Salone del Mobile 2014: Die besten Re-Editionen

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Text: Norman Kietzmann

Klassiker sind die Joker in jedem Design-Portfolio. Selbst Dekaden nach ihrer Versenkung in den Archiven können sie plötzlich wieder auferstehen und so lebendig agieren, als wären sie nie fort gewesen. Dass Re-Editionen durchaus einige Entdeckungen zu Tage fördern, unterstrich die Mailänder Möbelmesse 2014 mit wirbelnden Regalen, luftigen Stühlen oder animalischen Kommoden.

Ein wenig können einem die Designer von heute schon leid tun. Kaum haben sie einen Entwurf auf den Markt gebracht, tritt ihnen sofort ein Klassiker entgegen, der eine ähnliche Idee bereits um Dekaden vorwegnahm. Ein Möbelstück, das ganzen Designergenerationen als gedankliche Fundgrube diente, ist der 1939 von Hans Coray entworfene Landi Stuhl. Knapp drei Jahre, nachdem der Klassiker mit seiner lochgestanzten Sitzschale vom Markt verschwunden war, erlebt er nun bei Vitra seine Wiederauferstehung. 

Bis 2011 wurde der Aluminiumstuhl vom Schweizer Unternehmen Westermann produziert, das sowohl mit Qualitätsproblemen als auch hohen Herstellungskosten zu kämpfen hätte. Im Zuge der Neuauflage erfolgte eine grundlegende Überarbeitung, die wieder stärker an den Originalentwurf aus den dreißiger Jahren anknüpft und zwischenzeitliche Modifikationen beseitigt. Während die Festigkeit dank neuer Fertigungstechniken verstärkt wurde, konnte der Preis halbiert werden. Auch dies ist ein wichtiger Aspekt, um eine Ikone zu neuem Leben zu erwecken.

Drop Chair (1958) von Arne Jacobsen für das Royal SAS Hotel in Kopenhagen.
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Filmreife Fortsetzung
Ein weiterer Prominenter, der aus dem Winterschlaf geweckt wurde, ist der Drop Chair von Arne Jacobsen. Der tropfenförmige Stuhl wurde 1958 für die Möblierung des Kopenhagener Royal SAS Hotel entworfen und gelangte im Gegenzug zum berühmten Egg- und Swan-Chair nie in Serienproduktion. Dass Fritz Hansen diesen Schritt vollzog, klingt wie die Fortsetzung eines Hollywood-Blockbusters: kalkulierbarer Erfolg bei wenig Risiko. Der entscheidende Unterschied liegt hierbei jedoch in der Authentizität. Schließlich handelt es sich bei dem organisch-runden Möbelstück um keine Hommage, sondern ein in Vergessenheit geratenes Original. 

Fast zeitgleich zum Drop Chair ersann Gianfranco Frattini (1926-2004) das Bücherregal Albero (zu deutsch: Baum). Der Entwurf, der nun von Poltrona Frau wiederaufgelegt wurde, ist eine der großen Entdeckungen dieser Mailänder Möbelmesse. Eingespannt zwischen Decke und Boden, vermag das Möbel mit seinen auskragenden Ablagen um die eigene Achse zu rotieren. Die Besonderheit markiert das souveräne Ineinandergreifen von konstruktiver Raffinesse und skulpturaler Raumwirkung, die auch nach weit über 50 Jahren überzeugen.

Op-Art trifft Sitzlandschaft
Gehören die Wooden Dolls (1963) von Alexander Girard bereits seit längerem zu den Accessoires im Vitra-Programm, wurde nun gleich eine ganze Kollektion an Möbeln, Decken, Tabletts und Wandbespannungen des amerikanischen Gestalters in Produktion genommen. Die Arbeiten sind Optimismus in Produktgestalt. Muster, Farben, Dekore changieren zwischen flirrenden Op-Art-Effekten, figürlichen Darstellungen oder Sternenhimmeln. Ganz im Zeichen der poppigen sechziger Jahre steht auch das schaumgepolsterte Sitzmodul-System Welle, das Verner Panton 1969 für die Ausstellung Visiona 2 (1970) entworfen hatte. Auch dieser Entwurf wurde bislang nie seriell gefertigt und nun von Verpan erstmals in Produktion genommen. 

Flexible Leichtgewichte
Nur wenige Monate im Anschluss an die Kölner Visiona 2-Ausstellung präsentierte Gio Ponti seine Möbelserie Apta. Die Zeitschrift Domus und die Turiner Messegesellschaft hatten in Mailand insgesamt vier Ausstellungen zum zeitgenössischen Wohnen organisiert, deren dritte Edition von Ponti übernommen wurde. Während Verner Panton mit seinen organisch-fließenden Sitzskulpturen Raum und Möbel verschmelzen ließ, konzipierte der Mailänder Gestalter eine Vielzahl an flexiblen wie beweglichen Möbelstücken, die den Wohnraum von jeglicher Schwere befreien sollten. „Nicht wir müssen uns dem Haus anpassen, sondern umgekehrt“, bemerkte Ponti mit knapp 80 Jahren. Ungewöhnlich an seinem Falt-Sessel D.270.1, der nun von Molteni&C wiederaufgelegt wurde, sind seine Proportionen. Während die Sitzfläche stark verkürzt wurde, erscheint die Rückenlehne umso größer. Der Grund: Ohne den Komfort einzuschränken, sollte die Bewegungsfreiheit im Raum verbessert werden. Die heute aktuelle Thematik kompakter Wohneinheiten wurde damit bereits vorweggenommen.
Beistellmöbel Xai (1942) von Salvador Dalí.
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Neue Gewänder 
Wie eine Lehrstunde in puncto Leichtigkeit wirken die Möbel von Kazuhide Takahama. Bereits 1968 entwarf der japanische Gestalter den Stuhl Tulu, dessen schlank gepolsterte Rückenlehne von einem filigranen Stahlrahmen umschlossen wird. Der Entwurf für Simon Collezione wird nun von Cassina in matten Farben angeboten, die zur Entstehungszeit technisch nicht umsetzbar waren und das verchromte Original ergänzen. Ein neues Gewand erhält auch der Sitzsack Sacco von Zanotta. Mit einem Hahnentritt-Muster in sieben verschiedenen Farben gibt sich das Möbel der 68er-Bewegung ungewöhnlich brav. Ob das revolutionäre Sitzobjekt in dieser Tarnung das bürgerliche Wohnen geschickt unterwandert oder längst selbst in den Status des Arrivierten gelangt ist, obliegt dem Auge des Betrachters.

Animalischer Auftritt
Bereits 1972 erwarb der Architekt Oscar Tusquets die Rechte an den Möbeln Salvador Dalís und brachte zunächst dessen berühmtes Lippen-Sofa auf den Markt. Den jüngsten Neuzugang markiert der Beistelltisch Xai, der nun von BD Barcelona produziert wird. Als Vorlage diente ein Dalí-Gemälde aus dem Jahr 1942, auf dem ein Beistelltisch in Form eines Lamms zu sehen ist. Für die Umsetzung des Entwurfs kontaktierte Tusquests den Pariser Präparator Deyrolle, bei dem auch Dalí zu Lebzeiten zahlreiche Tiere erwarb. Was das Lamm zum Möbel macht, ist eine aus dem Bauch zu öffnende Schublade sowie eine aus holz gefertigte Ablage auf dem Rücken, während die Hufe durch verschnörkelte Möbelfüße aus Bronze ersetzt wurden. Erhältlich ist Xai in einer Auflage von 21 Exemplaren, darunter 20 in weiß und eines in schwarz. Kostenpunkt: 36.000 Euro für die Serie und 72.000 Euro für das Unikat.

Was diese Wiederauflagen zeigen, ist mehr als Nostalgie oder verstärktes Interesse an der Designgeschichte. Sie erlauben eine didaktische Rückkoppelung, indem Arbeiten, denen spätere Gestaltergenerationen bewusst oder unbewusst über die Schulter geschaut haben, im Original erhältlich sind. Dem Design der Gegenwart tut die verlässliche Flut der Re-Editonen damit keinen Abbruch. Im Gegenteil: Sie hebt die Messlatte für das Neue lediglich ein kleines Stück nach oben. 

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