Salone del Mobile 2013 – Die Contract-Connection

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Text: Norman Kietzmann


Die 52. Mailänder Möbelmesse und die 27. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce sind am vergangenen Sonntag nach vier Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Auch wenn auf dem Messegelände dichtes Gedränge herrschte, ist von der Energie der letzten Jahre nicht viel geblieben. Während es den meisten Neuheiten sichtlich an Biss fehlte, verzichteten manche Unternehmen sogar ganz auf neue Produkte. Als sichere Bank galten Reeditionen und Ausflüge ins Hotellerie- und Bürosegment.



Kommen sie oder kommen sie nicht? Es wurde viel gemunkelt im Vorfeld dieses Salone, nachdem einige langjährige Aussteller ihre Teilnahme abgesagt und auch nicht wenige Besucher mit dem Gedanken gespielt haben, 2013 auszusetzen. Doch trotz Regenwetter, skandinavischer Temperaturen und einem deutlich reduzierten Rahmenprogramm waren sie dennoch alle da. Die Bar Basso war wieder allabendlich überfüllt, und auch die Messe konnte solide Zahlen vermelden.

Mit 324.000 Besuchern wurde das Ergebnis von 2011 leicht übertroffen, als der Salone del Mobile zuletzt von der Lichtmesse Euroluce begleitet worden war. Zuwächse wurden vor allem aus Asien, Nord- und Südamerika sowie Russland verzeichnet. Auch zahlreiche Delegationen chinesischer Bauunternehmer und amerikanischer Architekten konnte der Messeveranstalter Cosmit registrieren und traf damit ins Schwarze: Denn selten hat die Einrichtungsbranche ein derart waches Auge auf die Architektenschaft geworfen – sei es in der Auswahl der Gestalter als auch in der Tauglichkeit ihrer Entwürfe für den Objektbereich.

30.000-Dollar-Tische

Dass Architekten dennoch mit Universalgenies nicht zu verwechseln sind, offenbarte am Morgen des ersten Tages eine Pressekonferenz, die von Kamerateams belagert wurde, als hätten die Beatles eine neue Tournee angekündigt. Anlass der Zusammenkunft war Rem Koolhaas' erste Möbelkollektion Tools for Life, die anlässlich des 75. Firmenjubiläums von Knoll International präsentiert wurde. Trotz der Prominenz der Beteiligten ist das Ergebnis – vorsichtig formuliert – ein Witz. Plexiglastische und -sessel können von wuchtigen Hydraulikarmen in der Höhe justiert werden. Ein Schrank-Tresen-Bank-Hybrid aus drei über übereinander gestapelten Volumina ist seitlich drehbar und verschlingt in ausgeklapptem Zustand schlappe zwanzig Kubikmeter Raum. 



Günstig sind die Scherzartikel dennoch nicht: Rund 30.000 US-Dollar wird der Tisch wohl kosten, dessen empfindliche Oberfläche nach spätestens zwei Jahren Gebrauch komplett zerkratzt sein dürfte. Dass ein Pritzkerpreis nicht zu allem befähigt, musste derweil auch Jean Nouvel erfahren. Seine Pure Shoes für den italienischen Schuhhersteller Ruco Line, mit denen der Franzose seinen ersten Ausflug in die Welt der Mode unternahm, sind mit Elefantenfuß noch milde umschreiben. (Ein weiterer Kommentar zum Thema Architektenmöbel)

Historische Beruhigungspillen

Doch auch den Designern ging häufig die Luft aus, haben sie diesen Salone mit teilweise erschreckend lustlosen Entwürfen bespielt. „Es gibt schon seit Jahren keine Trends mehr, weil jeder und alles für sich selbst ein Trend ist“, sagte Roberto Palomba am Rande der Messe. Jeder Farbe, jedem Material, aus dem sich ein Trend destillieren ließe, stehen tausende Gegenbeispiele entgegen. Die Folge: Der Zugewinn an Freiheit lässt nicht nur Designer und Unternehmen unsicher werden, sondern ebenso die Konsumenten. Wenn alles geht: Wofür soll man sich dann entscheiden? Nicht ohne Grund haben Reeditionen erneut an Boden gewonnen, die jetzt schon mit dem Prädikat des Klassikers werben können.

So legte Poltrona Frau die Sessel DU55 und Letizia (beide 1954) von Gastone Rinaldi wieder auf, Meritalia nahm das Sesselprogramm Cubo (1957) von Achille und Piergiacomo Castiglioni ins Programm und Agape ergänzt die bereits bestehende Mangiarotti-Kollektion um den Sessel Club 44 (1957) und das Tischprogramm More (1989). Konzentrierten sich die Wiederauflagen bisher vornehmlich auf die fünfziger und sechziger Jahre, rückten ebenso Entwürfe jüngeren Datums in den Fokus. Driade ließ die postmodernen Marmor-Beistelltische Kolo, Karine, Karl (1989) von Antonia Astori aufleben, während Porro das Shinto Bed (1992) sowie den eleganten Holzstuhl Glider (1995) von Piero Lissoni aus den Archiven holte. Eine andere Methode bestand in der behutsamen Aufrischung von Ikonen. Für Vitra überarbeitete Hella Jongerius die Farbpaletten der Eames-, Prouvé- und Nelsonentwürfe und gab dem Vertrauten somit eine zeitgemäßere Erscheinung.

Im Schatten der Meister

Der Erfolg der Klassiker ging unterdessen auch an den Neuheiten nicht spurlos vorbei. Patrick Norguets Ohrensessel P22 für Cassina wirkt deutlich von den skandinavischen Meistern abgeschaut. Die Bouroullec-Brüder wandeln mit ihrer Kommode Theca für Magis dagegen auf den Spuren Jean Prouvés. „Kastenmöbel werden oft nur als Fassaden wahrgenommen. Es ist fürchterlich, wenn man nicht erkennen kann, woraus sie gemacht sind“, erklärte Erwan Bouroullec am Messestand. Um dem entgegenzuwirken, haben sie die Konstruktion mit einem Rahmen aus gepresstem Aluminiumpaneelen lesbar gemacht. Auf das großformatige Lochblech, das Prouvé vorzugsweise bei seinen mobilen Architekturen verwendete, setze William Sawaya mit seinem Sitzprogramm O‘S für Sawaya&Moroni. Die Sessel und Bänke im Edelstahl-Look warten mit einem farbigem Innenleben auf und wurden eigens für den Einsatz in öffentlichen Räumen konzipiert.

Ohnehin wirken viele Entwürfe wie Bewerbungsschreiben an die Architektenfront. Stefan Diez‘ neuer Stuhl This That Other kann zu deutlich günstigeren Konditionen produziert werden als sein Vorgänger Houdini und bewegt sich nun im Budgetrahmen, den Hoteliers und Contracter zu zahlen bereit sind. Tokujin Yoshiokas Tisch- und Sesselserie Element für Desalto wirkt mit einer leicht brutalen Erscheinung wie ein Mittler zwischen Büro- und Wohnwelt. In diesem Zug wurde eine weitgehend in Vergessenheit geratene Typologie wiederbelebt: die Sitzlandschaft der siebziger Jahre. Anders als ihre poppigen Vorgänger nehmen die neuen Entwürfe allerdings nicht gleich das gesamte Wohnzimmer in Beschlag.

Die Rückkehr der Sitzlandschaft

So schwebt die Sitzbank Galleria von Pearson Lloyd als filigrane Meta-Ebene über den Boden hinweg, während Werner Aisslingers Bikini Island für Moroso einen Cluster aus Sofa, Sitzkissen, Tischen, Sideboards und Sichtblenden bildet. Das Ergebnis ist kein Total Environment, das Wände, Decken und Boden aus einem Guss bespielt. Mit ihrer bewusst bruchstückhaften Erscheinung können die einzelnen Komponenten frei miteinander kombiniert werden, sodass sich das System problemlos an neue Raummaße und Nutzungen anpassen lässt. Eine subtile Interpretation der Sitzlandschaft gelang Philippe Nigro mit seiner neuen Kollektion für Hermès Maison. Carré d‘Assise heißen seine Sitzkissen im Format der klassischen Hermès-Seidentücher, die von einem filigranen Gestell aus Walnuss getragen werden. Die Hocker, die in drei verschiedenen Höhen erhältlich sind, lassen sie sich als zusammenhängende Fläche arrangieren oder im Handumdrehen wieder in Einzelmöbel auflösen.  

Verpixelte Sofas

Auch dem Sofa geht es an den Kragen. Anstelle großer, zusammenhängender Volumina propagieren Hersteller wie Molteni&C Patchworkinseln aus verschiedenen großen Sitzhockern. Der Vorteil dieser Lösung liegt nicht nur in einem Zugewinn an räumlicher Flexibilität, weil sich Einzelmöbel zu Landschaften erweitern lassen. Auch können verschiedene Stoffe, Muster und Haptiken miteinander kombiniert werden. Die Stofflichkeit der Polstermöbel lässt derweil auch die Welt der Schränke nicht unberührt. So stattete Ferruccio Laviani die hölzernen Fronten und Ablagen seine Kommode Tiberio für Emmemobili mit einer Oberfläche aus, die an das beliebte Taschen-Steppmuster Matelassé (franz. für: aufgepolstert) denken lässt. Und Marcel Wanders überzog die Holztüren seines Schranksystem Decï Doors für Cappellini mit einem reich verschnörkelten Relief, dessen plastische Wirkung stark mit dem Lichteinfall variiert.

Innere Blockade

Das Design schwankt auf diese Weise zwischen zwei Extremen: Es versucht, mit spröden, rationalen Lösungen das Architektenherz zu erwärmen. Oder es schlägt um ins andere Extrem und will mit Sinnlichkeit und Opulenz denselben Nerv treffen, der Modeenthusiasten beim Anblick einer neuen It-Bag schwach werden lässt. Dazwischen rudert eine ganze Armada an müden und altbackenen Entwürfen ziellos umher, dass sogar die Reeditionen in den Verdacht einer innovativen Neuheit geraten. Dem Wohnen hilft keine dieser Lösungen weiter.

Denn erstens möchte niemand auf Dauer im Hotel oder im Büro übernachten, sondern in einem Zuhause, das diese Bezeichnung verdient hat. Zweitens werden Möbel noch immer mit langfristigerem Blick gekauft als eine neue Jacke oder eine neue Handtasche. Und drittens muss das Wohnen inspirieren. Niemand kauft einer Möbelmarke ihre Produkte aus purem Mitleid ab, sondern aus Begeisterung für ein wirklich gutes Stück. Es ist zu leicht, die angespannte Lage der Branche allein auf die globale Konjunkturlage zurückzuführen. Das Problem ist, dass den Kunden überhaupt kein plausibler Grund mehr geliefert wird, ihr Geld auszugeben. Mitleid haben an dieser Stelle weder die Unternehmen noch die Designer verdient, sondern ihre eigentlichen Adressaten: die Konsumenten.

Weitere Produkte, Entdeckungen und Ausstellungs-Highlights des Salone del Mobile 2013 in unserem Special.
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