Salone del Mobile 2014: Substanz & Transparenz

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Text: Norman Kietzmann

Während der Mailänder Möbelmesse 2014 stand ein Material besonders im Fokus: Glas. Es oblag keinesfalls nur den alten Hasen des Designbetriebs, herauszufinden, welche formalen wie funktionalen Möglichkeiten auf diesem Terrain zu erkunden sind. Vor allem junge Gestalter trieben das Spiel mit der Transparenz und dem damit verbundenen zumeist handwerklichen Herstellungsprozess. Gefragt sind im dekorativen Bereich weniger perfekt ausformulierte Objekte. Auch der Zufall wird in den Designprozess mit eingewoben, um serielle Objekte mit Unikatcharakter anzufertigen.

Glas ist ein Paradox der Dinglichkeit. Wie keinem anderem Material gelingt ihm das Kunststück, visuelle Leichtigkeit und materiellere Schwere in Einklang zu bringen. Warum der mineralische Werkstoff derzeit wieder hoch im Kurs steht, ist glasklar: Denn Glas ist das Gegenteil der Wegwerfkultur. Auch wenn das Material fragil und zerbrechlich ist, hat es keine eingebaute Halbwertszeit wie Kunststoff. Es obliegt der Geschicklichkeit des Benutzers, ob seine transparenten Preziosen an die nächste Generation weitergereicht werden können oder nicht. In gewisser Weise funktionieren Glasobjekte wie ein Memento Mori für den Alltagsgebrauch. Indem sie unentwegt „Gibt acht!“ verkünden, steigern sie den idealen Wert der Objekte. 

Heiliges Feuer
Zeitgenössische Positionen zum Thema Glas präsentierten in Mailand unter anderem das Institut Français und das Internationale Glaszentrum (CIAV) Meisenthal mit der Ausstellung Le Feu Sacré. Im Fokus standen Objekte, die den Prozess ihrer Herstellung auf unterschiedliche Weise reflektieren. So verwendete François Azambourg für seine Vase Douglas Formen aus Douglastanne, deren markante Maserung sich auf die Oberfläche des Glas überträgt. Werner Aisslinger ließ für seine Vasenserie Mesh Glas mit Fiberglas verschmelzen, während das junge Pariser Designerbüro NOCC mit seiner Serie Ensembles historische Vasenformen aus den Archiven der Meisenthaler Glashütte auf unkonventionelle Weise miteinander kombinierte. 

Colour von Daniel Rybakken und Andreas Engesvik für e15
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Als Vorreiter für die Verjüngung der böhmischen Glasindustrie hat sich die Manufaktur Lasvit einen Namen gemacht. Wie eine Hommage an die Viskosität des Materials wirkt die Leuchtenserie Frozen des jungen Prager Designers Maxim Velčovský. Die Schirme erscheinen nicht als präzise, ausformulierte Form, sondern wie eine fließende Glasmasse, die soeben zum Erstarren gebracht wurde. Weil die Herstellung exakt auf diese Weise erfolgt, variieren die Formen von Objekt zu Objekt, während eingeschlossene Luftblasen und Oberflächendetails den Unikatcharakter unterstreichen.

Spielerische Transparenz
Für Interaktion sorgt die Bodenleuchte Colour von Daniel Rybakken und Andreas Engesvik für e15, bei der sich zwei transparente Glasscheiben in Pink und Blau sowie eine weißer Diffusor gegenseitig überlagern. Die Anordnung der Komponenten, die einfach lose an die Wand gelehnt werden, kann nach Belieben variiert werden. Wurde der 2010 vorgestellte Entwurf anfänglich von Ligne Roset produziert, ist er nun Teil der in Mailand vorgestellten neuen Leuchtenkollektion von e15. Dass farbiges Glas nicht nur als Diffusor, sondern ebenso als Projektor dienen kann, zeigt die Bodenleuchte Aurore von Ferréol Babin für Moustache. Die Lichtquelle befindet sich in der Mitte einer runden Glasscheibe und erzeugt durch wechselnde Farbfilter einen Regenbogeneffekt an der Wand. Wird die Leuchte ausgeschaltet, verliert die Glasscheibe ihre Transparenz und verwandelt sich in einen farbigen Spiegel, der die Dinge im Raum reflektiert. 

Durchsichtige Egos
Auch Architekten sind dem Reiz des Kristallinen erlegen. So konzipierte Daniel Libeskind seinen Leuchter Ice für Lasvit als gläserne Wolke unter der Decke, deren blitzgezackte Form die Urheberschaft unschwer erkennen lässt. Auch Zaha Hadid blieb ihren fluiden, schlängelnden Formen treu, als sie die Vasen Viso und Manifesto für Lalique ersann. Ungewöhnlich – weil ausgesprochen wenig selbstbezogen – wirkt die schlichte Pendelleuchte Zoe von Doriana und Massimiliano Fuksas für Venini. Das in Rot, Violett und einem warmen Grau erhältliche Lichtobjekt weckt Assoziationen an historische Laternen oder – wie es das Architektenpaar selbst umschreibt – an „ein Venedig zwischen Ost und West, eine Tür zwischen Wissen und Vergessenheit.“
Glasserie Cuttings von Martino Gamper für J. Hill's Standard 
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Königlicher Auftritt 
Als Austragungsort für eine der atmosphärischsten Inszenierungen dieses Salone del Mobile diente eine entweihte Kirche im Stadtteil Brera. Das französische Traditionshaus Baccarat eröffnete die Ausstellung anlässlich seines 250-jährigen Bestehens mit einem rauschenden Fest. Warum die Gäste gebeten wurden, gleich am Eingang sämtliche Taschen abzugeben, klärte sich bald auf. Schließlich floss der Champagner nicht in gewöhnliche Catering-Gläser, sondern in die Signatur des Hauses: das 1841 entworfene Glas Harcourt, das im Handel immerhin mit 170 Euro zu Buche schlägt – pro Stück versteht sich. Ergänzt wurde die bestehende Kollektion unter anderem um ein Schachspiel von Nendo (mit zerschnittenen Harcourt-Gläsern als Figuren), einer Prunkvase von Marcel Wanders und der Wiederauflage einer Uhr von Georges Chevalier aus dem Jahr 1948, die den Sonnenzeichen vom Louis XIV. an den Eingangstoren von Versailles nachempfunden wurde. 

Materielle Allianzen
Auch im Möbelbereich hat Glas an Präsenz gewonnen. Die Tischserie Cristall, die Victoria Wilmotte für Co-Edition entworfen hat, kombiniert transluzente Sockel mit transparenten Tischplatten. Auf die Überlagerung von Glas mit Marmor und Holz setzt das Designerduo LucidiPevere seinen doppeletagigen Glastisch Flute für Fiam. Während die obere Tischplatte aus transparentem Glas gefertigt ist, ist die darunter liegende, deutlich kleinere Ablage in verschiedenen Marmor- und Holzoberflächen erhältlich. Eine ungewöhnliche Oberflächenbehandlung bringt die Tischserie Brushstroke ins Spiel, die Nendo für Glas Italia entworfen hat. Indem zwei Farbschichten auf eine transparente Glasoberfläche aufgetragen wurden, erzeugten die Unebenheiten der Pinselstriche eine matte, steinartige Oberfläche. Das Ergebnis: Anstatt dass sich die Möbel in Transparenz aufzulösen, wird ihre visuelle und materieller Präsenz im Raum erhöht. Auch die Bouroullecs haben für Glas Italia mit dem Material der Stunde gearbeitet: Diapositive heißt ihre Kollektion aus Schreibtisch, Regal und Bank.

Materialität als Identität
Dass auch fernab der etablierten Glas-Topografien Entdeckungen zu machen sind, zeigt die 2014 gegründete Manufaktur J. Hill's Standard. Der Name ist zwar ein reines Fantasieprodukt. Doch dafür sind die Ambitionen ungleich ersthafterer Natur. Mit leuchtendem Augen berichtet Firmengründerin Anike Tyrrell, wie sie die verschwundene irische Glasproduktion wieder neu beleben will. Für die erste Kollektion, die von Martino Gamper und Scholten & Bajings entworfen wurde, wurde das Glas in Böhmen mundgeblasen und anschliessend im irischen Waterford von zwei Glasmeistern geschliffen. Damit die gesamte Fabrikation auf der Grünen Insel erfolgen kann, soll in den nächsten Jahren eine Glasbläserschule gegründet werden. Glas ist damit nicht nur Träger des Durchsichtigen, das Atmosphäre, Haptik und Sinnlichkeit zu schaffen vermag. Manchmal stiftet es sogar ein Stück weit Identität. 

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2014 lesen Sie hier.

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