Wetterfest – Der Salone del Mobile 2009

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Text: Norman Kietzmann


Die 48. Mailänder Möbelmesse sowie die 25. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce sind am 27. April 2009 nach sieben ereignisreichen Tagen offiziell zu Ende gegangen. Mit deutlich über 300.000 Besuchern allein auf dem Messegelände in Rho konnten die eigenen Erwartungen übertroffen werden, während auch die zahlreichen Ausstellungen und Events im gesamten Stadtgebiet wieder stark besucht waren. Auch wenn sich viele Hersteller vorsichtig bedeckt hielten, blieb die erwartete Krisenstimmung aus. Das Design zeigt sich unterdessen weniger von seiner experimentellen Seite und sucht mit handwerklicher Qualität nach neuen Werten.


Die Wolken sahen düster aus, am ersten Morgen des 48. Salone Internazionale del Mobile. Und fast schien es, als sollte der Regen – sonst ein regelmäßiger Begleiter der weltgrößten Möbelschau – auch diesmal erneut dazugehören. Ein Umstand, der bereits von vielen als Omen für die Messe selbst gelesen wurde, die sich nun in vollem Maße den Folgen der Krise zu stellen hatte. Auch wenn nicht eindeutig herauszufinden ist, woran es lag, ob der Papst womöglich persönlich intervenierte oder die eisenern Gebete vieler Aussteller selbst dazu beitrugen: Wie ein Wunder klarte es plötzlich auf über dieser Messe, die Temperaturen stiegen spürbar an und aus dem vermeintlichen Reinfall wurde dennoch ein lebendiges Event, das der Stimmung auf den Finanzmärkten eher trotzte, als sich ihr zu unterwerfen.

Über den Erwartungen

Mit über 300.000 Besuchern – die offizielle Zählung lag zur Mittagsstunde des letzten Messetages bei 304.702 – konnte die Messe ihre eigenen Erwartungen deutlich übertreffen, die sie an die letzte Ausgabe der Lichtmesse Euroluce 2007 mit rund 270.000 Besuchern knüpfte. Auch wenn sie damit nicht ganz an das Rekordjahr 2008 anschließen konnte, als über 348.000 Besucher auf das Messegelände in Rho strömten, sind diese Zahlen angesichts der gegenwärtigen Umstände eine kleine Sensation. Zwar ging der Anteil ausländischer Gäste von 210.000 im Jahr 2008 auf nun 144.000 deutlich spürbarer zurück, liegt aber dennoch nahe an den Zahlen von 2007, als insgesamt 165.000 ausländische Besucher gezählt wurden.

Auf dem Boden geblieben

Zugegeben, diese Messe zu bejubeln, wäre vielleicht ein wenig übertrieben. Und doch ist die Qualität der gezeigten Entwürfe ein Stück weit eher gestiegen als gesunken. Die Dinge auf den Prüfstand zu stellen, hat bei vielen Unternehmen nicht nur zu abgespeckteren Projekten geführt, sondern mitunter auch zu deutlich präziseren. Wer allerdings nach Überraschendem gesucht hat, wird enttäuscht worden sein. Es ist vor allem eine Messe des Machens geworden, auf der sich die Hersteller auf die Wahl der richtigen Materialien und Details konzentrierten anstatt nach avantgardistischen Formen und Konzepten zu suchen. Doch trifft diese Entwicklung das Design von Einrichtungsgegenständen nicht schon seit mehreren Jahren? Und haben Möbel ihre Rolle als Spielwiese für neue Lebenskonzepte – die sie bis in die Achtziger Jahre hinein noch eindeutig waren – nicht längst schon aufgegeben?

Sinn für Einfachheit


Was auffällt ist, dass zunächst nicht viel auffällt. Selbst die progressiven Hersteller entdecken plötzlich bodenständige und handwerkliche Qualitäten, die ein Stück Gediegenheit mit Elementen der skandinavischen Moderne kombinieren. Erscheinen die Entwürfe von ihrer Gestalt her häufig vertraut, wird Innovation immer mehr auf die Details oder die Art und Weise der Herstellung verlegt. So entpuppen sich zahlreiche Projekte, die auf den ersten Blick wie industrielle Produkte erscheinen, als von Hand gearbeitete Manufakturarbeiten. Das Besondere ist weniger die Form an sich als vielmehr das, was sich hinter einem Produkt verbirgt. Es sind Geschichten wie die über einen kleinen Handwerksbetrieb, der ein Produkt nach fast vergessen Methoden herstellt oder die Wiederentdeckung eines längst vergessenen Materials. Fakten, die einen schlichten, hölzernen Stuhl in ein außergewöhnliches Produkt verwandeln, das in Erinnerung bleibt.

Skandinavische Werte

Dass diese Entwicklung neben Designern, die schon seit Jahren ethnische Motive in ihrer Arbeit aufnehmen wie Paola Navone, Patricia Urquiola oder Stephen Burks, nun auch von eher technisch versierten Gestaltern wie Konstantin Grcic verfolgt wird, ist neu. So entwickelte der Münchener Designer zusammen mit taiwanesischen Handwerkern einen Stuhl aus Bambus, der auf ihrem lokalen Know-How basiert. Andere Gestalter setzen dagegen auf eine eher archaische Wirkung, die zugleich an frühindustrielle Zeiten erinnert wie Tom Dixons Block Table aus Kupfer und Granit. Wie ein Link aus der Vergangenheit erscheint auch Patricia Urquiolas aus Stahl gefertigte Badewanne „Vieques", die zugleich einen fast vergessenen Klang in das Badezimmer zurückbringt. In den Räumen des altehrwürdigen Palazzo Visconti zeigte die Spanierin zudem eine neue Badserie für Axor, mit der sie das Bad um eine betont feminine Sprache erweitern möchte. Die Japaner Setsu und Shinobu Ito, normalerweise alles andere als rückwärts gewandt, haben mit ihrer Möbelserie SWA an die Bugholzklassiker von Alvar Aalto angeknüpft, während Shigeru Ban mit seinem „10 Unit System" für Artek (die Firma, die Aalto einst in den dreißiger Jahren für den Vertrieb seiner Möbel gegründet hat) ein endlos erweiterbares Sitzmöbelsystem vorgestellt hat. Ebenfalls skandinavisch beeinflusst zeigt sich Jasper Morrison mit seinem Stuhl BAC, während er sein "Place"-Sofa von überflüssigen Nähten an Sitzflächen und Rückenlehnen befreite.

Florale Refugien

Deutlich dekorativer dagegen die Serie Digital Memories, die Tord Boontje für Bisazza entwarf und florale Mosaike mit einem streng geometrischen Unterschrank kombinierte. Ebenfalls floral beeinflusst zeigt sich die von Rosita Missoni entworfenen Gartenmöbel „Erbario" für die Missoni Wohnkollektion. Geflochtenes setzte unterdessen das Schweizer Atelier Oi für seine Tischserie Reel für B&B Italia ein. Klassisch und doch ein wenig aus dem Lot geraten der langgezogene Esstisch Rotor, den Piero Lissoni für Cassina entwarf. Technisch klar dagegen das Regal Likowood von Arik Levy, das verschiedene Holztöne miteinander kombiniert. Verblüffend einfach und dennoch raffiniert zeigt sich Stefan Diez' neuer Stuhl Houdini für „e15“. Ihren Sinn für Entwürfe abseits des Erwarteten bewiesen erneut Fernando und Huberto Campana mit ihrem Sofa Cipria, das wie eine plüschige Wolke anmutet, während Jaime Hayón mit seinem Crystal Candy Set für Baccarat eine Serie fantasievoller Vasen präsentierte.

Schnittstelle zur Kunst

Sinnlich opulent ging es auch in Fabio Novembres Soloausstellung in der Triennale zu, deren Eröffnungsparty regelrecht gestürmt wurde von den auf Einlass wartenden Massen. Inszeniert wie eine große, begehbare Bühne in Form einer überdimensionalen roten Rose zeigt der Mailänder Designer einen Querschnitt seiner Arbeiten, gemischt mit zahlreichen Illustrationen und jeweils kleinen, humorvollen Geschichten. Die Installation „The Gospel“, die die Niederländer Studio Job im Foyer einer katholischen Schule präsentierten, verband christliche Motive mit einer humorvollen wie kritischen Sprache. So werden Szenen von Jesu Geburt und Kreuzigung auf großformatigen Kirchenfenstern aus Glas gezeigt – eingerahmt von Raketen, Giftmüllfässern und Atomkraftwerken  – während sich ihr „Letztes Abendmahl“ mit überdimensionalem Geschirr aus verrostetem Metall als bewusst unbrauchbar erweist. Das Designstudio des Pariser Modedesigners Martin Margiela stellte unterdessen Tapeten mit Motiven historischer Flügeltüren vor, die auf Pappwänden aufgezogen selbst den trostlosesten Neubauwohnungen das Gefühl von Weitläufigkeit einer mondänen Pariser Wohnung verleihen. Den Bezug zur Vergangenheit sucht auch die Ausstellung „Magnificenza e Progetto“ im Palazzo Reale, die Seite an Seite historische Prunkmöbel seit dem 16. Jahrhundert mit dem Design der letzten 50 Jahre kombiniert. Werden die historischen Exponate in dem von Mario Bellini als „Theater der Zeit“ entworfenen Ausstellungsdesign auf großen schwarzen rollbaren Bühnen gezeigt, bleibt das Design der Gegenwart hinter halbdurchsichtigen Vorhängen leicht verborgen und tritt erst dann zu Vorschein, wenn es durch separate Spotlights beleuchtet wird.

Noch einmal davongekommen

Sie war alles in allem keine schwache Messe, diese 48. Ausgabe des Salone Internazionale del Mobile. Und doch hat sie das Design wieder ein Stück weit mehr entzaubert. Auch wenn mit limitierten Editionen und Ausflügen zum Handwerk die Nähe zur Kultur unterstrichen wird, erscheint das Design mehr denn je als kalkulierter, wirtschaftlicher Prozess und damit auch ein Stück weit transparent. Die Produkte geben sich unterdessen als das, was sie sind: Sie sind Möbel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In ihnen Bedeutung zu finden, wirkt dagegen wie ein seltsam verstaubter Link aus postmodernen Tagen. Hatte das Wetter zunächst Mitleid mit der Messe und ihren Besuchern, verzogen sich am letzten Sonntag wieder just die Wolken und setzten mit monsunartigen Regenfällen die gesamte Stadt unter Wasser – ein Zustand, der sich im Übrigen ganze drei Tage ohne Unterbrechung fortsetzte. Steht in Mailand womöglich noch ein ganz anderer Klimawandel bevor? Die Möbelmesse selbst ist zumindest noch einmal mit einem blauen Auge leidlich davongekommen – aus wirtschaftlicher wie kreativer Sicht. Ob dies allerdings reichen wird, sehen wir im nächsten Jahr.
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