Salone del Mobile 2012 – Die Reise nach Jerusalem

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Text: Norman Kietzmann


Die 51. Mailänder Möbelmesse ist an diesem Sonntag nach vier Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Trotz dichtem Gedränge auf dem Messegelände sowie in den Ausstellungen in der Stadt blieb ein fader Eindruck zurück. Der Großteil der Hersteller wirkte wie erstarrt angesichts drückender Zahlen und suchte Zuflucht in den eigenen Archiven. Überzeugen konnten vor allem jene Entwürfe, die das gestalterische Allerlei mit spielerischer Raffinesse zu überwinden vermochten.


Es kam, wie es kommen musste: In dicken Bindfäden goss der Regen auf Mailand herab und gewährte lediglich am ersten Messetag der Sonne ein kurzes Intermezzo. Nicht wenige Besucher nutzten die Gelegenheit, die Showrooms in der Stadt noch trockenen Fußes zu erreichen, sodass der große Ansturm auf dem Messegelände ausblieb. Doch schon am Mittwochmorgen wurden die Hallen 20 und 16, wo sich der Großteil der designaffinen Hersteller konzentrierte, regelrecht überrannt. Mit 331.649 Besuchern konnte die Messe einen Zuwachs von 3,5 Prozent gegenüber 2011 verbuchen. Und im Vergleich zu 2010, als der Salone del Mobile zuletzt von der Küchenmesse Eurocucina begleitet wurde, blieben die Besucherzahlen stabil.

Suche nach Orientierung


Dennoch erinnerte der Rundgang an eine kollektive Reise nach Jerusalem. Wie in dem beliebten Kinderspiel drängelten sich die abertausenden Besucher um eine unüberschaubare Masse von Stühlen – doch das Signal zum Hinsetzen blieb aus. Ermüdet von der beständigen Flut an Sinneseindrücken, verschwommen die Entwürfe vor dem Auge zu einem klebrigen zähen Brei, der sich nur mit Mühe wieder in die Erinnerung an einzelne Möbelstücke auflösen ließ. Die allabendliche Frage in der Bar Basso, was der Tag an Erwähnenswertem gebracht hatte, wurde zur Quizshow mit zunehmend ahnungsloseren Kandidaten. Denn im Prinzip herrschte die gesamte Woche Murmeltiertag – mit beständig grüßenden, alten Bekannten.  

Noch immer sind die Probleme der Branche nicht gelöst. Vor allem viele italienische Hersteller haben die Umsatzeinbußen der letzten Jahre nicht überwinden können und geraten zunehmend unter Druck. Selbst manche Schwergewichte werden hinter vorgehaltener Hand bereits angezählt, sollte sich die Lage nicht spürbar entspannen. Einen Fehltritt konnte sich auf dieser Messe niemand erlauben, sodass selbst der Anschein eines Risikos vermieden wurde. Doch genau in dieser defensiven Haltung lag der Denkfehler.

Formelle Abziehbilder


Die Strategie der meisten Aussteller glich der des Vogel Strauß‘. Den Kopf tief in den Sand gesteckt, wurde eine gefällige Abwandlung bewährter Bestseller vorgestellt oder das Sortiment um ausgewählte Reeditionen erweitert. So zauberte Tacchini den Sessel Bianca (1939) von Franco Albini aus den Archiven, während Molteni eine gesamte Kollektion von Arbeiten Gio Pontis wieder auflegte, darunter ein Bücherregal, Kommode, Abstelltisch sowie ein Teppich aus Pontis Mailänder Wohnung in der Via Dezza (1956-1957). Auch Azucena stellte eine Weiterentwicklung des Stuhls Catilina vor, den Luigi Caccia Dominioni 1958 entworfen hatte und nun – mit über Neunzig – um einen Barhocker ergänzt hat.

Das Rezept ging auf, solange die Originale gut waren. Doch für viele neue Arbeiten wurde die Messlatte damit zu hoch gehängt. Schließlich müssen sie sich nicht nur an den prominenten Oldies messen lassen, sondern auch einen wirklichen Mehrwert bieten. Warum sollten die Kunden sonst einen neuen, halbherzig auf fünfziger Jahre getrimmten Hocker erwerben, wenn sie gleich aus einer respektablen Anzahl an Originalen auswählen können? Doch anstatt die Herausforderung anzunehmen, der Armee der Klassiker eine eigene Position entgegenzustellen, schien sich die Mehrzahl der Neuheiten regelrecht zu verstecken. 


Betonung der Materialität 


Vor allem die Polstermöbel vermieden eine klar erkennbare Silhouette und gingen bewusst aus der Form. Ob Francesco Binfarés Sessel Sfatto für Edra, Benjamin Huberts Sessel Garment für Cappellini oder Luca Nichettos Sofa La Mise für Cassina: Sie addierten schwere Polster zu wabbeligen, fließenden Volumina, die irgendwie bequem erscheinen und dennoch über den Eindruck von Beliebigkeit nicht hinwegtäuschen können. Mit der Verneinung der Form wuchs die Rolle der Materialien und ihrer Oberflächen. Neben haptischen Woll- und Leinenstoffen für Polsterbezüge erfuhr auch Leder eine dreidimensionale Veredelung. So stellte Walter Knoll mit Soft Pattern ein besonderes weiches Leder vor, das über eine geprägte, reliefartige Struktur verfügt und auf den ersten Blick tatsächlich einem groben Wollstoff ähnelt.

Leichtfüßig traten diesmal ausgerechnet die Elefanten unter den Möbeln auf. Auf eine spielerische Komponente setzten Neuland Industriedesign mit ihrem Schranksystem Inmotion für MDF Italia, dessen Gestalt mit drehbaren Regalen modifiziert werden kann. Der israelische Designer Ron Gilad entwickelte mit Grado° ein leichtes Aufbewahrungsmöbel für Molteni, bei dem gläserne Kuben mit farbig akzentuierten Holzrahmen lose übereinander stapelt werden. Ergänzt wird das additive System um eine Konsole sowie einen Tisch, die die Konturen von Kisten mit geöffneten Deckeln nachformen.

Klingende Bausteine


Auch Oki Sato alias Nendo ließ das oberste Ablage seines Regals Drop für Cappellini zur Seite kippen und brachte das Möbel somit zum Tanzen. Ronan & Erwan Bouroullec erklärten mit ihrem Regal Corniches für Vitra die Wand zum Relief: Die winzigen Ablagen können nach Belieben in Gruppen oder einzeln arrangiert und mit Lieblingsdingen bespielt werden. In ihrer Kompaktheit beschreiben sie zugleich einen weiteren Trend: Auffallend viele Hersteller haben kleinere und nicht zuletzt auch günstigere Möbel im Gepäck, um neuen Kunden den Ausstieg aus der Ikea-Welt zu erleichtern.

Dass auch das gute alte Audiomöbel eine zweite Chance verdient, unterstrich Werner Aisslinger mit seiner Musikbox für Interlübke. Entwickelt wurde das Sideboard mit integrierten HiFi-Komponenten in einer Zusammenarbeit mit dem schottischen Audiospezialisten Linn und vereint eine klare kubische Gestalt mit ausgeklügelten Klangeigenschaften. Weil Plattenspieler und Bedienelemente im Inneren des Möbels verschwinden, bleibt die Technik im Hintergrund, ohne den Raum zu dominieren.

Prägnanz durch Strenge

Es sagt viel über diese Messe, dass sich vor allem jene puristische Arbeiten im Gedächtnis einprägten, die mit klaren Kanten aus dem unentschlossenen Formenbrei herausstachen. Ob Piero Lissoni mit seinem wohl akzentuierten Kommodensystem Tiller für Porro oder David Chipperfield mit seinem archaischen Marmortisch Colonnade für Marsotto: Sie zeigen, dass gutes Design nicht ohne Sinn für Proportionen und den richtigen Einsatz von Materialien gelingt. Gewiss, auch diese Entwürfe haben ihre historischen Vorläufer. Doch anstatt sich ihnen zu ergeben, übersetzen sie sie auf souveräne Weise in die Gegenwart.

Es ist verständlich, dass die Unternehmen das Risiko beherrschen wollen. Doch wenn sie die Arbeit ihrer Designer derart zügeln, dass die Klassiker aus den Archiven tatsächlich besser sind, entsteht eine gefährliche Lage: Denn die Konsumenten könnten ebenso auf die Idee kommen, sich gar keine neuen Möbel mehr zu kaufen und stattdessen den klapprigen Dachbodenfund behutsam zu restaurieren. Schließlich versprechen diese weit mehr Authentizität und machen den Besitzer zugleich zum Mitautoren ihrer Umgestaltung. Die Kriterien für neue Möbel werden damit enger definiert: Das Neue ist nicht länger das, was neu produziert wurde. Es ist nur dann neu, wenn es neu durchdacht wurde.



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