Petra oder die Parade des Grauens

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Text: Jasmin Jouhar

 
Diese Geschichte beginnt mit einem neuen Oberschrank für die Küche. Alles, was vorher offen herumstand, verschwindet hinter geschlossenen Fronten. Plötzlich diese Übersicht! Zurück bleibt nur der Wasserkocher. Aber so ganz alleine, wie er jetzt auf weiter Platte steht, wird mir klar: Der geht nicht mehr. Das eigentliche Gefäß ist immerhin aus blankem Edelstahl, aber der Rest … Deckel und Griff aus Plastik kleben wulstig am Topf wie eine Wucherung. Der weiße Kunststoff ist nach all den Jahren vom Kalk vergilbt. Beim Eingießen schwappt jedes Mal ein Schwall kochenden Wassers über. Und auf dem Sockel steht unübersehbar Petra. Es ist beschlossen: Petra hat ausgedient, etwas Besseres muss her. Doch so einfach, wie diese Geschichte angefangen hat, geht sie leider nicht weiter.


Denn dort, wo Petra einst herkam, ist kaum Ersatz zu finden: Im Elektronikfachmarkt steht sie aufgereiht, die Parade des Grauens. Ein behäbiger Pott neben dem anderen, mit Griffen so dick, dass vermutlich auch ein Elefant sie handhaben könnte. Ausladende Sockel signalisieren: Ich bin sicher, mich wirft so schnell nichts um. Der einzige Unterschied zu Petra: Sichtfenster, Skalen, Displays und aufgeblasene Silhouetten wie aus dem Autodesign machen die aktuellen Wasserkocher noch hässlicher als ihre Vorgänger. Nur im Segment unter zehn Euro lassen sich noch schlichte Modelle finden. Um den Preis des Verdachts, dass solch billige Geräte weder lange halten noch unter vertretbaren Bedingungen produziert wurden.

Auf der Flucht Richtung Ausgang passiere ich Regale mit Toastern, Stabmixern, Haarfönen, Rasierern: Leuchtdioden blinken mich an, metallisches Plastik blendet mich, bunte Gumminoppen wollen berührt werden. Zurück zu Hause, bei einer mit Hilfe von Petra zubereiteten Tasse Tee, die Frage: Warum? Warum sind die kleinen Helferlein für den Haushalt so geschwätzig, so aufdringlich, kurz: so unansehnlich? Und das in einem Land, das mit den Elektrogeräten von Braun einmal zu den gestalterischen und technischen Vorreitern gehörte. Heute dagegen herrscht meist, leider auch bei Braun, eine Produktsprache vor, die sich mit Styling zu begnügen scheint – also eher mit einer ästhetischen Bearbeitung des Äußeren als einer konzeptionellen, funktionale mit ästhetischen Aspekten verbindendenden „Durchgestaltung“ des ganzen Gerätes.

Modisches Design

Oliver Grabes, seit Ende 2009 Chefdesigner von Braun, bestätigt den Styling-Verdacht: „Viele Hersteller haben in den letzten Jahren versucht, die zum Teil recht einfache Funktionalität von Küchengeräten durch modisches Design oder besondere „Features“ aufzuwerten – auch deshalb, weil viele Konsumenten dafür bereit sind, mehr Geld zu bezahlen. Ich glaube aber, dass hier eine Veränderung stattfindet und immer öfter nach technisch als auch optisch überzeugenden und qualitativ hochwertigen Produkten gesucht wird.“ Zudem seien die Kosten für Design im Vergleich zu Forschung, Technik und Produkt eher gering. Zu Grabes Strategie gehört, vermehrt auf die „Tradition“ des Unternehmens zu setzen: „Braun hat eine sehr starke Designhistorie, die von vielen sehr guten Designern geprägt wurde und die großen Einfluss auf die Entwicklung der Marke hatte. Daran wollen wir wieder stärker anknüpfen und dies im Design ablesbar machen. Funktionalismus, Qualität und Ästhetik gilt es als alte, bekannte Werte in unser heutiges Umfeld für die Marke Braun zu übersetzen“

Alle sind gleich

Jerszy Seymour, kanadischer Designer mit Wohnsitz in Berlin, hat seine Erfahrungen mit der Gestaltung von Kleinelektro gemacht. Im Auftrag des französischen Herstellers Moulinex entwickelte er einen Fön für das untere Preissegment. Als bereits 20.000 Stück hergestellt worden waren, entschied das Management jedoch, dass Moulinex sich weiterhin auf den Küchenbereich beschränken solle. Die ganze Produktion des Föns wurde vernichtet. Nachhaltigkeit geht anders. Der Fall Moulinex ist insofern exemplarisch für die Branche, als dass die Marke nicht unabhängig ist, sondern zusammen mit Rowenta, Tefal und zahlreichen anderen zum französischen Konzern Groupe SEB gehört. SEB ist unter anderem Weltmarktführer bei Wasserkochern. Seymour kritisiert, dass die großen Konzerne oft in Billiglohnländern mit rückständiger Technik produzierten und die dortigen Arbeiter ausnutzten.

Die globalisierte Organisation der Industrie hat auch Auswirkung auf Technik und Gestaltung der Geräte: Bei Wasserkochern sei es beispielsweise so, dass nur zwei oder drei Anbieter auf der ganzen Welt die Heizelemente für die Geräte herstellten, sagt Seymour. Und lediglich zwei Unternehmen überprüften die Prototypen auf ihre Sicherheit. „Deswegen sind letztlich alle Wasserkocher gleich. Das funktioniert genauso wie in der Computerindustrie.“ Grundsätzlich seien die Geräte technisch ja nicht schlecht. Die allgemeine Standardisierung lasse jedoch wenig Spielraum: „Wenn man versucht, etwas anders zu machen, wird es schnell sehr teuer“, sagt Seymour. Das lohne sich nur, wenn es eine grundlegende typologische Veränderung mit sich bringe, wie bei der Entwicklung der verdeckten Heizelemente in Wasserkochern.

Im Reich der Plastikpötte

Nach dem Fehlschlag im Elektrofachmarkt der nächste Beschaffungsversuch: im Internet. Ich verliebe mich ein neues Modell von Rowenta namens BV 7011, entworfen von dem französischen Designbüro Elium Studio. Der Korpus des Kochers soll an eine Kanne erinnern und besteht aus – Achtung! – weißem Porzellan. Zusammen mit dem grauen Deckel aus Gummi und dem Edelstahlsockel ein ungewöhnliches Erscheinungsbild im Reich der Plastikpötte. Kaum gekauft, brennt dem Keramikkocher eine Sicherung durch: Mit Blitz und Knall beendet er nach sechs Wochen seine Tätigkeit. Auf dem Rückweg vom Rowenta-Kundendienst geht dann der Porzellankorpus kaputt. Rowenta sieht sich außer Stande, ein neues Exemplar des BV 7011 aufzutreiben und schreibt den Kaufpreis gut.

Dass es für ein eigentlich neues Modell keinen Ersatz geben soll, macht mich stutzig. Doch Designer Gilles Caillet von Elium Studio will sich nicht äußern und verweist mich an SEB, den Eigentümer von Rowenta. Bei SEB Deutschland bleibt man auf die Frage, warum BV 7011 nicht mehr erhältlich ist, vage: Man habe bei den französischen Kollegen lediglich in Erfahrung bringen können, „dass es wohl Qualitätsprobleme gab“. Da werde ich erst recht stutzig, kommt mir die Geschichte doch bekannt vor: Vor einigen Jahren brachte Rowenta eine schöne und zeitgenössisch wirkende Küchengeräte-Linie von Jasper Morrison auf den Markt. Die weißen Toaster, Kaffeemaschinen und Wasserkocher avancierten schnell zum must have für Designbewusste. Und beinahe ebenso schnell hörte man von durchgebrannten Sicherungen und ähnlichem. Jasper Morrison warnt seit langem auf seiner Webseite vor den Geräten: „Reports received on malfunctioning products. Buyers beware!“ Die Serie ist längst nicht mehr erhältlich.

Heißgemacht, weichgekocht

Nächster Versuch: Mundpropaganda. Eine Kollegin hat sich vor einiger Zeit ebenfalls einen neuen Wasserkocher zugelegt: Hot.it, von dem niederländischen Architekten Wiel Arets für Alessi entworfen. Das italienische Unternehmen steht für Produkte mit gewissem Gestaltungsanspruch – mit Erfolg, denn das überschaubare Programm an Haushaltsgeräten verkauft sich gut. Ich finde den Elektrokessel mit seinem hohen, schlanken Korpus und der völligen Abwesenheit von Firlefanz sehr annehmbar. Jedoch: Die Kollegin musste ihr erstes Exemplar binnen kurzer Zeit umtauschen, weil der Verschlussmechanismus des Deckels versagte. Bei Nummer zwei funktioniert der Mechanismus zwar auch nicht richtig, aber sie hat sich in ihr Schicksal gefügt. Immerhin macht Hot.it tatsächlich Wasser heiß und sich zudem gut in ihrer Küche.

Auch ich bin mittlerweile zu allem bereit – quietschbunte, großflächig mit dem Markennamen versehene Geräte von Bodum oder testosterongestählte Hightech-Kessel von Siemens/ Porsche Design haben mich weich gekocht. Für die noble Variante von Jacob Jensen kann ich mich auch nicht erwärmen: Edelstahl gebürstet ist für mich nur noch ein Designklischee. Also kaufe ich mir für gar nicht so wenig Geld tatsächlich ein Gerät, von dem ich weiß, dass es vermutlich Macken haben wird. Es kommt, wie es kommen muss: Nach drei Einsätzen funktioniert auch bei meinem Hot.it-Exemplar der Verschluss nicht mehr richtig. Aber das Wasser wird viel schneller heiß als weiland bei Petra, und leiser ist er auch. Eine weitere Kollegin nimmt sich ein Beispiel und erwirbt den Alessi-Kocher ebenfalls. Bei ihr funktioniert der Verschluss bislang tadellos – sie bedient den Knopf aber nur mit großer Behutsamkeit. Ende gut, alles gut, oder?

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