Salone del Mobile 2011: Links durch die Zeit

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Text: Norman Kietzmann, 21.04.2011


Die 50. Mailänder Möbelmesse ist an diesem Sonntag nach sechs dicht gefüllten Tagen zu Ende gegangen. Auch wenn das Rahmenprogramm diesmal etwas bescheidener ausfiel als in den vergangenen Jahren, versetzte die weltweit größte Möbelmesse erneut die Stadt in den kollektiven Ausnahmezustand. Das Fazit: Das Design wird zum zeitlichen Link zwischen Vergangenheit und Gegenwart, während der Garten als Wohnraum neu bespielt wird.

 

Es war ein passendes Omen: Genau einen Tag, bevor die ersten Messebesucher am Montagmorgen in der Stadt eintrafen, legte bereits ein anderes sportliches Ereignis die lombardische Hauptstadt lahm: der alljährlich stattfindende Mailand-Marathon, der sich just auch durch jene Viertel seinen Weg bahnte, wo in den kommenden Tagen rund eine halbe Million Besucher ein kaum weniger umfangreiches Laufprogramm absolvieren würden.
 
Leichter Besucherzuwachs
 
Auch diesmal herrschte dichtes Gedränge. Allein auf dem Messegelände in Rho wurden 321.000 Besucher gezählt und damit ein Zuwachs um rund 16.000 Besucher gegenüber 2009, als die weltgrößte Möbelschau zuletzt mit der im Zweijahrestakt stattfindenden Lichtmesse Euroluce stattfand. Gegenüber dem Vorjahr, als der Salone del Mobile von der Küchenmesse Eurocucina begleitet wurde, entspricht diese Zählung jedoch einem minimalen Rückgang um rund 8.000 Besucher. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Messe zog Carlo Gugliemi, Chef des Messeveranstalters Cosmit, ein positives Resümee, nicht ohne zu bedenken: „Wir haben nicht die geringste Absicht, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen...Wir wissen, dass noch entscheidende Herausforderungen vor uns liegen, allen voran die Notwendigkeit, nach Qualität zu streben.“ Gugliemi sieht hierbei nicht nur die Unternehmen in der Pflicht, sondern ebenso die Messe selbst, die durch eine strenge Selektion den eigenen Anspruch nicht wieder aufgeben darf. 
 
Neugewichtung der Messe
 
Galt die Messe in den vergangenen Jahren immer ein wenig trocken im Vergleich zu den aufwendigen Inszenierungen, die viele Hersteller in der Innenstadt aufbauten, kehrte sich die Wahrnehmung diesmal um. Denn die Kürzungen der Etats haben die Firmenauftritte auf der Messe weitaus weniger stark getroffen als die oft zusätzlich in der Stadt angemieteten Showrooms. Das Ergebnis: Während gesetzte Highlights wie der Swarovski Crystal Palace diesmal ganz ausfielen, versank selbst das Superstudio Più – das noch vor drei, vier Jahren als hippste Location der Stadt galt – in der Bedeutungslosigkeit. Unter den dortigen Ausstellern konnte sich diesmal allein die Inszenierung des Leuchtenherstellers Foscarini sehen lassen, der seine echten Neuheiten allerdings dennoch lieber auf dem Messegelände im Rahmen der Euroluce zeigt als im Superstudio Più.
 
Möblierter Luna Park
 
Die Messe rückte auf diese Weise stärker in den Fokus, ohne dass auf den Showpart vollständig verzichtet werden musste. Zeigte der Kunststoffhersteller Kartell im vergangenen Jahr seine Entwürfe ausschließlich in den Unfarben Schwarz und Transparent, erwartete die Besucher diesmal ein bunt erleuchteter Luna-Park, der von Ferruccio Laviani in bester Rummel-Atmosphäre entworfen worden war. Doch so sehr der Stand zum Publikumsliebling avancierte, bildete er mit seiner spielerischen Attitüde die Ausnahme. Die übrigen Hersteller wählten dagegen betont nüchterne Auftritte, die eindeutig die Produkte in den Mittelpunkt stellten und weniger ihre Inszenierung. Und so kam inmitten der neutralen Boxen vor allem jenes Material präzise zur Geltung, das auf dieser Messe allgegenwärtig war: Holz.
 
Fliegende Regale
 
Dass der nachwachsende Rohstoff alles andere als wuchtig sein muss, zeigten ausgerechnet zahlreiche Reeditionen, die auf dem Salone wieder stark vertreten waren. So nahm Cassina das Regal Veliero (Segelschiff) in Produktion, das 1941 von Franco Albini entworfen worden und dennoch nie in Produktion gegangen war. Es gab lediglich einen Prototyp, der in Albinis Wohnung in der Mailänder Via de Togni stand, bis er mit einem lauten Knall auseinanderbrach und seitdem für über 40 Jahre in Vergessenheit geriet. Das Möbel verwandelte Albini zu einer kunstvoll aufgespannten Skulptur, die statische Raffinesse mit einer prägnanten Form verbindet.

BD Barcelona präsentierte unterdessen eine Wiederauflage des Stuhls Gaulino, den der katalanische Architekt und Designer Oscar Tusquets 1987 entworfen und in seiner Feingliedrigkeit dem Aufbau des menschlichen Körpers nachempfunden hatte. Einen geschichtlich-kulturuellen Transfer unternahm Piero Lissoni mit seinem Holzstuhl ZHU für Glas Italia, bei dem er die geometrische Strenge chinesischer Stühle in ein kubisches und dennoch leichtes Sitzmöbel übersetzte. Für leichte Irritation sorgte der britische Designer Sebastian Wrong mit seinem Regal Perspective für Established&Sons. Nur der mittlere der drei Boden verläuft bei diesem gerade, während die darüber sowie darunter liegende Ablage perspektivisch verzerrt wurden. Das Ergebnis: Auch wenn der Betrachter gerade vor dem vermeintlich kubischen Regal steht, sieht er den Gegenstand schief und beginnt automatisch, seinen Standort neu zu verorten.

Schwebend Sitzen
 
Einen ungewöhnlichen Umgang mit Holz präsentierte der taiwanesische Designer Yu-Jui Chou mit seinem Bubble Sofa für die taiwanesische Designorganisation Yii. Ziel der Ausstellung im Obergeschoss der Mailänder Triennale, auf der auch Nendo seinen filigranen Bamboo Steel Chair vorstellte, war die Verknüpfung lokaler, taiwanesischer Produktionsmethoden mit zeitgenössischem Design. Der Clou des vorgestellten Entwurfs: Das Möbel besteht aus insgesamt 999 Kugeln, die jeweils aus zwei dünnen Streifen Bambus geflochten wurden. Die simplen Objekte, die sonst für wenige Cents als Touristenmitbringsel in hohen Stückzahlen produziert werden, kombinierte Yu-Jui Chou zu einem beeindruckend leichten wie gartentauglichen Möbel, das eine traditionelle Polsterung mitsamt Sprungfeder obsolet macht.
 
Ohnehin zog sich das Thema "Outdoor" als roter Faden durch die gesamte Messe. Ergänzte Cassina gleich das gesamte Programm von Charlotte Perriand und Le Corbusier um eine wetterfeste Version, erklomm ebenso Vitra mit dem Sessel Waver von Konstantin Grcic den Garten. Dass die Wurzeln des deutsch-schweizerischen Unternehmens in der Ausstattung von Büros liegen, führte hierbei zu einem ungewöhnlichen Transfer. Grcic griff mit der Kombination aus einem Aluminiumrahmen sowie einer eingehangenen Sitzfläche nicht nur Einflüsse aus dem Segelsport sowie dem Paragliding auf. Auch stattete er seinen Entwurf als erstes Gartenmöbel überhaupt mit einem drehbaren Fuß aus, der dem Sitzen im Freien eine spielerische Komponente gibt.
 
Präsenz des Materials
 
Stellte der Marmorhersteller Marsotto im Jahr 2010 eine Kollektion aus Tischen, Stühlen und Regalen vor, wurden die Objekte diesmal kleinteiliger und in ihrer Wirkung leichter. So erinnerte der Beistelltisch Soya des schwedischen Designbüros Claesson Koivisto Rune an zusammengelaufene Flecken der gleichnamigen asiatischen Würzsauce. Liegt der Reiz der schwergewichtigen Wohnaccessoires in der Präsenz ihrer Materialität, ist auch ein anderes Naturmaterial von dieser Messe kaum wegzudenken: Leder. Bewegung unter die großen Möbelmarken brachte hierbei der Neueinstand des französische Mode- und Accessoirehersteller Hermès, der inmitten einer temporären Ausstellungsarchitektur von Shigeru Ban und Jean de Gastines eine umfassende Kollektion an Möbeln und Stoffen vorstellte. Entworfen wurden die luxuriösen und fast vollständig mit Leder überzogenen Entwürfe von Antonio Citterio, Enzo Mari und Dennis Montel vom Pariser Architekturbüro RDAI – ergänzt um eine Reedition von Arbeiten Jean-Michel Franks aus den 30er Jahren.
 
Auf stoffliche Qualitäten setzte vor allem Moroso mit der Chaiselongue Biknit von Patricia Urquiola. Eingespannt von einem betont archaischen Unterbau aus Holz und Stahl wirkt die Sitzfläche wie ein übergroßes Strickmuster, das aufgrund seines Polypropylen-Kunststoffgewebes zugleich im Freien verwendet werden kann. Die Kombination aus einem kühlen metallenen Rahmen und einer vollständig von Textil umspannten Sitzschale präsentierte Stefan Diez mit der Weiterentwicklung seines Stuhles Chassis für Wilkhahn. Wurde das Gestell mithilfe von Technologien aus dem Karosseriebau konstruiert, kreierte  die Modedesignerin Farah Ebrahimi zusammen mit Diez eine Kollektion eigener Stoffe, die den industriellen Charakter des Stuhls mit einer betont haptischen Oberfläche brechen.
 
Optische Täuschungen und zeitliche Umarmungen
 
Während die Zahl der Reeditionen weiter zunahm, erfüllen selbst neue Entwürfe immer stärker die Rolle eines zeitlichen Vermittlers. So entwarf Jaime Hayon mit Favn eine Sofakollektion für Fritz Hansen, die explizit als Ergänzung der Arne-Jacobsen-Sessel Ei und Schwan gedacht ist. Blieben die beiden Designklassiker, die Jacobsen 1960 für das Royal SAS Hotel in Kopenhagen entwarf, bislang Solitäre, können sie nun zu einer stimmigen Sitzgruppe kombiniert werden. Steht der Name Favn im Dänischen für „Umarmung“, lässt sich mit diesem Begriff auch die Funktion eines anderen Möbels gut beschrieben, das Konstantin Grcic für die alteingesessene Mailänder Polstermanufaktur Azucena entworfen hat. Entre-deux heißt der Paravent aus pulverbeschichtetem Aluminium, der die Form zweier Viertelkreise zu einem flexiblen Allzweckmöbel kombiniert. Bleibt dieser aufgrund seiner minimalistischen Form im Hintergrund, lassen sich dennoch mehre Gegenstände „umarmen“ und miteinander räumlich in Verbindung setzen. Ein intelligenter Link durch die Zeit, der mit minimalem Einsatz an Material und Form gelingt.
 
Die Kunst der Reduktion beherrschte Konstantin Grcic ebenso bei seinem Sofaprogramm Cape für Established & Sons. Wie ein Zauberer, bevor er laut „Abracadabra“ ruft, legte er einen schlichten textilen Umhang über eine unsichtbare Unterkonstruktion. Das Sofa wird auf diese Weise zu einer bewohnbaren Bühne, deren Vorhang auf ein unsichtbares, dahinter liegendes Design verweist, das dennoch stets verborgen bleibt. Ähnlich verfuhr auch der New Yorker Gestalter Ron Gilad, der in der Galerie Dilmos in der Via Solferino seine Arbeit „IX Mirrors“ vorstellte. Die neun Spiegel gaben durch Aussparungen nicht nur den Blick frei auf das, was sich vermeintlich hinter der planen Oberfläche verbirgt. Auch wurde durch die weichen Außenkanten der Spiegel sowie das gleichzeitige Festzurren von Schnüren der Eindruck erzeugt, als würde der Spiegel schmelzen und sich deformieren.
 
Vermochte Gilad auf raffinierte Weise zu täuschen, mussten andere ganz und gar enttäuschen. So passierte es dem einstigen Flagschiff unter den großen Design-Fabriken: Cappellini. Die Präsentation im Verbund mit den anderen Marken der Poltrona–Frau-Gruppe, denen sich die Marke seit über acht Jahren unterordnen muss, geriet zur gestalterischen Farce. Ob der von Doshi Levien gestaltete Sessel Capo oder Jasper Morrisons Erweiterung der Stuhlfamilie BAC: Die Entwürfe wirkten derart schlecht kopiert bis einfallslos, dass selbst die aus Holzresten zusammengeschusterte Sitzbank POH (Patchwork Oval Hemisphere) von Raphael Navot nicht nach Avantgarde aussah, sondern wie das hilflos umher treibende Rettungsfloß eines sinkenden Dampfers wirkte.
 
Events in der Stadt
 
Wie fragil die Suche nach dem „Immerneuen“ sein kann, zeigte die venezianische Glasmanufaktur Venini mit ihrer eindrucksvollen Retrospektive im Museo Bagatti Valsecchi. Anlässlich ihres 90-jährigen Jubiläums versammelte sie Entwürfe aus allen Dekaden in den prunkvollen Räumen des einstigen Bürgerhauses und sorgte vor allem mit den zeitgenössischen Entwürfen, die von den Campana-Brüdern oder den Niederländern Studio Job entworfen worden waren, für einen treffsicheren Kontrast.
 
Blass blieb unterdessen die Ausstellung „Design Deutschland“ in einer umgewandelten Garage in der Via Tortona. Nicht nur, dass hier die üblichen Verdächtigen wieder versammelt wurden. Auch tappten die Kuratoren in ein gewaltiges Fettnäpfchen, indem sie die Ausstellung für jene öffneten, die ohnehin auf der Mailänder Möbelmesse mehr als präsent sind: die Autofirmen. Entwickelte BMW zusammen mit dem Leuchtenhersteller Flos sowie dem britischen Designer Paul Cocksedge eine spannende wie autoafine Inszenierung Sestosenso im Showroom von Flos am Corso Monforte, wirkte die Platzierung von Designstudien von VW und Mercedes inmitten der Deutschlandausstellung eher fehl am Platz. Denn bestand das Ziel der Schau nicht darin, zu zeigen, dass Deutschland längst über eine veritable Designszene verfügt, die nicht nur das Thema Auto beherrscht?
 
Die Illusion von Wald
 
So dröge die Aufmachung der Objekte hierbei wirkte, konnten dem gleich zwei Inszenierungen mit sphärischer Leichtigkeit entgegentreten. So verwandelte  Tokujin Yoshioka den Showroom von Moroso in der Via Pontaccio in einen von Nebel umhüllten Raum, der von künstlich erzeugtem Mondlicht durchflutet wurde. Auf der Piazza San Fedele ließ der Messeveranstalter Cosmit die Installation „Cuore Boso“ entstehen. Unter der Leitung des Medienkünstlers Attilio Stocchi wurde ein Wald aus langen, dünnen Pfählen in den Abendstunden zu neuem Leben erweckt.  Während Klänge von Waldvögeln ertönten, trat künstlicher Nebel aus den Pfählen heraus, und LEDs variierten die Lichtstimmung passend zur Geräuschkulisse.
 
Das mag kitschig sein, doch wirkt es zugleich auf entwaffnende Weise ehrlich. Denn schwebt die Sehnsucht nach unberührter Natur nicht auch über all den hölzernen Möbeln, seien sie nun minimalistisch clean oder wuchtig rustikal, die auf keinem Stand dieser Messe fehlen durften? Die Besucher, die auf ihrem abendlichen Cocktail-Parcour die Installation passierten, ließen sich für einen Moment an einen weit entfernten Ort verführen, bevor es wieder weiter ging: Hinein in den Strom des Designs, der einem Marathon mitunter ganz schön ähnlich ist.
 
 
Alle Beiträge zum Salone del Mobile 2011 im Designlines-Special.
 
 

Unsere Partner auf der Mailänder Möbelmesse

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