Charles und Ray Eames

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Text: Norman Kietzmann, Katrin Schamun


Eine Legende wird Hundert! Am Sonntag, den 17.Juni 2007, wäre Charles Eames 100 Jahre alt geworden. Zu aktuell und zeitlos wirken auch heute noch viele seiner Möbel, die er vor über 50 Jahren mit seiner Frau Ray entworfen hat, als dass man ihnen ihr Alter ansehen würde. Zum Jubiläum präsentiert das Vitra Design Museum in Weil am Rhein nun eine Retrospektive ihres Schaffens, bei der zahlreiche Möbelentwürfe und Prototypen zu sehen sind.


Ohne Zweifel waren Charles und Ray Eames die ersten großen Designer der Nachkriegszeit und im Übrigen die ersten aus der Neuen Welt, die es verstanden, die Ideen der Bauhauszeit zeitgemäß zu interpretieren und in die Moderne der 1950er und 1960er Jahre zu übertragen. Ihre Arbeit und ihr Leben waren beeinflusst von der Aufbruchstimmung in den USA nach Ende des zweiten Weltkrieges und der Euphorie des Fortschritts. Unter dem Credo, „möglichst vielen Menschen das meiste vom Besten zum geringsten Preis zu bieten“, realisierte das Paar eine Vielzahl von Projekten in Design, Architektur, Fotografie und Film, die zu Klassikern des 20.Jahrhunderts geworden sind.

Die Geschichte der Eames begann um 1940, als sich Charles, der soeben sein Architekturstudium abgeschlossen hatte und Ray, die in New York bei dem deutschen Maler Hans Hofmann studierte, in Cranbrook kennen lernten. Charles arbeitete zunächst als Architekt in der Filmbranche und zeichnete Szenenbilder für Kinofilme. Auch lieferte er Beiträge für die Zeitschrift Art & Architecture von John Entenza, für die auch Ray im Laufe ihres Lebens 28 Titelbilder entwarf. In ihrer Freizeit begannen die beiden, sich verstärkt mit dem Entwerfen von Möbeln auseinander zusetzen. Charles griff dabei auf seine Erfahrungen von der Cranbrook Academy of Arts zurück, wo er mit seinem Freund Eero Saarinen erste Versuche mit dem Biegen von Schichtholz gesammelt hatte. 1940 gewannen Sie damit sogar den ersten Preis beim „Organic Design in Home Furnishings“ Wettbewerb vom MoMA, jedoch konnten ihre Entwürfe aus Materialmangel in den Kriegsjahren nicht produziert werden.

Das Zauberwort: „Ala Kazam!“

Ein Jahr später bauten Charles und Ray in ihrer Wohnung in Los Angeles die Presse „Kazam! Machine“, die sie nach dem Zauberwort „Ala Kazam“ benannten. Holzlatten, elektrische Spulen, Gips und eine Fahrradpumpe stellten dabei die für Ihre Erfindung notwendigen Teile. Der provisorische Apparat sollte Holz in geschwungene Möbel formen, was auf folgende Weise funktionierte: Dünne Schichten aus Sperrholz wurden miteinander verleimt, abwechselnd mit der Maserung und quer zu ihr übereinander gelegt und anschließend in eine Plastikform gelegt, die mit Heizdrähten durchzogen war. Über dem Schichtholz platzierten sie eine ballonartige Membran. Ein Holzkäfig umschloss und klammerte das Ganze so lange fest, bis der Leim nach vier bis sechs Stunden getrocknet war. Beim „ernsthaften Ausprobieren“ - Charles pflegte zu sagen: „I take my pleasure seriously“ - erschufen sie aus dem verformten Sperrholz schwungvoll komplexe Formen, die das Möbeldesign des 20. Jahrhunderts grundlegend verändern sollten.

Konstruktion und Form

Die unterschiedlichen Ausbildungen markieren sicher auch einen wesentlichen Grund für den Erfolg des Paares als Team. Denn Charles architektonisch-konstruktiver Ansatz verband sich auf harmonische Weise mit Rays von Malerei und Bildhauerei geschultem Auge. „La Chaise“, eines ihrer berühmtesten Werke, ist ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken einer frei gestalteten Form und deren konstruktiv-technischem Unterbau. Sie vereinen sich geradezu symbiotisch zu einer zusammenhängenden Einheit, bei der beide Teile einander bedingen. Dies gilt vielleicht auch grundsätzlich für die Arbeitsweise der Eames als Paar, wo die unterschiedlichen Schwerpunkte jedes einzelnen den Produktionsprozess zu einem reiferen und professionelleren Ergebnis führten.

Die Wahl des Standortes Kalifornien darf hierbei ebenso als einflussreich gelten. Schließlich haben die Entwürfe der Eames immer auch eine Leichtigkeit an sich, die mit der kalifornischen Nachkriegsmoderne im Einklang steht. Als erste Gestalter machten sie nun auch das Design der Moderne in Amerika salonfähig. Der Unterschied zum Bauhaus ist dabei vor allem der, das sie Funktionalität nicht nur formal betrachteten, sondern auf selbstverständliche wie sinnliche Weise in ihren Entwürfen umsetzten. So ist der „Loungechair“ beispielsweise als Neuinterpretation des klassischen englischen Salonsessels sogar noch bequemer geworden als das sperrige Original und zeichnet sich durch leichte Eleganz und Zeitlosigkeit aus. Die einzelnen Elemente folgen dabei jeweils einem konkreten Zweck, sind also stets konstruktiv funktional und nicht formal bedingt. Dies mag auch ein wesentlicher Grund dafür sein, warum viele ihrer Entwürfe zu absoluten Klassikern geworden sind und heute so aktuell wirken wie vor einem halben Jahrhundert.

Case Study Houses

Doch nicht nur auf dem Gebiet des Designs waren die Ray und Charles Eames wegweisend. So nahmen sie zwischen 1945 und 1949 an dem von der Zeitschrift „Art & Architecture“ ausgelobten Case-Study Projekt teil, bei dem verschiedene Architekten jener Zeit gebeten wurden, ihre Vorstellung von modernem und kostengünstigem Wohnen wiederzugeben. Neben Charles und Ray Eames nahmen unter Anderen auch Piere Koenig und Richard Neutra teil, deren Gebäude später als „California Modern“ stilprägend werden sollten. Die beiden Case-Study-Häuser der Eames, N°8 und N°9, von denen sie das erste für sich und das zweite für John Entenza, den Herausgeber der Zeitschrift entwarfen, zeichneten sich durch eine besonders leichte Bauweise aus. Hergestellt wurden sie größtenteils aus vorgefertigten Stahlelementen des Industriebaus. In die rasterförmige Fassade konnten farbige Paneele, Schiebetüren oder transparentes Glas eingesetzt werden, wodurch beispielsweise Haus N°8 in nur drei Tagen per Hand aufgebaut werden konnte.

Reise durch die Dimensionen

Um die Vorzüge des modernen Wohnens auch einem breiteren Publikum bekannt zu machen, drehten Charles und Ray Eames im Jahr 1955 einen Film („House – Five Years of Living“) über ihr Case-Study-Haus. Es folgten über 100 weitere Filmprojekte, von denen „Powers of ten“ sicher der bekannteste und zum Standardwerk in jedem Schulunterricht geworden ist. In neun Minuten wird eine Reise durch 40 verschiednen Größenverhältnissen und wieder zurück gezeigt, von der Ebene der Atome (10 hoch -16 Meter) bis hin zu den Maßstäben ganzer Galaxien (10 hoch 24 Meter). Man kann beim menschlichen Maßstab starten (10 hoch 0 Meter) und verfolgen, wie sich durch das Hinzufügen einer Null, vor oder hinter dem Komma, ganz andere Dimensionen ergeben. Das Interessante dabei: Je größer und je kleiner man skaliert, desto mehr ähneln sich die Strukturen.

Vielleicht lässt sich mit „Powers of ten“ auch die Denkweise von Charles und Ray Eames beschreiben, die stets nach den nächst größeren und nächst kleineren Dingen in ihrer Umgebung Ausschau hielten. Schließlich ist es für Architekten wie Designer gleichermaßen entscheidend, sich über Maßstäbe und Proportionen klar zu werden. Und ganz nebenbei ergibt sich noch eine ganz andere Erkenntnis, die einst schon Charles Eames so treffend formulierte: „Eventually, everything connects.“


Weitere Informationen
Anlässlich des Jubiläums zum 100. Geburtstag von Charles Eames widmet das Vitra Design Museum dem Designerpaar derzeit eine große Retrospektive, in der neben bekannten Entwürfen auch die Prototypen sowie bisher in Europa noch nicht gesehene Projekte zu sehen sind wie der Informationskiosk, den die Eames zusammen mit Eero Saarinen für den IBM Pavillon der Weltausstellung 1964/1965 entwarfen.

„Die Möbel von Charles und Ray Eames – Produkte, Prozesse, Prototypen“
Vitra Design Museum in Weil am Rhein, noch bis 28. Oktober 2007
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