Peter Raacke: einfach modern

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Text: Claudia Simone Hoff


Eine Müslischale und ein Löffel aus purem Gold – das hätte man von Peter Raacke wohl nicht erwartet. Gilt er doch gemeinhin einer Generation von Designern zugehörig, die nach dem Zweiten Weltkrieg der „Ulmer Schule“ zugerechnet wurde. Und Ulm – Synonym für die Hochschule für Gestaltung Ulm –, steht nun mal nicht für opulente Formen und verschwenderische Materialien. Im Gegenteil. Aber Raackes Design lässt sich nicht dem einfachen Paradigma von Form und Funktion unterordnen – dazu ist es zu vielseitig und -schichtig.


Raacke gehört zu denjenigen Designern, die das Berufsbild des Industriedesigners in Deutschland etabliert und geprägt haben. Im September 2008 hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert und kann auf ein kreatives Schaffen von fast sechzig Jahren zurückblicken. In dieser Zeit entstanden neben Schmuck, Möbeln und Industrieprodukten auch viele Küchenartikel, darunter der Besteck-Klassiker „mono-a".

Anfänge: Deutscher Fußballbund und Kölner Dom


Raackes Design – jedenfalls das allgemein bekannte – wird oft mit den Schlagworten Funktionalität, Effizienz, hoher Qualitätsanspruch und reduzierte Formensprache beschrieben. Dabei wird meist vergessen, woher der Designer eigentlich kommt: Nach einer Ausbildung als Silber- und Goldschmied und Emailleur an der Hanauer „Staatlichen Fachschule für Gold- und Silberschmiede, Graveure und Ziseleure“, aus der auch der Gestalter Wilhelm Wagenfeld hervorgegangen ist, war er als Assistent an der Kölner Werkkunstschule tätig. Dort beteiligte er sich an der Ausarbeitung der von Elisabeth Treskow entworfenen Meisterschale des Deutschen Fußballbunds. Außergewöhnlich waren auch Projekte, an denen er in Köln teilnahm: die Restaurierung des mittelalterlichen Königsschreins des Kölner Domschatzes sowie der Entwurf eines Messkelchs.

Vom Kunsthandwerk zum Design

Nachdem Raacke 1950 als Stipendiat an der Pariser Ecole des Beaux-Arts verbracht hatte, bedeute das darauffolgende Jahr eine Zäsur in seinem Schaffen: Nun orientierte er sich weg vom reinen Goldschmiedehandwerk Richtung Design. Als Assistent des Direktors der Städtischen Werkkunstschule Darmstadt entwirft er modernen Schmuck und Treibarbeiten. In Darmstadt hatte Raacke sich ein Atelier und Wohnquartier in luftiger Höhe im sogenannten Hochzeitsturm eingerichtet, den der Wiener Jugendstilarchitekt Josef Maria Olbrich in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe erbaut hatte.

In Darmstadt war es auch, wo Raacke seinen ersten Kontakt zur Industrie knüpfte: Er lernte Wolfgang Rathscheck, den Chef des Unternehmens Haas & Sohn, kennen. Die Firma fertigte mobile Öfen. Raacke wurde als Designer engagiert und machte sich an die Optimierung des Gehäuses und die Modernisierung der Bedienelemente. Und, was exemplarisch für seine gestalterische Herangehensweise ist: Die ursprünglich barocke Form der Öfen, die sich an die damals vorherrschende Wohnungseinrichtung anglich, änderte sich. Mit dem Einsatz von zeitgemäßen Farben ging die Betonung des Objektcharakters einher. Verdeutlicht wird dieser Richtungswechsel auch bei den Annoncen, die Raacke für den Ofenhersteller entwarf, denn auch die gestalte er farbenfroh und sachlich. Für Raacke war die Einheit von Produkt und Grafikdesign elementar.

1953 wurde Raacke an die „Staatliche Schule für Kunst und Handwerk“ in Saarbrücken berufen, um dort die Metallklasse aufzubauen und zu leiten. Dabei ging es vor allem um die Entwicklung von Prototypen alltäglicher Gegenstände für die serielle Produktion. Obwohl damit sein Weg in Richtung Industriedesign vorgezeichnet war, schuf Raacke noch immer wertvolle kunsthandwerkliche Einzelstücke, so beispielsweise die üppig-schwere Rektor-Kette der Universität des Saarlandes aus Stahl und Feingold.

Koch- und Besteckgeschichten

1957, nach dem großen Erfolg seiner Arbeit für den Büromöbelhersteller VOKO richtete Raacke an der Werkkunstschule Kassel eine Klasse für serielle Produktion ein und eröffnete in Kassel und Mailand eigene Designbüros. 1960 entstand im Auftrag der Heinrich Berndes KG eine Serie von Aluminium-Kochtöpfen. Um Platz bei der Verpackung zu sparen, mussten die Griffe des Topfs „HB 1999“ vom Käufer nachträglich angeschraubt werden. In Kassel beginnt Raacke auch sich intensiv mit dem Thema Besteck zu beschäftigen, für einen gelernten Silberschmied durchaus nichts Ungewöhnliches.

Das Essbesteck „mono-a“, hergestellt von den Hessischen Metallwerken Gebrüder Seibel, ist sicher das bekannteste Design Raackes, was sicher auch damit zusammenhängt, das es noch immer produziert wird. Inzwischen ist es zu einem regelrechten Besteck-Klassiker avanciert, dessen Form noch immer aktuell ist. Das Besteck aus genormten Edelstahlblech sollte kostensparend und technisch einfach herzustellen sein. Selbst beim Messer sind Heft und Schneide aus einem einzigen Stück gefertigt – als so genannter Monoblock, worauf dann auch der Name „mono“ gründet. Definiert wird die Form des Bestecks durch elementare Grundformen.

Als Ergänzung zum Besteck wurden diverse Küchenprodukte auf den Markt gebracht, so beispielsweise die aus der Form der Halbkugel entstandene mono-Salatschüssel und mono-Teekanne. Das ganz aus Edelstahl gefertigte Besteck „mono-a“ wurde erweitert um das Besteck „mono-e“ mit Ebenholzgriffen sowie „mono-t“ mit Teakholzgriffen. Zur mono-Serie entwarf der Grafiker Oskar Blases ein kongeniales Grafikdesign: Verpackungen, Poster, Annoncen und Signet. Man mag es kaum glauben, aber während vorher niemand das Besteck ins Sortiment aufnehmen wollte, begann es nun zum Verkaufsschlager zu avancieren.

Die gute Form – HfG Ulm

1962 ereilte Raacke der Ruf Otl Aichers an die Hochschule für Gestaltung Ulm, wo er bis 1966 als Dozent tätig war. Gegründet 1951vom Schweizer Architekt, Designer und Künstler Max Bill war sie als Nachfolge des Bauhauses und seiner Prinzipen konzipiert. Dort entstand zeitgleich mit den Piktogrammen Aichers der sogenannte „Ulmer Koffer“ Raackes. Konzipiert war er als Werkzeugkoffer aus Polypropylen, der aus zwei gleich gestalteten Schalen bestand. Bei der anvisierten Zielgruppe der Hand- und Heimwerker hatte er nur wenig Erfolg, auch weil der Herstellungspreis von 2,40 DM sich für einen Massenartikel als zu teuer erwies.

In den 1960er Jahren entstanden auch Raackes Faltmöbel. Statt Eiche rustikal konnten Erwachsene und Kinder sich nun Stühle, Hocker, Regale oder Tische aus kunststoffbeschichteter Wellpappe selbst falten. Noch dazu kamen die Möbel in poppigen Farben wie Rot, Pink oder Violett daher. Das Aufkommen der Farbigkeit hatten auch die Macher von „mono“ erkannt und erweiterten die Produktpalette um das farbig eloxierte Besteck „mono-ring“. Es konnte an dem mitgelieferten Gestell aufgehängt und auf dem Tisch platziert werden. Passend dazu gab es das „Ring-Probierbesteck“, das Platz an der (Küchen-)Wand fand.

Raacke, der 1968 bis 1993 als Professor an der Hochschule für Künste in Hamburg tätig war, besitzt noch heute ein Designbüro in Berlin, wo er seit seiner Emeritierung lebt. Dass Raacke manchmal ganz schön aufmüpfig sein kann, beweist er nicht nur mit seiner goldenen Müslischale, sondern auch mit seinen Rattanmöbeln aus den 1970er Jahren. Sie tragen den durchaus programmatischen Namen „Arche Noah“ und jagen dem Design-Puristen und Ulm-Fan noch immer einen kleinen kalten Schauer über den Rücken.


Ausstellung:

Die Ausstellung „Peter Raacke: einfach modern – Vom Handwerk zum Design“ im Berliner Bauhaus-Archiv ist noch bis zum 10. November 2008 zu sehen. Gezeigt wird ein Querschnitt aus sämtlichen Schaffensphasen und Arbeitsbereichen. Und der geheftete Ausstellungskatalog ist mit einem praktischen wie schönen Clou versehen: Raacke gestaltete speziell für diese Ausstellung eine mono-Olivengabel, die auf dem Cover zu finden ist und mit der grafischen Gestaltung verknüpft wurde.

Annemarie Jaeggi (Hrsg.):
Peter Raacke: einfach modern. Vom Handwerk zum Design.
Berlin 2008.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

Dixon