Salone del Bagno 2012 – Solitäre und Raummodule

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Text: Katharina Horstmann

 
Das Badezimmer wird längst nicht mehr installiert, sondern eingerichtet und möbliert – und das mit Produkten, die oft nur noch wenig mit den klassisch an der Wand aufgereihten Becken, WCs und Wannen gemein haben. Vielmehr haben sie sich zu eigenständigen Möbelstücken entwickelt, wie der parallel zur Mailänder Möbelmesse stattfindende Salone Internazionale del Bagno im April zeigte.
 
 
In der Mitte des Raums steht eine quadratische Insel. Sie ist gut einen halben Meter hoch, mit weißem Carrara-Marmor umrandet – und umschließt eine in Corian ausgeformte Badewanne. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, bedenkt man die verschiedenen Entwurfsvorschläge der vergangenen Jahre, die die Badewanne als flexiblen Solitär in der Mitte des Bade- oder Schlafzimmers vorsahen. Doch Exelen von Antonio Lupi ist nicht einfach nur eine große, freistehende Wanne, sie ist vielmehr eine Badeinsel. Neben der Wanneneinbuchtung wird sie ergänzt um ein aufgesetztes, schalenförmiges Waschbecken, das ebenfalls aus Corian besteht, sowie einen in ihren Körper integrierten und mit Bioethanol gespeisten, unsichtbaren Kamin.
 
Exelen wurde zum ersten Mal Mitte April auf dem Salone del Bagno präsentiert, der in diesem Jahr neben der Küchenmesse Eurocucina parallel zum Salone del Mobile stattfand und den Trend der letzten Jahre wieder einmal bestätigte: Das Bad wird wohnlicher. Die 168 vorwiegend italienischen Aussteller – nur dreizehn teilnehmende Unternehmen stammten aus dem Ausland, unter ihnen Dornbracht und Axor – veranschaulichten in zwei Messehallen auf einer Fläche von gut 10.000 Quadratmetern die weitreichende Entwicklung, das Badezimmer einzurichten und zu möblieren, und nicht mehr im klassischen Sinne zu installieren.
 
Flexible Bademöbel
 
Neben modulartigen Lösungen, die wie Exelen Funktionsbereiche räumlich gliedern, wurden überwiegend Sanitärobjekte vorgestellt, die genauso wenig mit den traditionell an der Wand angebrachten Becken, WCs und Wannen gemein haben, sondern vom Entwurf her eher als flexible Einzelmöbel aufgefasst werden. Exemplarisch veranschaulichten dies die zahlreichen freistehenden Waschbecken in Form von Säulen, die in ihrem Inneren die Abflüsse verbergen und gegebenenfalls noch mit zusätzlichen Funktionen aufwarten. So beispielsweise das freistehende Bassin aus der Kollektion Fonte von Monica Graffeo für Rexa, das aus mattweißem Corian besteht und eine einfache Installation an jeder Stelle im Raum ermöglicht: Seine abgerundete geometrische Form umfasst zwei integrierte Abstellsimse und zeigt, wie ein kleines Detail eine gewöhnliche Badvorrichtung alles andere als normal erscheinen lässt.
 
Raumorientierte Module

Die skulpturalen Entwürfe wurden mit puristischen „Möbeln“ ergänzt, die in ihrer Reduziertheit an Sideboards erinnern – Beispiele sind Nendos rechteckiges Holzwaschbecken aus seiner ersten Badkollektion für Bisazza Bagno, Jeffrey Bernetts Waschbeckensystem Quadtwo für Boffi oder auch die neuen Waschtische, die mit ihren schlicht aufgesetzten Waschbecken die Bezeichnung „Tisch“ wirklich verdienen. So die von EOOS gestaltete Badmöbelkollektion Delos für Duravit, die die Konsole ohne sichtbare Trägerkonstruktion „schweben“ lässt, oder der neu eingeführte Waschtisch der Kollektion Axor Bouroullec.
 
Reduzierter Purismus
 
Gleichzeitig fiel auf, dass sich die Armaturen vermehrt aus dem Sichtfeld des Benutzers zurückziehen. Diese Entwicklung ließ sich besonders bei zwei neuen Kollektionen von Sieger Design für Dornbracht beobachten: Die Horizontal Shower, die durch puristische Wasserauslaufstellen aus dem Programm Balance Modules das Duschen im Liegen ermöglicht, sowie Selv . Letztere ist in Materialität, Funktionalität und Design so zurückhaltend, dass die Armaturen sowohl in klassischen als auch modernen, puristischen Interieurs gleichermaßen selbstverständlich wirken.
 
Im Kontrast zu dieser Reduktion standen Objekte wie Fliesen und Heizungskörper, die lange Zeit aus dem Wohnraum verschwunden und – weniger aus dekorativen, sondern praktischen Gründen – nur noch im Badezimmer geduldet waren. Dieses reine Nutzdenken hat sich in den letzten Jahren immer mehr aufgelöst – zum Vorteil für die neuen Entwürfe, die als eine reizvolle Ergänzung zu den modernen Bädern eine immer größere Nachfrage erzielen. Auch sie tragen zur „neuen Wohnlichkeit“ im Badezimmer bei – und erobern zunehmend die Wand- und Bodenoberflächen in anderen Wohnbereichen: „Quid pro quo" (lat.: dieses für das) könnte man meinen.


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Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

Aisslinger