Fetisch Konsum – Pop Art Design

9

Text: Norman Kietzmann


Die Frage, ob Design nun Kunst sei oder nicht, ist kein heutiges Phänomen. Lange vor dem Siegeszug der limitierten Editionen gab es eine rege Wechselwirkung zwischen beiden Disziplinen, als die Pop Art die Warenwelt zum Thema erklärte. Während Typografie, Werbung und Produkte des Alltags in den Kontext der Kunst aufrückten, fanden künstlerische Strategien Einzug in die Produktgestaltung und ebneten Strömungen wie dem Radical Design der sechziger Jahre oder Memphis zu Beginn der achtziger Jahre den Weg. Wie unmittelbar die beiden Disziplinen zum gegenseitigen Impulsgeber wurden, zeigt das Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit der Ausstellung Pop Art Design.


Der Ort scheint passend gewählt. Nur wenige Kilometer von der Spielstätte der Design Miami Basel entfernt, bringt das Vitra Design Museum 140 Kunst- und Designobjekte unter einem Dach zusammen und bietet auf diese Weise nicht nur ein kuratorisches Novum. Die gesamte Sicherheitstechnik des Gehry-Baus musste eigens auf den neuesten Stand gebracht werden, um die Leihgaben aus dem Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark sowie dem Moderna Museet in Stockholm adäquat zu beherbergen. Denn Kunst wurde in den Räumen des 1989 eröffneten Designmuseums bislang noch nicht ausgestellt.

Flimmernde Grauzone

Was Kurator Mathias Schwartz-Clauss beabsichtigte, war kein wildes Potpourri aus Kunst und Design. In einer gleichberechtigten Gegenüberstellung beider Disziplinen sollten vielmehr deren Unterschiede deutlich werden. Anstelle einer präzisen Trennlinie gibt es vielmehr eine flimmernde Grauzone, die von Objekt zu Objekt neu erkundet werden muss. Um im Zweifel dennoch Klarheit zu bekommen, hilft ein Blick auf die Beschriftungen der Exponate, die die Gebrauchsgegenstände im Gegensatz zu den Kunstobjekten als solche identifizieren.

Den Auftakt zur Ausstellung bildet Richard Hamiltons Collage „Just What Is It That Makes Today‘s Homes So Different, So Appealing?“ aus dem Jahr 1956. In der „Geburtsurkunde der Pop Art“, so Mathias Schwartz-Clauss, finden sich bereits fast alle Motive der spätere Kunstströmung wieder, sei es das Zitat, die Ironie, das Verfremden von Proportionen sowie die Überhöhung alltäglicher Gebrauchsgegenstände. Dass als Handlungsort eine modern eingerichtete Wohnung diente, war kein Zufall. Schließlich hatte das Design in den unmittelbaren Nachkriegsjahren selbst eine deutlich selbstbewusstere Richtung eingeschlagen.

Produkte als Zeichen

Ob Charles und Ray Eames, die mit ihrer Chaiselongue La Chaise (1948 für Herman Miller, heute Vitra) das Möbel zur Skulptur erklärten oder Achille Castiglioni, der mit seinen Hockern Mezzadro und 200 Sella (beide 1957 für Zanotta) an die Ready Mades von Marcel Duchamp anknüpfte: Produkte durften mehr als funktionale Gehilfen sein und sich durchaus bei Strategien der Kunst bedienen. Auch wenn die Prinzipien der Moderne nicht aufgegeben wurden, entwickelten die Möbel doch geradezu zeichenhafte Qualitäten, die eine bessere Welt verhießen. Beeinflusst von den Möglichkeiten neuer Materialien wie Kunststoff, wurden die Dinge des Alltags verführerischer, farbenfroher und deutlich ausdrucksstärker. Angepriesen auf großformatigen Werbetafeln, die ab den fünfziger Jahren die Städte bestimmten, wirkten sie plötzlich selbst wie Stars.

Viele der späteren Pop-Art-Künstler haben in dieser verheißungsvollen Konsumwelt ihre Karriere begonnen. Andy Warhol arbeitete als Werbezeichner, während Robert Rauschenberg Schaufenster dekorierte. Schon in den dreißiger Jahren hatte Friedrich Kiesler vorgeschlagen, mithilfe von Kunst Produkte in Kaufhäusern zu bewerben – eine Strategie, die in den späten fünfziger Jahren tatsächlich von zahlreichen Geschäften verfolgt wurde. Künstler wie Jasper Johns, Andy Warhol oder Claes Oldenburg zeigten ihre frühen Arbeiten nicht in Galerien, sondern in den Schaufenstern der New Yorker Fifth Avenue. In der Verbindung aus Zwei- und Dreidimensionalität wurde das Schaufenster zur Blaupause der Pop Art: Es weckt Begehrlichkeiten, indem es Waren wie auf einer Bühne inszeniert und den Betrachter hinter der Glasscheibe auf Distanz hält. 


Leben in der Pop Art


Nicht nur dem Schaufenster wird ein eigener Abschnitt in der Ausstellung gewidmet. Die gezeigten Produkte, Skulpturen, Drucke und Gemälde werden ebenso zu thematischen Arrangements verdichtet, die teils erstaunliche Parallelen zeigen. So ähneln die Möbel Richard Artschwagers den Superbox-Schränken von Ettore Sottsass für Poltronova (1965-1966), die mit der Schichtung monochromer Farbflächen auf die Hard-Edge-Malerei verweisen. Ganz auf die Wirkung von Punkten setzt die Gegenüberstellung von George Nelsons Marshmellow Sofa (1956) mit Roy Lichtensteins Gemälde Yellow Brushstroke (1965) und einem handbemalten Teller von Ettore Sottsass für die Mailänder Galerie Il Sestante (1958). Die Irritation durch Vergrößerung bestimmt nicht nur Arbeiten wie Claes Oldenburgs monumentale Lunch Box (1962), sondern ebenso Gaetano Pesces aus Polyurethanschaum geformte Sitzskulptur Il Pede („Der Fuß“, 1969).

Auch die sexuell aufgeladene Stimmung kommt mit dem Mund-Sofa Bocca von Studio 65 für Gufram (1970), Tom Wesselmanns Smoker Banner (1971, ein Mund mit Zigarette aus farbigem Vinyl) oder Allen Jones‘ fetischhaften Möbeln aus polyestergeformten Frauenfiguren zur Geltung. Jones' Möbel waren in jenem Apartment zu finden, das Gunter Sachs 1969 im Turm des Palace Hotels in St. Moritz bis an die Decke mit Arbeiten Warhols, Lichtensteins und anderer Pop-Art-Künstler ausstattete. Der Großteil der Einrichtung wurde zwar im Mai 2012 versteigert. Doch lässt die Ausstellung das originale Interieur durch die Aufnahmen des Fotografen Ulrich Mack, die 1970 für einen Beitrag im Stern entstanden, wieder aufleben.  

Die Erben der Pop-Art


In der Galerie des Vitra Design Museum ist parallel die Ausstellung Home des österreichischen Künstlers Erwin Wurm zu sehen, mit der die zeitgenössische Wirkung der Pop Art deutlich gemacht werden soll. Bei den beiden Objekte aus der Serie Drowsy handelt es sich um zwei aus Kunststoff gefertigte Häusermodelle mit Satteldach, die unter Hitzeeinwirkung geschmolzen wurden und wie eine träge Masse in sich zusammengesunken sind. Wurm diskutierte am Eröffnungsabend der Ausstellung mit den Künstlern Peter Stämpfli und Tobias Rehberger sowie Daniel Birnbaum, Direktor des Moderna Museet in Stockholm.



Dass die Trennlinie zwischen Kunst und Design nicht allein durch den Gebrauch bestimmt wird, verdeutlichte Tobias Rehberger mit einem treffenden Beispiel: „Vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin steht eine Skulptur von Richard Serra: ein Metallwürfel von einem mal einem mal einem Meter Größe. Wenn man sich an einem heißen Sommertag darauf setzt und das Metall einen angenehm kühlt, könnte man fragen, ob diese Qualität nicht grundsätzlich auch für andere Kunstwerke ein Kriterium sein könnte. Muss Kunst immer nur etwas sein, das man sich angucken kann? Vielleicht lässt sie sich ja auch mit dem Hintern angucken wie die Skulptur von Richard Serra.“


Pop Art Design
Vitra Design Museum in Weil am Rhein
noch bis 03. Februar 2013
Weitere Artikel 13 - 25 von 43 Best-of: Raumausstattung 2019 Salone del Mobile 2019: Best-of Wohnen Design March 2019: Fundstücke aus Reykjavík Vorschau Salone del Mobile 2019: Alle auf Los! Vienna Design Week 2019: Auf Passionswegen Tausendmal Bauhaus: Ausstellung in Berlin Verflechtung als Prinzip: bauhaus imaginista La Maison des Artistes Stockholm Furniture Fair 2019: <br />
Hummer und Fransen Vorschau imm cologne 2019: Modern Mood Radical Craft: Ist das Handwerk noch zu retten? Dysfunctional: Designausstellung in Venedig

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.