Pebble Beach 2017: Gras geben

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Text: Norman Kietzmann, 28.08.2017

Partner: BMW

Unter der Regie von Chefdesigner Adrian van Hooydonk erfindet BMW seine Designsprache neu. Wohin die Reise führt, zeigt der neue Roadster Concept Z4 mit einer reduzierten und dennoch kraftvollen Erscheinung. Der Ort der Premiere ist passend gewählt: Das weltweit wichtigste Oldtimer-Treffen im kalifornischen Pebble Beach, wo Eleganz und Kraft seit 67 Jahren zusammenfinden.

Dieselskandal? Fahrverbote? Die Schlagworte, die derzeit die Medien beherrschen, scheinen weit entfernt in Pebble Beach. Auf dem berühmten Golfplatz, rund 200 Kilometer südlich von San Francisco gelegen, treffen alljährlich im August die erlesensten Automobile zusammen. Schon an den Vortagen ziehen historische Preziosen und kraftvolle Boliden heutigen Datums über die Straßen zwischen Monterey und Carmel hinweg. Unzählige Schaulustige platzieren sich auf Campingstühlen am Straßenrand und inspizieren die vorbeiziehenden Bugattis, Ferraris und Rolls-Royces, die sich wie an einer Perlenschnur aneinanderreihen. Oldtimer-Treffen wie Legends of the Autobahn und The Quail legen bereits eine hohe Messlatte.

Morgenstund hat Chrom im Mund 
Der Höhepunkt ist jedoch zweifelsohne das automobile Gipfeltreffen in Pebble Beach, wo 200 millionenschwere Oldtimer auf dem 18. Grün zusammentreffen. Bei so viel Schönheit lohnt sich frühes Aufstehen. Schon um sechs Uhr morgens sind die ersten Besucher dort, um die Ankunft der Wagen zu begutachten. Spätestens um neun ist es so voll, dass die Fahrzeuge nie als Ganzes, sondern lediglich in Ausschnitten zu begutachten sind. Perfektes Timing bewies der Besitzer eines Mercedes S Tourer aus dem Jahr 1929, der gerade eine Woche zuvor aus der Werkstatt seines Restaurators rollte und den 67. Concours d'Elegance von Pebble Beach mit der Auszeichnung Best of Show für sich entscheiden konnte. Er rollte im Konfettiregen über die Siegerrampe.

Rennwagen und Einzelstücke
Zu den weiteren Höhepunkten gehörte eine eindrucksvolle Schau von 39 historischen Ferraris, darunter allein zehn Gewinner bedeutender Autorennen und neun „One-Off“-Einzelstücke in einer Preisliga jenseits von 20 Millionen Euro. Spannend war auch die Sonderschau zur längst erloschenen Automarke Isotta Fraschini, die 1900 in Mailand gegründet wurde. Dort sind in den Zwanzigerjahren einige der außergewöhnlichsten Karosserien ihrer Zeit entstanden, die allesamt nie in Serie, sondern stets als Einzelstücke nach Kundenwunsch konstruiert wurden.

Die Jury des Concours D'Élégance in Pebble Beach bei der Arbeit. Foto: Matthias Knödler 
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Rollendes Space-Age
Wie ein Korrektiv zum Glanz der Great-Gatsby-Ära wirkt die Sonderklasse American Dream Cars of the 1960s mit reichlich Chrom und ausladenden Heckflossen. Sieben Jahre dauerte der Bau des DiDia 150 „Bobby Darin“ Coupe bis zu seiner Fertigstellung 1960 und verschlang die damals astronomische Summe von 150.000 Dollar. Nicht nur dem Besitzer Bobby Darin waren alle Blicke auf der Straße sicher. Der Wagen chauffierte in den Sechzigerjahren zahlreiche Hollywood-Stars zur Oscar-Verleihung und entfachte schon vor dem Schaulaufen auf dem roten Teppich Glanz.

Zukunft im Visier 
In Pebble Beach wird der Blick keineswegs nur in die Historie, sondern ebenso mit Concept und Show Cars nach vorne gerichtet. Dass diese keine reinen Fantasien bleiben müssen, zeigt BMW mit der Premiere des Concept Z4. Der Roadster ist weit mehr als eine Vorschau auf die neue Z4-Serie, die Ende 2018 auf den Straßen unterwegs sein wird. Er markiert zugleich eine Neuorientierung der Designsprache des Münchner Unternehmens, das in den nächsten zwei Jahren 40 neue Serienmodelle und Prototypen für die Marken BMW, Mini und Rolls-Royce präsentieren wird – der umfangreichste Produktwechsel in der 101-jährigen Firmengeschichte.

Mehr durch weniger
Ein wenig scheint sich BMW-Chefdesigner Adrian van Hooydonk und sein 700-köpfiges Designteam an den rollenden Schönheiten von Pebble Beach angesteckt zu haben. Statt kraftvoll die Muskeln spielen zu lassen und ein Gewitter aus Kurven und Konturen zu entfachen, kehrt die Formensprache zur klassischen Eleganz des Karosseriebaus zurück – ohne dabei die Dynamik unter den Tisch zu kehren. „Die Designsprache wird sauberer, mit weniger Linien. Aber die Linien, die wir haben, sind deutlich schärfer und präziser. Indem wir die Formsprache reduzieren, wollen wir die Emotionen und den Charakter des Fahrzeugs erhöhen“, erklärt der niederländische Gestalter. 

Tief sitzende Nase
Ein Vorgeschmack wurde bereits mit dem Concept 8 anläßlich des Concorso D’Eleganza in der Villa D’Este am Comer See gegeben. Doch mit dem Concept Z4 stellt sich der Ansatz umso prägnanter heraus. Markantes Element ist eine Front mit hervorragender „Shark Nose“ und abgesenkter Motorhaube. Auch der nierenförmige Kühlergrill sitzt deutlich tiefer und wurde in den Proportionen in die Breite gedehnt. Interessant ist der Einsatz eines Metallnetzes, das auf BMW-Sportwagen aus dem frühen 20. Jahrhundert verweist und nun mit heutigen Herstellungsprozessen als dreidimensionale Struktur interpretiert wird. Die scharf geschnittenen Frontscheinwerfer wurden erstmals über den Kühlergrill angehoben, sodass ein besonders schnittiger Gesichtsausdruck entsteht.

Interieur des BMW Concept Z4. Foto: BMW
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Prägnante Linien
„Es war wichtig für uns, dass der Fahrer in der Nähe der Hinterachse ist, um ein sofortiges Gefühl zu bekommen, was das Auto macht. Wir haben die Motorhaube verkürzt, um das Auto dynamischer zu machen und die Sichtbarkeit der Straße zu verbessern“, erklärt Adrian van Hooydonk ergänzend. In der Seitenansicht zeigt die Karosserie ein Zusammenspiel von prägnanten Linien und einer weichen, geradezu fließenden Oberflächenbehandlung. Eine besondere Rolle fällt einer diagonalen Linie zu, die sich an den beiden Seitenflächen vom Vorderrad bis zum Heck des Wagens fortsetzt und mit ihrer leichten selbst in Standposition Bewegung assoziieren soll.

Auch im Inneren des Fahrzeugs kommt die neue Sprache zum Einsatz. „Autos werden intelligenter und brauchen weniger Knöpfe und Schalter. So haben wir alle Bedienelemente aufgeräumt und in wenigen Inseln gruppiert“, erklärt Adrian van Hooydonk. Ein besonderes Merkmal ist die asymmetrische Trennung zwischen Cockpit und Beifahrersitz mit schwarzen und orangefarbenen Farbschemata. Lederbezogene Paneele sorgen für eine warme, angenehme Note im Innenraum und sind – sofern sie im späteren Serienmodell Verwendung finden – für die Bildung von Patina geeignet.

Materielle Mixtur
Zu diesem Zeitpunkt ist es noch zu früh, die Materialität der Karosserie zu bestimmen. Auch über die Leistung und die Art der Motorisierung der späteren Z4-Serie steht noch nichts genaueres fest. „Der Karbonanteil wird in naher Zukunft steigen, denn wir wollen die Autos immer leichter und effizienter machen, ganz gleich ob sie einen Verbrennungsmotor, einen Hybrid- oder Elektromotor haben“, sagt van Hooydonk. Im Mittelpunkt steht nicht nur Karbon allein, sondern ebenso eine Mixtur mit anderen Materialien, um zusätzliches Gewicht einzusparen. In diesem Sinne wird Reduktion gleich doppelt angewendet: In der inneren Konstruktion des Fahrzeugs sowie in ihrer äußeren Erscheinung. Inwieweit sich die neue Sprache vom Roadster auf die Alltagsfahrzeuge des Münchner Unternehmens überträgt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

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