Salone del Mobile 2017: Draussen heiter bis schön

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Text: Markus Hieke, 10.04.2017

Frühling auf Hochtouren! Höchste Zeit, das Exterieur zu beleben. Wie man sich draußen einrichtet, darüber sind sich die meisten Aussteller auf dem Salone del Mobile in Mailand einig: mit möglichst leichten Strukturen und betont handwerklich. Am besten, man hat einen großen Garten, denn es gibt überwiegend Großformate, kaum geeignet für den Balkon.

Massiv und protzig war gestern. Wer sich die neuen Outdoor-Kollektionen ansieht, die zur diesjährigen Mailänder Designwoche präsentiert wurden, erkennt vor allem eines: den Hang zum filigran Ausladenden, zum Ornamentalen, teils Verspielten – und auch das Bedürfnis abzuschalten, vom digitalen Alltag und von der turbulenten Welt. Während man sich drinnen auch den Fragen des knapper werdenden Wohnraums stellt, hat der Garten keine Grenzen: Die Outdoor-Möbel des Salone 2017 verlangen nach Platz.

Allerhand Flechtwerk

Dabei ist Flechtwerk endgültig tonangebend: Ohne seilumspannte Konstruktionen kommt kaum ein Hersteller aus. Immerhin sollen die voluminösen Möbel am Ende doch leicht und grazil wirken. Für Roda liefert Kreativchef Rodolfo Dordoni mit Piper eine Kollektion aus modularen Sofas, Beistelltischen und einer kleinen Relax-Liege. Das Gestell der Sitzmöbel aus lackiertem Aluminium wird kombiniert mit wahlweise hoher Rückenlehne aus grobmaschig gewickelten Riemen oder mit einem wetterfesten Textilbezug (Batyline) bei niedriger Lehne. Mit Polstern und Kissen versehen, unterscheidet sich das Möbel kaum noch von seinen Indoor-Artgenossen.

Auch für Kettal hat der Italiener Dordoni gestaltet und auch hier werden Riemen gestrickt. Das Herstellerlabel scheint dabei austauschbar, so sehr ähneln sich die Entwürfe. Bitta ist eine Kollektion aus Sitzmöbel und Tisch: einem unkomplizierten, komfortablen Sessel und einem ausziehbaren Tisch mit Teak-, Marmor- oder Aluminiumplatte, der im Gegensatz zum Stuhl immerhin eine weniger verwechselbare Erscheinung trägt. Daneben hat das Londoner Duo Doshi Levien nach dem Cala-Stuhl – dem mit der markant hohen Lehne – aus dem vergangenen Jahr nun eine ganze Cala-Familie für den spanischen Hersteller gestaltet. Dazu zählt ein Esstischstuhl sowie eine Bank – immer nach dem gleichen Prinzip des umwickelten Rahmens. Ebenfalls zur Familie gehören Esstische, Beistelltische und eine gepolsterte Fußbank, die mit ihrer monolithischen, kräftigen Erscheinung aus Holz, wahlweise mit Marmortischplatte, einen Kontrast zur Schwerelosigkeit der Sitzmöbel erzeugen.

Zurückhaltender Luxus
Einen regelrechten Outdoor-Thron liefert mit Nef das italienische Unternehmen Emu. Gestaltet hat ihn der Franzose Patrick Norguet. Auch hier besteht das Gestell aus Aluminium. Und wieder gibt es ein Flechtwerk aus Polyesterkordeln, diesmal Fischernetz-ähnlich von kleinen Stahlklammern zusammengerafft, sodass ein Rautenmuster entsteht. Außer der hohen Lehne mit optionalem Rückenpolster wird es eine niedrigere Sesselversion geben. Luxus zeigt sich dieses Jahr eben in ganz und gar feingliedriger Struktur. Fast Campingcharme versprüht dagegen der Klappstuhl Regista, den Tribù vorgestellt hat. Auch der – wie sollte es anders sein – mit geflochtener Lehne aus wetterfestem Strick, gestaltet von Monica Armani. Ebenso faltbar ist der Liegestuhl Branch Beach Chair, den das Studio Lievore Altherr Molina der bestehenden Branch-Kollektion hinzugefügt hat. Der Rahmen besteht aus pulverbeschichtetem Aluminium und erinnert entfernt an Äste, als Sitzfläche dient ein Tuch aus UV-beständigem Batyline in 16 verschiedenen dezenten Farben.

Sunset von Alessandro Busana für Pedrali

Klobige Sessel, fliegende Teppiche
Einen deutlichen Kontrapunkt zum reduzierten Outdoor-Design setzt Alessandro Busana mit seinem Sessel- und Zweisitzersystem Sunset für Pedrali. Mit ihren klobigen Körpern wirken die Sitzmöbel aus Polyethylen schwerer, als sie tatsächlich sind. Rundungen betonen die Bequemlichkeit. Gliedernde Linien lockern die massive Erscheinung etwas auf, während aufsteckbare Tischchen zum Abstellen der Erfrischungsgetränke einladen. Wer weder im betont wuchtigen Sessel noch auf einem graziösen Thron Platz nehmen will, lässt sich bei Gan auf der Outdoor-Teppichinsel nieder. Mit Garden Layers liefert der spanische Hersteller eine Teppich-Kissen-Kollektion, zu der sich die Designerin Patricia Urquiola auf einer Indienreise inspirieren lassen hat. Matten, Rollen und Kissen können frei platziert werden und erinnern an orientalische Szenerien. Hergestellt werden die Teile aus wetterfestem Garn und schnelltrocknendem Schaum.

Kunstvoll Schlaufen winden
Dass man auch Rattan noch neu erfinden kann, beweist der japanische Hersteller Yamakawa, der seine Kollektion im Palazzo Litta im Stadtzentrum präsentierte. Seit 1952 produziert das Unternehmen Möbel aus gebogenen Palmrohr und arbeitet dafür mit erfahrenen indonesischen Handwerkern zusammen. Mit Petal Chair entwarf der in Indonesien geborene Designer Alvin Tjitrowirjo einen Sessel, dessen Korpus einer Blüte ähnelnd aus Palmrohr-Schlaufen gefertigt wird. Die Einzelteile werden von Lederschnüren zusammengehalten. Und auch aus Kolumbien wurden in Mailand neue Handwerksmöbel vorgestellt. Nachdem Ames im Januar die ersten Teile von Sebastian Herkners Flechtmöbel-Kollektion Caribe in Köln präsentierte, folgten nun noch ein Zweisitzer, ein Vis-a-vis sowie ein Esstisch – alle im gleichen bunten Look: Stahldrahtgestelle umwickelt mit Kunststoffschnüren.



Ins rechte Licht gerückt, lässt es sich im Sommer bis tief in die Nacht draußen aushalten. Während Foscarini mit seiner Outdoor-Version der Leuchte Twiggy von Marc Sadler eher eine Laterne zur Allgemeinbeleuchtung liefert, erzeugt Flos mit der Gartenversion von Bellhop (Barber Osgerby) atmosphärisches Licht am Boden. Dekoratives Outdoor-Highlight des Salone ist die Leuchte The Others des New Yorkers Stephen Burks für die deutsche Firma Dedon – natürlich aus geflochtenen Fasern, um beim Messemotiv zu bleiben. „Ich stellte mir eine farbenfrohe Gemeinschaft von Träumern vor“, erklärt der Gestalter die Idee zu seinen Korbleuchten, „voller Persönlichkeit, auf den Rest der Welt mit Ambition, Gewandtheit und Stolz zurückblickend.“ Tatsächlich lassen sich Augen an der Laterne befestigen. Den Sommer mit Heiterkeit nehmen, so lautet das Credo. Und das Handwerk wertschätzen, weil darin die Menschlichkeit steckt, die in vielen Bereichen des digitalisierten und konditionierten Lebens zunehmend fehlt.

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