São Paulo: Kulturhauptstadt Adieu?

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Text: Gilberto Mariotti

Die Kulturpolitik der rechtsradikalen Regierung Brasiliens geht mit deutlichen Kürzungen im Kultur- und Hochschulsektor einher. Betroffen sind vor allem die Städte Rio de Janeiro und São Paulo. Welche Auswirkung die neue Kulturpolitik auf die sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sowie die Disziplinen Architektur und Design haben könnten, beschreibt Gilberto Mariotti, Professor für Kunstgeschichte und Zeichenlehre an der Escola da Cidade de Arquitetura e Urbanismo in São Paulo in diesem Essay.

Jair Bolsonaro, unser kürzlich ins Amt eingeführter Präsident, wird immer wieder als Faschist bezeichnet. Es ist nicht schwer, in seinen Posts und Tweets Züge von Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie auszumachen. Aber was sind die praktischen Folgen der Durchsetzung einer Kulturpolitik des sozialen Ausschlusses in einer Demokratie wie der unseren? Haben die Erklärungen des Präsidenten eine reale und erkennbare Auswirkung auf diejenigen, die in der sogenannten Kreativwirtschaft arbeiten? Lassen Sie mich über den Rand meines Computers hinausblicken und die jüngsten Veränderungen dieses Milieus in meinem Land analysieren.

„Eine Beauftragung durch den SESC stellte sicher,
dass die Kreativwirtschaft mit ihren Projekten
auf gesellschaftlich relevante Fragen reagieren darf.“


In dem kleinen Studio in São Paulo, in dem ich arbeite und wo Designer, Architekten, Producer und Journalisten Raum und Projekte teilen, ist die Nachricht von einem Vertrag mit der Non-Profit-Organisation SESC (Serviço Social do Comércio) ein Anlass zur Freude. Erhält ein Designstudio beispielsweise einen Auftrag für die Entwicklung der visuellen Identität eines Events, können sie damit rechnen, für ihre Leistungen eine angemessene und zuverlässige Vergütung zu erhalten. Das ist hierzulande nicht immer und überall der Fall. Vor allem aber können sie sicher gehen, dass ihr Projekt auf gesellschaftlich relevante Fragen reagieren darf und sie mit einem breit gefächerten, verschiedenen Schichten angehörenden Publikum in Kontakt treten werden. Denn der SESC richtet seine Angebote nicht nur an eine Elite.

Im Visier der Regierung
Seit etwa zwanzig Jahren bestand das Finanzierungsmodell der verschiedenen Kulturbereiche in Brasilien aus einer Kombination von öffentlichem Anreiz für kulturelle Aktivitäten, hauptsächlich durch das Rouanet-Gesetz – ein Teil des zur Bezahlung der Steuerschuld vorgesehenen Geldes kann direkt an Kulturprojekte gehen – und öffentlichen Mitteln. Die gegenwärtige Regierung greift dieses Modell mit dem Argument an, die Mittel würden einseitig und nach ideologischen Gesichtspunkten verteilt, was eine Reform seiner Mechanismen dringend nötig mache.

„In einer Sitzung des Sondersekretariats für Kultur
hörte ein Kreativer vor wenigen Wochen,
dass Themen wie LGBT oder Schwarze von nun an
in Projekten nichts mehr zu suchen hätten.“

Eine weitere Position, die in expliziter Weise von der Regierung Bolsonaro vertreten wird, ist der Kampf gegen als ideologisch angesehene Inhalte und zwar mittels eines moralisierenden Diskurses über die thematischen Schwerpunkte der Kulturprojekte. Als ob alles, was unter den früheren Administrationen hervorgebracht wurde, dem Ziel einer „kommunistischen Indoktrination“ gedient hätte. Diese These soll der Regierung die Freiheit zur Ausübung einer direkten Zensur von Projekten geben, die Themen behandeln, die erst seit einigen Jahren nicht mehr tabuisiert werden, zumindest was ihre Finanzierungsmöglichkeit betraf. In einer Sitzung des Sondersekretariats für Kultur hörte ein Kreativer vor wenigen Wochen, dass Themen wie LGBT oder Schwarze von nun an in Projekten nichts mehr zu suchen hätten.

In der Praxis bedeutet diese neue Entwicklung, dass wir, Designer, Producer, Redakteure und Architekten, nicht nur für weniger Projekte und für weniger Geld engagiert werden und uns gezwungen sehen, schlechtere Arbeitsbedingungen mit weniger Verhandlungsspielraum zu akzeptieren. Es bedeutet darüber hinaus, dass wir, wenn wir die Kontinuität von Arbeit und Einkommen (selbst eines geringeren) aufrechterhalten wollen, uns bei Events nicht mehr für eine politische Debatte ohne Zensur einsetzen. Dass wir die Vielfalt der Meinungen in unseren Veröffentlichungen oder die Vielfalt der Rassen und der sexuellen Orientierung unserer Mitarbeiter nicht mehr verteidigen dürfen. Es bedeutet, dass die Projekte, zu deren Finanzierung wir durch unsere Steuern beitragen, und die kulturellen Produkte, an denen wir arbeiten, keine Visionen enthalten dürfen, die dem Diskurs der Regierung widersprechen. Aus diesem Grund fragen wir, wie lange wir das System, in dem wir leben, noch als eine echte Demokratie bezeichnen können.

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Enno Petermann

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