Projekt Vitra

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Text: Claudia Simone Hoff


Was üblicherweise erst am Ende eines Buches erscheint, ist in der Publikation „Projekt Vitra“ ganz nach vorn gerückt: der Index. Alphabetisch geordnet werden in knallroter Schrift alle Namen aufgelistet, die am Unternehmen Vitra beteiligt waren oder es noch sind. Gleich zu Beginn steht also geschrieben, womit Vitra Berühmtheit erlangte und worüber sich das Unternehmen noch heute, neben zahlreichen weiteren Aktivitäten, definiert: Berühmte Designer und Architekten pflastern den Weg des 1957 von Erika und Willi Fehlbaum gegründeten Möbelherstellers. Darunter so klangvolle Namen wie Antonio Citterio, Charles und Ray Eames, Zaha Hadid oder Alberto Meda.
Seit das Projekt Vitra 1957 in Basel und Weil am Rhein mit der Produktion der Möbel von Charles und Ray Eames und George Nelson begann, hat sich viel getan. Das Unternehmen legt Klassiker der Möbelkultur neu auf und beschäftigt nicht nur renommierte Gestalter zur Ausführung neuer Projekte, sondern widmet auch dem Architektur- und Ausstellungsbereich verstärkte Aufmerksamkeit. So entstand auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein das erste verwirklichte Bauprojekt Zaha Hadids, das Feuerwehrhaus, lange bevor sie zur „Star“-Architektin avancierte. Neben einem anspruchsvollen Architektur-Programm setzt das Unternehmen mit dem Vitra Design Museum Akzente im Museums- und Ausstellungsbetrieb, insbesondere zu den Themengebieten Architektur und Design. Um all diese Aktivitäten – eingebettet in die Unternehmensgeschichte – geht es in der Publikation, die vom derzeitigen Firmenchef Rolf Fehlbaum herausgegeben wurde.
Artikel, Fotografien, Werbung und andere Trouvaillen aus dem Vitra-Archiv
Für die 50-Jahr-Geburtstags-Publikation durchstöberte man das Vitra-Firmenarchiv bis in die hintersten Winkel und so können nun die Geschichten hinter den Möbelikonen erzählt werden. Die reichhaltig illustrierten Kapitel mit Beiträgen von Alex Coles, Rolf Fehlbaum, Luis Fernández-Galiano, Deyan Sudjic und Alexander von Vegesack berichten über die mit Vitra verbundenen Orte, Produkte und Menschen. Unter der Rubrik „Produkte“ sind beispielsweise auf verschiedenen großformatigen Fotografien sämtliche Produkte jeweils eines Designers wie George Nelson , Jean Prouvé, Verner Panton, Jasper Morrison oder den Brüdern Ronan & Erwan Bouroullec auf einer Abbildung dargestellt. Und auch die Artikel beleuchten verschiedene Aspekte der Unternehmensgeschichte. So widmet sich der Artikel „Ernsthafte Spielerei“ von Luis Fernández-Galiano dem Vitra Campus, der inzwischen weltweit bekannte Architekturen wie Nicholas Grimshaws Produktionshalle, Tadao Andos Konferenz-Pavillon oder Frank Gehrys Vitra Design Museum hervorgebracht hat. Eine gezeichnete Aufsicht des Vitra-Geländes und zahlreiche Fotografien illustrieren die Ausführungen des Autors.
Kulturhistorisch interessant sind besonders die Abbildungen aus verschiedenen Werbebroschüren und zeitgenössischen Zeitschriften – hier lässt sich die Entwicklung des Designs, respektive die Geschichte des Wohnens im 20. Jahrhundert nachvollziehen. Sehr schön sind auch Fotos der Designer, die diese im Designprozess zeigen: Hier wird die Welt hinter dem Produkt, wie sie einem normalerweise verborgen bleibt, augenfällig. Und so kann man schon mal George Nelson und Charles Eames, rauchend auf dem Boden sitzend, über den Projekt-Modellen diskutierend sehen. Abgerundet wird die Publikation durch eine Chronik und ein Glossar. Erstere stellt die Entwicklung des Unternehmens von 1953 bis 2007 dar, während das Glossar Begriffe wie „Barragán Foundation“, „Transversalität“, „Vitra Campus“ oder „Workspirit“ – alles Begriffe, die für Vitra wichtig sind – erläutert.
Haptik und andere gestalterische Qualitäten
Gewohnt schön gestaltet, wie man es von Vitra, aber auch vom Birkhäuser Verlag gewohnt ist, kommt das Äußere des Buches daher. Eher ungewöhnlich mutet das Buchcover an: Viele kleine Einzelbilder, zusammengesetzt aus Werbematerialien, Zeichnungen und Fotografien, werden von einem weißen Prägedruck überlagert, der die bibliografischen Angaben des Buches zitiert. Verschiedene Papiersorten untergliedern das Buch und machen es zu einem haptischen Erlebnis: mal matt, mal glänzend, mal mit Pappe verstärkt. Während die Kapitelüberschriften und die dazugehörigen Einleitungstexte in roter Schrift gehalten sind, sind die Fließtexte klassisch schwarz gestaltet.
Die Publikation „Projekt Vitra“ ist mehr als eine weitere Firmengeschichte, mehr als eine simple PR-Aktion. Stattdessen findet der designinteressierte Leser Informationen zu einigen Klassikern der Designgeschichte, die über das bisher Bekannte hinausgehen. Auch wenn die Fülle der Informationen, Unmengen von Bildmaterial, verschiedene Papiersorten und Schriftgrößen das Auge manchmal etwas anstrengen, ist das Buch durchaus lesenswert und bietet sich zum Stöbern an kühlen Winternachmittagen an.
Rolf Fehlbaum, Cornel Windlin (Hrsg.):
Projekt Vitra. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen; Chronik, Glossar.
Basel 2008 / Birkhäuser Verlag / 396 Seiten, gebunden / 39,90 EUR /  ISBN 978-3-7643-8592-7

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