Salone del Mobile 2017: Neue Opulenz

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Text: Norman Kietzmann, 28.03.2017

In Mailand steht nächste Woche die fünfte Jahreszeit bevor. Auch der 56. Salone del Mobile bringt wieder ordentlich Bewegung ins Designkarussell, das neben dem Messegelände wie immer die ganze Innenstadt in Beschlag nimmt. Auffällig ist 2017 ein neuer Hang zur Opulenz, der die Retrokoordinaten geradewegs von den kuscheligen Fünzigern in eine wilde Mixtur aus Memphis, Art déco und Barock verschiebt.  

Auf dem Salone del Mobile geht es zu wie bei einer Runde Poker: Die Spieler bleiben fast immer dieselben. Und doch werden die Karten jedes Mal neu gemischt. Während an allen Ecken in der Stadt und draußen auf dem Messegelände schon eifrig gewerkelt wird, stellt sich erneut die entscheidende Frage: Wohin steuert die weltgrößte Möbelschau, die in diesem Jahr von der 29. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce sowie der 18. Büromesse Workspace 3.0 ergänzt wird?

Die Verantwortlichen geben sich positiv: Allein in den ersten zehn Monaten 2016 sind die Umsätze der italienischen Möbelindustrie um elf Milliarden Euro angewachsen, wobei die USA (+ 8,1 Prozent) und China (+ 18,4 Prozent) als Absatzmärkte besonders deutlich herausstachen, so der Branchenverband FederlegnoArredo. Trauen sich die Firmen angesichts dieser Zuversicht womöglich aus dem Mid-Century-Windschatten wieder heraus? 

Austellung S.F_Sense of the Future von Tokujin Yoshioka und LG
Hang zum Glanz 
Vieles spricht dafür, dass der in der Mode von Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele losgetretene Maximalismus-Hype nun auch in Teilen auf die Möbelbranche überschwappt und für eine Auffächerung der stilistischen Bandbreite sorgt: Von archaischer Reduktion bis hin zu verspielter Opulenz – weniger ist mehr. Und mehr ist mehr. Ganz so, wie es eben gefällt. „Ich denke, dass wir uns auf eine fast schon neobarocke Phase zubewegen. In politisch ruhigen Zeiten kann man dem Minimalismus folgen. Doch heute suchen wir nach etwas Wärmerem und Schmackhafterem“, erklärt der belgische Designer Xavier Lust, der mehrere Bronzemöbel in den Räumen der Galerie Nifufar präsentieren wird.  

Baroquisme heißt denn auch die Ausstellung des Mailänder Architekten und Materialfetischisten Vincenzo de Cotiis in seinem Showroom in der Via Carlo De Cristoforis. Selbst der bislang eher prunkfreie Leuchtenhersteller Flos paart seine Kräfte mit der französischen Kristallmanufaktur Baccarat und zeigt im Showroom am Corso Monforte eine von Versailles inspirierte Kollektion aus der Feder von Philippe Starck. Rüschen und Rocailles sind an dieser Stelle vielleicht noch nicht gleich zu befürchten. Doch die Sehnsucht nach Glanz geht mit einer deutlichen Aufwertung der Materialität einher. 

Französische Präsenz 
Design und Glamour werden in Mailand immer mehr zu Verbündeten. Louis Vuitton enthüllt die Neuheiten der Wohnkollektion, die von Fernando & Humberto Campana, Tokujin Yoshioka, India Mahdavi und Marcel Wanders entworfen wurden. Hermès kehrt in die Halle La Pelota in der Via Palermo zurück und die Eröffnung des Armani/Casa Showrooms am Corso Venezia (ex De Padova Geschäft) geht in eine anschließende Party in Armanis eigenem Nachtclub über. Neu auf dem Salone ist die Schmuckmarke Cartier, die am Montag mit viel Blitzlichtgewitter in der Garage Sanremo unweit der Börse eine neue Kollektion vorstellt. 

Spielplatz des Designs
Apropos Börse: Auf deren Vorplatz endet am Dienstagabend erneut die Designparade, die Seletti, Wunderkammer und Yoox zum Protest gegen langweiliges Design angesetzt haben. Selbstredend folgen dem Protest auch Taten. So stellt Seletti auf der Messe die neue Möbelserie Fast Food Furniture von Studio Job vor, die nicht nur von Hamburgern und Hotdogs inspirierte Sessel und Sofas umfasst. Auch die Banana Lamp, die das Designerduo noch im September als hochpreisige Design-Edition bei der Pariser Galerie Carpenters Workshop vorstellte, wird nun in einer deutlich erschwinglicheren Version angeboten. 

Einen Spielplatz möchte das Modelabel Marni mit der Outdoor-Kollektion Playland im eigenen Showroom an der Viale Umbria in Szene setzen. Wilde Muster und Dekore sind bei Jaime Hayons Kollektion Stone Age Folk für Caesarstone in den Räumen des Palazzo Serbellioni zu bewundern. Ganz klar, dass bei so viel Pop die wilden Achtziger nicht fehlen dürfen: Ganz im Zeichen von Memphis steht die Sonderedition, die Fiat-Erbe Lapo Elkann mit seiner Auto-Tuning-Firma Garage Italia Customs zusammen mit BMWi am Dienstagabend präsentiert – passend ausgerichtet im Unicredit Pavillon an der Porta Nuova, der von Memphis-Urgestein Michele De Lucchi entworfen wurde. 
Hot Dog Sofa von Studio Job für die Kollektion Fast Food Furniture von Seletti
Schwedische Eintracht 
Überraschenderweise scheint die Branche teilweise Frieden geschlossen zu haben mit dem schwedischen Möbelriesen, den viele noch immer als dreisten Kopisten beschimpfen. Doch wenn es um die Demokratisierung des Designs geht, führt an der Marke mit den vier Buchstaben scheinbar noch immer kein Weg vorbei. Mit Spannung erwartet wird die erste Kooperation von Ikea mit Tom Dixon, die zusammen mit allen anderen Neuheiten des umtriebigen Briten auf der Mikromesse Multiplex im Teatro Manzoni vorgestellt wird. Ebenfalls auf Tuchfühlung mit der Schwedenmarke geht die Londonerin Faye Toogood mit der Schau Enfant Terrible in der Officina Ventura. Versatzstücke aus der Ikea-Produktion sollen hier zu hybriden „Misfits“ und „gehackten“ Möbelstücken verbunden werden, die weniger als konkrete Bauvorlagen dienen, sondern einen spielerischen Umgang mit der eigenen Wohnsituation befördern sollen. 

Ganzheitliche Räume
Genderfragen werden in Mailand ebenfalls berührt. So kündigt der Metallmöbelhersteller De Castelli die von sieben Designerinnen entworfene Kollektion Tracing Identity an, die „starke emotionale Allüren“ tragen soll. Und auch der Systemmöbelhersteller Lago vertraut die diesjährigen Neuheiten einem Kollektiv von acht Gestalterinnen an, die das Thema Power of Kindness in acht verschiedene Interieurs übersetzen sollen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Teilnehmerinnen nicht allzu eng an diese klischeehaften Briefings halten mussten und stattdessen eigene Gestaltungsansätze entwickeln konnten. 

Der Fokus auf ganzheitliche Räume zeiht sich wie ein roter Faden durch viele Salone-Installationen. Patricia Urquiola inszeniert anlässlich des 90-jährigen Firmenjubiläums von Cassina die Ausstellung This will be the Space in Herzog & de Meurons Fondazione Feltrinelli. Diesel bespielt mit Pretty Vacancy ein temporares Apartment in der Via Correnti, wo die Neuheiten sämtlicher Diesel-Lizenzen in einer atmosphärischen Wohnwelt zusammentreffen. Und auch Fritz Hansen lädt zur Präsentation der Neuheiten in dem von Jaime Hayon gestalteten Hotel Fritz an der Via San Carpoforo, um die Tauglichkeit der Entwürfe für den Hotellerie- und Contract-Markt sogleich in stilechtem Ambiente unter Beweis zu stellen. 

Archaik und Entspannung
Ein Kontrapunkt zur Opulenz gelingt erneut den Japanern: Nendo zeigt seine Soloausstellung in den Räumen des Modelabels Jil Sander. Und Tokujin Yoshioka setzt zusammen mit dem Elektronikriesen LG die Lichtinstallation S.F_Senses of the Future im Superstudio Più in Szene. Eine Symbiose aus Klarheit und Sinnlichkeit wird beim belgischen Designlabel When Objects Work groß geschrieben, das in der Via Pontaccio Gläser und Gefäße von Vincent van Duysen vorstellt. Auf archaischen Pfaden wandelt nur wenige Meter weiter die dänische Designschau Mindcraft im Kloster San Simpliciano, die von Henrik Vibskov kuratiert wurde und Arbeiten von 18 Designern vereint. Wer derweil müde Füße bekommt, kann in der Via Solferino die Kräfte im Re:Charge Café wieder auftanken, das vom New Yorker Designer Todd Bracher und dem Möbelhersteller Humanscale als Insel der Ruhe im Salone-Wirbel gestaltet wurde. 

Vom Salone zum Fuorisalone
Grund zum Feiern hat die Messe unterdessen mit der 20. Schau der Nachwuchsplattform Salone Satellite. Viele der Protagonisten, die heute für die großen und weniger großen Marken entwerfen, haben auf der von Marva Griffin gegründeten Plattform zum ersten Mal ihre Arbeiten einem größeren Publikum zeigen können. Die angestammte Spielstätte in den Hallen 22-24 auf dem Messegelände wird um eine von Beppe Finessi kuratierte Jubiläumsausstellung in der Fabrica del Vappore in der Mailänder Innenstadt ergänzt. Und so schließt sich der Kreis – vom Salone zum Fuorisalone. Entdeckungen wird es auch diesmal wieder auf beiden geben. Vor allem dort, wo man es häufig nicht erwartet.

Mehr zum Salone del Mobile 2017 lesen Sie in unserem Special.

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