Runner's de-light

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Text: Julia Bluth


Sind Sie zwischen siebzehn und siebzig Jahren alt? Und in guter körperlicher Verfassung? Dann gehören Sie zur Zielgruppe von Speed of Light, einer britischen Initiative, die Bewegung in Licht und Sport in Kunst verwandelt. Mehrere Tausend Teilnehmer fanden dieses Jahr erstmalig zusammen, um mithilfe einer ausgeklügelten LED-Montur einen nächtlichen Dauerlauf zur eindrucksvollen Lichtinstallation werden zu lassen.


Alles begann vor drei Jahren, als die Glasgower Kunststiftung NVA (nacionale vitae activa) beschloss, mit selbst-generierenden Dynamosystemen zu experimentieren. Kreativdirektor Angus Farquhar – selbst ein passionierter Marathonläufer – war fasziniert von der Idee, mit körperlicher Bewegung nicht nur Endorphine, sondern auch Elektrizität zu erzeugen. Nach zahllosen Versuchen entstand ein leichter, flexibel größenverstellbarer Anzug mit generatorgespeisten LED-Modulen, deren Lichtintensität- und farbe über ein Fernbediensystem gesteuert werden kann.

Lichtertanz auf dem Vulkan

Erster Schauplatz der dynamischen Lichtaktion war diesen August die schottische Hauptstadt Edinburgh. Anlässlich des Edinburgh International Festival wurden Freiwillige dazu aufgerufen, bei Einbruch der Dunkelheit gemeinsam den Hausberg der Stadt, Arthur´s Seat, zuerklimmen. Einer vorher einstudierten Choreographie entsprechend, machten sich die Teilnehmer gruppenweise auf den Weg zum 251 Meter hohen Gipfel des erloschenen Vulkans: im Laufschritt, im Wanderschritt oder im Rollstuhl.

Speed of Light
versteht sich als partizipatives Gesamtkunstwerk und ist demnach nur für aktive Teilnehmer erfahrbar. Dennoch müssen nicht alle in der Lage sein, zwei Stunden im Dauerlauf durchzuhalten. Neben den Läuferteams in dunkler Sportkleidung und roboterhafter LED-Montur gab es die langsameren Gruppen, die mit einem ebenso spaßversprechenden Hilfsmittel ausgestattet wurden – einem LED-Wanderstab, der unweigerlich juvenile Assoziationen an Lichtschwerter und Zauberstäbe weckt. Das über Bewegung generierte Licht der LEDs erhellte den Laufenden ihren Weg und ließ sie gleichzeitig zum Teil eines flackernden Lichtermeers werden. Aus der Ferne betrachtet, wirkte ihr Aufstieg wie ein futuristisches Ritual in mystischer Landschaft.

Yokohama effizient

Nach der großen Resonanz in Schottland feierte Speed of Light im November während des fünftägigen Festivals Smart Illumination Yokohama internationale Premiere. Zwei Nächte lang wurde die japanische Metropole zur Leinwand einer leuchtenden Darbietung, die Angus Farquhar gemeinsam mit dem japanischen Choreographen Makiko Izu – Intendant der Performance-Gruppe Grinder-Man – entwickelt hatte. Hunderte japanischer Freizeitläufer streiften sich die LED-Montur über, um einer Route entlang der Hafenfront Yokohamas zu folgen und sich sowie ihre Stadt neu zu erfahren.

Smart Illumination Yokohama wurde nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima ins Leben gerufen und setzt seinen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Die Tatsache, dass ein kleines Kreativ-Team mithilfe von fünfzig energieeffizienten „Lichtanzügen“ und minimaler Infrastruktur eine so großformatige Kunstaktion ins Leben rufen kann, stieß auf entsprechend viel Begeisterung. Ob das als  Erklärung für den Erfolg der Bewegung ausreicht, ist jedoch fraglich. Um die Magie von Speed of Light verstehen zu können, muss man wohl selbst teilnehmen. Im Gespräch sind weitere Kooperationen mit Partnern in Großbritannien, Brasilien und Deutschland.
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