Radical Craft: Ist das Handwerk noch zu retten?

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Text: Claudia Simone Hoff

Das Direktorenhaus in Berlin ist einer der Orte, wie es ihn immer seltener gibt. Abseits der Kommerzialisierung des etablierten Kunst- und Designmarktes werden hier Dinge ausgestellt, die man nicht überall sehen kann. Ende Mai wurde die Ausstellung Radical Craft eröffnet – eine Schau, die rund um das Thema Kunst, Design und Handwerk kreist.

Vor dem Fenster fahren Schiffe auf der Spree vorbei. Das Direktorenhaus in Berlin-Mitte – gleich neben der Niederländischen Botschaft von OMA/ Rem Koolhaas in einer Sackgasse gelegen –, ist ein atmosphärischer Ausstellungsort mit hohen Altbauräumen, großen Fenstern, französischen Balkonen und knarzenden Dielenböden.

Berlin hinkt hinterher
Seit neun Jahren experimentieren Katja Kleiss und Pascal Johanssen auf dem Gelände der Alten Münze, einem ehemaligen Münzprägewerk, mit verschiedenen Ausstellungs- und Veranstaltungsformaten. Immer im Fokus: die Schnittstelle zwischen Kunst, Design und Handwerk. Das ist auch insofern von Bedeutung, weil es in Berlin nur wenige Orte gibt, an denen zeitgenössisches Produktdesign und Kunsthandwerk gezeigt wird, zumindest abseits von kommerziellen Pfaden. Zwar widmet sich neben dem Direktorenhaus seit Kurzem auch das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum verstärkt dem Thema. Jahrzehntelang im Dornröschenschlaf gelegen, was das zeitgenössische Design und seine gesellschaftliche Verortung angeht, versucht die neue Kuratorin für Design Claudia Banz mit Ausstellungen und Veranstaltungen frischen Wind ins verstaubte Haus zu bringen. Doch so schnell kann nicht aufgeholt werden, was versäumt wurde und so ist es das Direktorenhaus, das derzeit in Berlin die Diskussion bestimmt und die inhaltlichen Eckpfeiler setzt. Johanssen und Kleiss ist bewusst, dass Berlin hinterherhinkt, denn in Städten wie Wien, Paris und London spielen Design und Handwerk im öffentlichen Diskurs eine viel größere Rolle.

Mehr Sichtbarkeit muss her
Auch wenn die Berliner Designerin Milena Kling beobachtet hat, dass sich die Gestalter in der Stadt vermehrt für das Handwerk interessieren: Es gibt noch einiges zu tun, um das Thema ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu rücken, die Ausstellung Radical Craft ist Teil dieser Anstrengungen. Bis Mai 2020 werden hier die Arbeiten von 73 Handwerkern und Gestaltern gezeigt. Auf zwei großzügigen Etagen wird die Ausstellung im September um eine dritte Etage ergänzt, erzählt der Kurator Pascal Johanssen, als wir ihn kurz vor der Eröffnung treffen. Johanssen und Kleiss sind gut vernetzt in der deutschen Handwerks- und Manufakturenszene, sie haben auch die große Schau Handmade in Germany organisiert, die jahrelang um die Welt tourte. Und sie sind Initiatoren des gerade gegründeten Meisterrats des German Craft Council, dessen Hauptaufgabe darin besteht, „dem marginalisierten gesellschaftlichen Stellenwert des gestaltenden Handwerks in Deutschland entgegenzutreten“, wie es auf der Homepage heißt. Ein ziemlich hochgestecktes Ziel, wenn man bedenkt, dass wir von massenproduzierten Dingen geradezu überrollt werden. Wer auf großen Messen wie Maison & Objet, Ambiente, imm cologne und Salone del Mobile unterwegs ist, der weiß wovon die Rede ist.

Es geht um nachhaltigen Konsum
Und doch scheint gerade ein Umdenken stattzufinden, jedenfalls in bestimmten Gesellschaftsschichten: weg vom überbordenden Konsum, hin zur Einsicht, dass gut gestaltete und sorgfältig hergestellte Produkte auf Dauer vielleicht doch die bessere Alternative sind. Jedenfalls mischen sich zwischen die kommerziellen Konsumgüterhersteller, die das Handwerk nur imitieren, auf den großen Messen verstärkt auch solche Labels, die wirklich handwerklich ambitioniert sind. Ist die Pariser Maison & Objet traditionell ein Treffpunkt von Manufakturen wie Fürstenberg, Theresienthal oder Hering Berlin, finden sich nun selbst auf der Frankfurter Hardcore-Konsumgütermesse Ambiente Handwerks-Hochkaräter wie die Porzellanmanufaktur Meissen. Zur weltweit wichtigsten Möbel- und Einrichtungsmesse Salone del Mobile und zur Lichtmesse Euroluce in Mailand kamen im April nicht nur Manufakturen wie Brokis, Bocci, Bomma und Lasvit. Zum Fuori Salone in der Stadt zeigte die Ausstellung Doppia Firma, wie die Zusammenarbeit von Designer mit hochspezialisierten Manufakturen und Handwerksbetrieben aussehen kann.

Der Designhandwerker
Neben Designgrößen wie Patricia Urquiola und Tomas Alonso war in der Mailänder Ausstellung auch der deutsche Designer Christian Haas mit von der Partie, der in Porto lebt. Ursprünglich aus der Porzellan- und Glasgestaltung kommend, arbeitet er inzwischen verstärkt im Möbelbereich. Doch egal, ob er einen industriell gefertigten Stuhl oder eine handgeschliffene Glasvase entwirft: Material und Fertigungstechniken stehen bei ihm stets im Fokus. An der Zusammenarbeit mit Handwerkern interessieren ihn vor allem „die Unmittelbarkeit und das gemeinsame Ringen nach guten, umsetzbaren Lösungen“ sowie das Lernen über den jeweiligen Werkstoff und die Materialeigenschaften. Der Designer, der von den Ausstellungsmachern eine carte blanche bekam, bespielt im Direktorenhaus einen der schönsten Räume, den er wie ein Wohnzimmer eingerichtet hat: luftig und licht – mit Sofas und Tischen, die er für den japanischen Möbelersteller Karimoku New Standard entworfen hat, seiner berühmten LED-Seilleuchte, einem feinen Barschrank von Schönbuch sowie Tableware und Vasen von Villeroy & Boch und dem japanischen Label Arita 1616.

Die Ausstellung als gewagter Rundumschlag
Haas ist in der Ausstellung Radical Craft einer der wenigen Designer, die sich international einen Namen gemacht haben und für renommierte Hersteller arbeiten. Schaut man sich um, lässt sich erahnen, wie schwer es ist, vom Design zu leben, zumal wenn es handwerklich gefertigt ist und gestalterisch vielleicht nicht unbedingt massenkompatibel. Haas gelingt der Spagat zwischen Konsumfähigkeit und den eigenen hohen Ansprüchen an Gestaltung und Verarbeitung. Viele andere bleiben lieber in der Nische und sind lokal verortet – so wie Claudia Schoemig, die mit ihrem Porzellanlabel in Prenzlauer Berg arbeitet, die feinen Schalen, Becher und Vasen an private Abnehmer ebenso verkauft wie an High-End-Restaurants. Andere wiederum arbeiten in verschiedenen Bereichen: Während Interiordesignprojekte „die Rechnungen bezahlen“, sind die in der Berliner Ausstellung gezeigten Objekte aus Naturstein und Metall (noch) Liebhaberei, erzählt Bartosz Navarra, einer der Gründer des Berliner Designstudios Vaust.

Mutig sein
Die Ausstellung Radical Craft versucht einen Rundumschlag, will abbilden, was sich gerade tut im deutschen Design und im Kunsthandwerk, konzentriert sich dabei ganz auf die Hauptprotagonisten: die Designer und die (Kunst-)Handwerker. Das ist sicherlich gewagt, was man vor allem an der unterschiedlichen Qualität der Entwürfe sieht, wobei das Spektrum der ausgestellten Arbeiten breit gefächert ist: Es gibt Schmuckstücke aus verwaisten Schneckenhäusern, alltagstaugliches Gebrauchsporzellan, Objekte aus Holz oder Stein, die eher Kunst als Produktdesign sind. Und nur die wenigsten Stücke sind in Serienproduktion oder wollen es auch gar nicht sein. Doch vielleicht geht es gerade darum zu zeigen, welche Möglichkeiten und Potentiale die Verbindung von Handwerk und Design in sich trägt. Oder wie es die Berliner Designerin Milena Kling formuliert: „Wenn wir den Mut haben neu zu denken, zu verändern, Grenzen auszuloten und auch zu überschreiten, dann entstehen spannende Dinge.“


Drei Fragen an ...
... Klemens Grund, Tischlermeister & Designer

Wenn einer dazu prädestiniert ist, seine Produkte in einer Ausstellung wie Radical Craft zu zeigen, dann ist es Klemens Grund. Der 36-jährige hat nach Tischlerlehre und Designstudium zwei Jahre im Atelier von Peter Zumthor & Partner gearbeitet und betreibt seit 2013 sein eigenes Gestaltungsbüro in Weil am Rhein. Im Direktorenhaus zeigt er ein Balkontischlein, den Klappstuhl D7K für Tecta und Monk, einen Stuhl mit Stauraum.

Ist das Handwerk im Aufwind? Bestimmt hat das gut gestaltete handwerkliche Produkt im Kontext von Design eine gewisse Konjunktur. Dahinter steckt, so vermute ich, das Repräsentationsbedürfnis urbaner Gutverdiener, das sich in einer von gesichtsloser Industrieware überschwemmten Gesellschaft abheben will. Handwerk ist aber für die breite Masse nicht mehr bezahlbar. Ich kenne nur wenige Menschen, die sich einen Anzug maßschneidern, Schuhe handfertigen, eine Küche schreinern oder ein sorgfältig geplantes Haus bauen lassen. Außerdem gehen wunderbare Handwerkszweige vor die Hunde oder finden keinen qualifizierten Nachwuchs, man denke an das Bäckerhandwerk. Ich würde also nur von einer Prise Aufwind sprechen. Wirklich helfen würde, das Handwerk als sinn- und kulturstiftende Kraft zu würdigen, als Chance für junge Menschen Zusammenhänge zu begreifen. Der handwerkliche Bildungsweg darf keine Sackgasse mehr sein, die mit der Meisterprüfung endet. Vermutlich wird es dafür eine Subventionsstruktur brauchen, wie sie bereits die Landwirtschaft erfahren hat. Im Moment sponsern wir aber noch Flugbenzin und Diesel.

Was lernt der Designer vom Tischlermeister? Je nachdem, wo ein Designer ausgebildet wird, kann er viel oder wenig über den Rohstoff Holz und seine Verarbeitung lernen. Ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass die Zeit, in der man sich mit einer Sache beziehungsweise einem Rohstoff beschäftigt, tiefer und grundsätzlicher fußt als es sich einem „Meeting“ vermitteln lässt. Die Stärke des Handwerks ist nicht nur die Verarbeitung des Materials, sondern beginnt mit der Aufbereitung des Rohstoffs. Je Gewerk ist das ein Kosmos an Wissen.

Gibt es Trends im Handwerk? In der Produktion hat natürlich die Digitalisierung Einzug gehalten, bis hin zur Übertreibung. Ein Trend im Sinn von Moden gibt bestimmt auch, ich könnte beispielsweise Materialien aufzählen, die in den nächsten Jahren gefragt sein werden. Der Trend, der mir am besten gefällt und schon seit Jahrtausenden anhält, ist die Logik. Ein guter Handwerker ist auch ein guter Stratege.

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