Pretziada: Sardische Essenz

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Text: Tanja Pabelick

Was von den Ferien übrigbleibt: Souvenirs sind der Versuch, Erlebnisse nachhaltig zu materialisieren, sie sind Ding gewordene Erinnerung. Kaum ein Tourist fährt ohne Trophäen heim. Das macht Souvenirs zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Urlaubsregionen. Die Kollektion Heavy Souvenirs, die Ivano Atzori und Kyre Chenven von Pretziada während des Salone del Mobile im Lucio Vanotti Haus zeigten, untersucht Andenken am Beispiel Sardiniens – und präsentiert sich als emotional aufgeladene Objektsammlung, voll von kulturellen Reflexionen und mit poetischem Narrativ.

Schneekugeln, Gebäude-Miniaturen oder Porzellanteller – das Souvenir hat sich zu einem Vertreter der populären Produktkultur entwickelt und ist in seiner Aussage oft so pauschal wie die gebuchte Reise. Der Schlüsselanhänger aus Paris wird in derselben chinesischen Fabrik produziert wie der aus London – und lässt am Ende genau das vermissen, wofür er eigentlich gedacht war: ein Vertreter des Ortes zu sein, an dem er erworben wurde. Das in Sardinien ansässige Projekt Pretziada, gegründet vom Mailänder Ivano Atzori und der Kalifornierin Kyre Chenven, will Andenken wieder Gewicht geben. Damit ist natürlich weniger das Format gemeint – obwohl Souvenirs sich mittlerweile auch dem räumlichen Potential des Handgepäcks angepasst haben – als ihre Bedeutung und ihr Bezug zur lokalen Tradition.

Jenseits von Afrika

Mittlerweile leben die Designerin und der Graffiti-Artist im abgeschiedenen Westen Italiens. Von New York aus sind sie nach Sardinien gezogen, dem Ort, der behauptet, eigentlich gar nicht Italien zu sein. „Man muss sich vorstellen, dass Sardinien lange Zeit nur mit dem Boot zu erreichen war – was vom italienischen Festland aus immerhin gut 15 Stunden gedauert hat“, erzählt Ivano Atzori beim Rundgang durch die Ausstellung im lichtdurchfluteten Fabrik-Atelier. „Die Insel liegt genau zwischen Afrika und Italien – und das hat sich auch auf die Kultur der Bevölkerung ausgewirkt.“ Das Handwerk entwickelte sich über Jahrhunderte nahezu unbeeinflusst, arbeitet mit lokalen Ressourcen, bezieht sich auf indigene Lebens- und Arbeitsweisen und erzählt die Mythen der sardischen Kultur. Mit dem Billigflieger-Tourismus, dem Abwandern der Jugend und neuen wirtschaftlichen Optionen teilt das sardische Handwerk ein Schicksal mit indigenem Handwerk auf der ganzen Welt: Es stirbt aus.

Kultur-Kommunikatoren

Pretziada bezeichnen sich selbst als kulturelle Dolmetscher, die die Mission haben, Traditionen zu bewahren. Ihre Kollektion stellt die Besonderheiten heraus, indem sie sie ins Moderne übersetzt. Das machen die Künstler entweder selbst – oder sie laden sich Gestalter und Kreative ein, deren Werk sie schätzen. Einer der eigenen Beiträge zur Kollektion sind etwa die Wasser-Container aus Ton, die ihre besondere Form der Funktion verdanken. Immer zwei Gefäße werden mit einer Schnur verbunden und über den Rücken eines Maultieres gelegt transportiert. Der flache Boden schmiegt sich an den Tierrücken, während er später um neunzig Grad gedreht im Regal steht. Beim Transport weist die Öffnung mit einem Korken verschlossen nach oben, in der Küche wird an seine Stelle eine Art Hahn montiert. Der Töpfermeister Walter Usai fertigt dieses sehr spezifische Gefäß in fünfter Generation. „Traditionell waren die Gefäße durch Ornamente dekoriert, aber nicht glasiert. Ich bin also eines Tages zu ihm gegangen und habe ihn gebeten, die Form auf ihre Essenz zu reduzieren,“ erzählt Ivano Atzori von der Kooperation. „Er hat das sofort verstanden und auf den Punkt Tonobjekte mit minimalistischen Silhouetten gefertigt. Die moderne Form war Teil seines Vokabulars, es musste ihn nur jemand danach fragen.“
Behind the scenes: Die Handwerker und Designer während der Pretziada-Workshops.
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Innovation an der Tradition

Andere Teile der Kollektion sind in Residenz-Projekten entstanden, bei denen immer ein Handwerker und ein eingeladener Designer für einige Tage oder Wochen zusammenkamen, um sich gegenseitig zu inspirieren. „Unsere Farm liegt mitten auf dem Land – und auch, wenn wir den Designern nur Kost, Logis und Kontakte bieten konnten, hatten wir keine Probleme sie hierher zu bekommen,“ lacht Ivano Atzori. Die Art-Direktorin Valentina Cameranesi reiste nach Sardinien – und gestaltete gemeinsam mit Schlossern eine Garderobe, die an die überall stehenden, rustikalen Leitern erinnert. Sam Baron hat mit dem Töpfer Walter Usai zwei Vasen gestaltet, und Industriedesignerin Chiara Andreatti widmete sich bei ihrem Besuch dem Thema Stuhl, der auf Sardinien scannu genannt wird und eine Art Universalmöbel ist. „Traditionell werden Stühle in verschiedenen Höhen produziert, meistens niedriger, als wir es gewohnt sind. Auf ihnen verbringen die Sarden ganze Abende, in geselligen Gruppen, vor dem Kamin, beim Essen mit einem Teller auf dem Schoß – nur klassisch am Tisch stehen Stühle selten,“ beschreibt Ivano Atzori. Chiara Andreatti hat die Bespannung interpretiert und sich bei der Dekoration von alten Talismanen inspirieren lassen. Um die Gemütlichkeit und ihre Rolle für die soziale Interaktion zu unterstreichen, wurde der Rücken übergroß ausgeführt und die Sitzfläche Richtung Boden verschoben.

Materialisierte Erinnerung

Diese und andere Dinge können als Souvenirs in Wohnräume auf der ganzen Welt wandern – und damit auch die vielen Ebenen der Geschichte, die darin stecken. Sie sind eine Rückbesinnung auf die eigentliche Idee des Andenkens, das mehr ist als ein plumpes Symbol. Daneben gibt das Projekt den Handwerkern die Möglichkeit, neue Anwendungsbereiche für ihr außergewöhnliches Können zu erforschen – ohne ihre Traditionen dabei zu verraten. Das zumindest wünscht sich auch Pretziada: „Wir sind der festen Überzeugung, dass wir, indem wir mit Respekt für das einzigartige lokale Erbe arbeiten, Veränderungen, Moderne und Innovation nach Sardinien bringen können – ohne dabei die Authentizität zu verlieren.“
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