Paula Juchem: Grenzerfahrung Keramik

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Text: Uli Meyer
Foto: Ruy Teixeira

Die Keramiken von Paula Juchem sind in ihrer Kühnheit und Fantasie einzigartig. Die Brasilianerin bezeichnet sich selbst als Grenzgängerin zwischen Farbe und Form. Nach ihrem Grafikdesign-Studium arbeitete sie in Italien als Illustratorin für Marken wie Cassina, The Conran Shop und Non Sans Raison. Mit dem Medium Ton kam sie dort zufällig in Berührung und seither bestimmt es ihr Leben. 2012 ließ sich Paula Juchem in São Paulo nieder und debütierte mit ihren Keramiken auf dem nationalen Markt. Im gleichen Jahr stellte die Design Gallery Milano ihre Arbeiten erstmalig im Rahmen der Mailänder Möbelmesse vor.

Die Gegend in São Paulo, in der Paula Juchem lebt und arbeitet, sieht ein bisschen langweilig aus. Kleine, gutbürgerliche Einfamilienhäuser reihen sich aneinander. Der Stadtteil Perdizes befindet sich westlich vom Zentrum und ist auf mehrere der für São Paulo so typischen, steilen Hügel verteilt. Durchquert man die Gegend, fühlt man sich ein bisschen wie in San Francisco. Auf der Rückseite eines der Wohnhäuser in dieser Gegend, getrennt durch einen kleinen Hof, liegt das Atelier von Paula.

Vom Papier zum Ton
Studiert hat Paula Juchem in Santa Maria, einer Stadt im Süden Brasiliens, bevor sie nach Mailand zog, um als Illustratorin zu arbeiten. Im Jahr 2007 wurde sie eingeladen, mit den Bewohnern eines Rehabilitationszentrums für Drogensüchtige einen Workshop durchzuführen. Dabei sollten die Teilnehmer grafische Elemente für Keramik entwickeln. Für Paula ein Schlüsselerlebnis: Zum ersten Mal sah sie, wie ihre Zeichnungen in Ton übersetzt aussahen. „Mich hat die Arbeit mit Keramik sofort fasziniert“, erzählt Paula als wir sie in ihrem Atelier treffen. „Es gibt unzählige Möglichkeiten. So viele Ideen können realisiert werden.“

Grenzgängerin zwischen Farbe und Form
Seit dieser ersten Begegnung mit dem Ton versucht sie die Grenzen des Machbaren beim Arbeiten mit dem Material auszutesten. Anfangs übertrug sie einfach die Möglichkeiten, die das Arbeiten auf Papier bietet, auf die Keramik. Sie scheute sich dabei nicht, Dinge auszuprobieren, die ein erfahrener Keramiker wahrscheinlich als sinnlose Zeitverschwendung betrachtet hätte. Stattdessen ließ sie sich ganz von ihrer Fantasie leiten und versuchte jegliche Ratio und Hierarchie auszuschalten. Vor allem an ihren großformatigen Vasen lässt sich das auch heute noch gut erkennen.

„Ich bin Borderlinerin, was Formen und Farben angeht.“
 

„Eigentlich würde ich mich in meinem tagtäglichen Leben als einen sehr rationalen Menschen beschreiben. Aber diese Gefäße mit dermaßen viel Farbe und Formen zu überfrachten, bereitet mir ein unbeschreibliches Vergnügen. Manchmal überlege ich mir, woher das kommt. Vielleicht würde ich es so beschreiben: Im normalen Leben bin ich sehr maskulin, sehr deutsch“, lacht Paula und spielt damit auf ihre deutschen Vorfahren an. „Bei meiner Arbeit dagegen lebe ich meine brasilianische Seite aus.“

Ihre Tier- und Menschenköpfe sind von sizilianischen Keramiken inspiriert. Sie stehen in der Tradition der „testa di moro“, eine Art Übertopf, dessen Herstellung auf eine seit 1.000 Jahren überlieferte Geschichte aus Palermo zurück geht. In dieser wurde eine junge normannische Adelige von Eifersucht gepackt, nachdem sie erfuhr, dass ihr nordafrikanischer Liebhaber in seine Heimat zurückkehren wollte. Sie lockte den Unglückseligen zu einem letzten Rendezvous in ihre Kammer, köpfte ihn und stellte sein Haupt, mit Basilikum bepflanzt, als makabre Trophäe auf ihrem Balkon aus. Diese reich verzierten und von Hand bemalten Töpfe werden auch heute noch von kleinen sizilianischen Handwerksbetrieben hergestellt.

Herstellung und Ornamentik
Paula Juchem dreht die Vasen nicht selbst auf der Töpferscheibe, sondern lässt die hohen Gefäße von einem Töpfer herstellen. Sobald die Rohformen von der Töpferscheibe kommen, aber noch feucht und gut formbar sind, beginnt ihr Arbeitsprozess. Die symmetrische Form der Vase wird mit Ausbuchtungen und Aushöhlungen versehen, auch um sie unterscheidbar von Archetypen der Töpferei zu machen.

Erst beginne ich mit dem Zeichnen.
Wenn ich dann anfange, mit dem Ton zu arbeiten,
habe ich eigentlich die meiste Arbeit schon hinter mir."

Dann beginnt sie mit dem Anbringen von Reliefs, um die Bereiche mit Farbauftrag von solchen ohne zu trennen. Wie Parasiten kleben sie an dem Gefäß und werden nach oben umfangreicher. Das zusätzliche Gewicht erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass beim Trocken des Tons oder beim Brennen Risse entstehen. Doch die vermeintlichen Unfälle sind gewollt. Splittern Fragmente beim Brennen ab, werden sie wieder zu Tonstaub zerrieben, mit Emaillepulver vermischt und als neue Schicht auf das Gefäß aufgetragen. Nach dem zweiten Brennen, das die glasige Emaille fixiert, ist die Vase bereit: Nun erhält sie ihr eigentliches Dekor. Danach kommt das dritte und letzte Brennen. „Nie habe ich das Gefühl fertig zu sein. Immer ist da dieses Bedürfnis, noch etwas zu verändern. Manches ist nur fertig, weil ich Kinder habe“, lacht sie. „Und natürlich bestimmt der Trocknungsprozess die Länge des Arbeitens. Man kann nur an den Objekten arbeiten, solange sie feucht sind. Nach drei bis vier Tagen muss ich aufhören.“

Wenn Norm und Gefühl aufeinanderprallen
Die unorthodoxe Herangehensweise an den kreativen Prozess, die Überführung von zweidimensionaler Grafik in eine dreidimensionale keramische Form aber auch die ungewöhnliche Herstellungsmethode der Vasen, macht die Besonderheit in der Arbeit der Brasilianerin aus. Es mache ihr Spaß, so genannte „Gesetze“ der Herstellung zu verletzen und zu brechen und all das auszuprobieren, was eigentlich unzulässig ist. Deshalb sieht sie sich auch nicht in einer bestimmten keramischen Tradition. „Der „Exzess“ an Überlagerungen und Schichten von Ton und Farbe und diese unterschiedlichen Techniken, die ich mit den Jahren entwickelt habe, das macht die Einzigartigkeit meiner Arbeiten aus.“

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