Garderobe aus mit Lenkerband umwickelten Rennrad-Griffen lehnt an der Wand, Leuchten aus Pappstreifen baumeln von der Decke, dazwischen ein Stuhl-Skelett mit offen liegender Konstruktion. Michael Wolke hat Polstergurte zur Sitzfläche verwoben, die an der Rückseite über Schnüre ver- und gespannt werden.
 
Birke, Fichte, Kirsche, Esche

Letzte Station: Die Halle 9 der Messe, in der jährlich Absolventen und Nachwuchs zum Wettbewerb d3 talents antreten. Es scheint so, als würden sich die Lebensumstände junger Designer auch in den Entwürfen spiegeln: Möglichst wenig festlegen, möglichst viel offen halten. Die Möbel werden zum multifunktionalen Objekt, das neue Situationen und einen Anspruchswandel einkalkuliert. Vielleicht brauche ich – so macht es Rasmus B. Fex mit seiner Slaegbank vor – morgen statt einer Gartenbank zwei Einzelstühle, vielleicht benötige ich irgendwann statt Hockern einen Beistelltisch. Ellen Heilmanns Hockergruppe Royal Family wird durch Abnehmen der Polster zu Tablett-Tischchen. Selbst die Materialexperimente, die in den letzten Jahren nicht nur konzeptionell, sondern auch farblich knallten, sind dieses Jahr durchweg schlicht ausgefallen. Mit Swell hat Rachel Griffin Bänke und Hocker aus einer Stoffhülle und einem Rahmen entworfen, die über einen schnell aushärtenden Schaum verbunden werden. Unbehandeltes Holz trifft auf grauen Filz, ein paar Meter weiter kombiniert Hanna Krüger Holz mit Leder und selbst die Transience Mirrors von David Derksen und Lex Pott sind in Hellbraun bis Braun-Orange gehalten. Es setzt ein Effekt ein, den wir sonst vor allem auf deutschen Autobahnen erleben. Auch wenn sich hier ganz verschiedene Marken, Klassen und Modelle versammeln, sind sie durch ihre formale Verwandtschaft und farbliche Uniformität zwischen Anthrazit und Schwarz doch kaum zu unterscheiden.
 
Wenn Produkte erzählen


Das Besondere der Entwürfe offenbart sich nicht aus der Ferne, sondern erst bei genauem Hinsehen. Und so ist das auch mit dem Gewinnerprodukt des Wettbewerbes, an dem wir genau aus diesem Grund in der ersten Runde vorbeigelaufen sind. Lucien Gumys Massivholzregal ist ein reduziert gehaltenes Gestell, dessen Geheimnis in der Verbindung liegt. In Verengungen der tragenden Stäbe werden die Regalböden ohne Schrauben und Nägel einfach eingehängt. Hinschauen lohnt sich – und diese Erkenntnis nehmen wir dann auch ins nächste Jahr mit, für den Fall, dass sich der Nachwuchs auch in Zukunft reserviert in allen Holznuancen zeigt. Es sind ohnehin selten die schreienden Entwürfe gewesen, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, sondern vielmehr die Objekte, die etwas zu erzählen haben. Und Geschichten haben wir in diesem Jahr einige gehört; von Nachbarn und Fremden, Schweinen und Hühnern, von Arbeitern und Fleischern – und nicht zuletzt auch einige Anekdoten aus dem Leben der Designer selbst.

Mehr zur imm cologne und LivingKitchen 2013 finden Sie hier.
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