Schweizer Möbel-Origami

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Text: Norman Kietzmann, 09.05.2017

So leichtfüßig geht Mid-Century: Der Schweizer Designer Hans Georg Bellmann hat in den Fünfzigerjahren gleich eine ganze Reihe an wegweisenden Möbeln entworfen, von denen nun drei Exemplare vom Schweizer Unternehmen Horgenglarus wieder produziert werden. Der frühere Bauhaus-Student brachte Tische zum Tanzen und forderte mit einem intelligenten Formholzstuhl sogar Charles und Ray Eames heraus.  

Das Design ist eine riesige Fundgrube, in der immer wieder spannende Dinge ans Tageslicht befördert werden. Ein Werk, das bislang fast nur in Fachkreisen wahrgenommen wurde, ist das des Schweizer Gestalters Hans Georg Bellmann (1911–1990). Völlig zu unrecht, befanden die beiden Designforscher Joan Billing und Samuel Eberli. Die beiden Gründer der Agentur Design + Design organisierten im November 2015 eine umfangreiche Ausstellung über das Werk von Hans Bellmann im Architekturforum Zürich und publizierten parallel dazu seine erste Monografie.

Zurück in den Fokus 
Das Echo ließ nicht lange auf sich warten: Noch während der Ausstellungseröffnung wurde Marco Wenger, Geschäftsführer des Möbelherstellers Horgenglaurus von den Besuchern geradezu gelöchert: Warum sind die gezeigten Arbeiten, die das Unternehmen einst produziert hatte, nicht mehr erhältlich? So entstand die Idee einer dreiteiligen Reeditionen-Serie, die den nach wie vor von Horgenglarus gefertigten Einpunktstuhl ergänzen sollen: Der Stapeltisch aus dem Jahr 1954, der GA Stuhl aus dem Jahr 1955 sowie der Ateliertisch aus dem Jahr 1953.

Räumliche Verformung: GA Stuhl aus dem Jahr 1955, neu aufgelegt 2016 
Verbindende Leichtigkeit 
Der rote Faden im Werk von Hans Bellmann ist die Verwandlung von Holz: Anstatt sich in holzfällerischer Schwere zu verlieren, rang der Schweizer Gestalter dem Material eine verblüffende Leichtigkeit ab, die ihn auf eine Stufe stellt mit zwei weiteren Pionieren der Sperrholz-Verformung: Charles und Ray Eames. Vor allem der GA Stuhl, der 1955 bis 1970 von Horgenglarus produziert wurde, stellt die konstruktive Raffinesse unter Beweis, mit der der Schweizer Gestalter eine dreidimensional geformte Sitzschale aus Sperrholz kreieren wollte – ein Vorhaben, für das es bis dato keine technischen Erfahrungen gab. 

Seine Lösung basiert auf einer schlauen Teilung: Bellmann wählte eine etwas breitere Schale und durchschnitt sie in der Mitte. Bevor er sie mithilfe zweier Schrauben an einem Untergestell festzog, verdrehte er die beiden Elemente, sodass aus zwei gebogenen Flächen tatsächlich eine dreidimensionale Struktur wurde. Der Schnitt ist mehr als nur ein konstruktives Detail. Er trägt ebenso dazu bei, dass Licht durch die Rückenlehne hindurch wandern kann und das Möbel – das fortan den Spitznamen „Zweischalen-Stuhl“ erhielt – mit einer leichten, schwebenden Erscheinung aufwartet. 

Bauhaus und Vertreibung 
Bellmann, der am Bauhaus studiert hatte und als letzter Absolvent ein Möbeldiplom erhielt, bevor die Einrichtung durch die Nazis geschlossen wurde, arbeitete im Anschluss für kurze Zeit im Büro von Mies van der Rohe, bevor er zurück in die Schweiz übersiedelte. Aus Protest gegen das Nazi-Regime gab er 1936 seinen deutschen Pass ab und erhielt zwei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Schweizer Staatsbürgerschaft. 

Der Moderne blieb Hans Bellmann auch weiterhin verhaftet. Er war an der Schweizer Landesausstellung 1939 beteiligt und arbeitete bei verschiedenen Architekturbüros des Neuen Bauens, bis er 1946 sein eigenes Studio in Zürich gründete. Neben Möbeln für Horgenglarus gestaltete er ebenso Küchen für Therma und Waschbecken für Strässle. Parallel unterrichtete er an der Kunstgewerbeschule Zürich, an der HfG Ulm, der Allgemeinen Gewerbeschule Basel sowie an der University of Washington in Seattle. 
Schwebend leicht: Stapeltisch aus dem Jahr 1954, neu aufgelegt 2016 
Über den Wolken 
Ein weiteres Möbelstück Hans Bellmanns, das nun wieder in Produktion genommen wurde, ist der Stapeltisch aus dem Jahr 1954. Als Vorlage dienten jene Tabletts, auf denen in den Fünfzigerjahren Stewardessen kleine Aufmerksamkeiten an die Fluggäste verteilten. Bis zu fünf kompakte Tische ließen sich übereinander stapeln, die Bellmann in seinem Atelier zur Aufbewahrung seiner Zeichen- und Malutensilien sowie zum Abstellen einer Tasse Tee verwendete. 

Seine Leichtigkeit verdankt der Tisch den nach oben gebogenen Längskanten, die an einen sanften Flügelschlag denken lassen. Für wohnliche Atmosphäre sorgen Furniere aus Birke, Esche, Ahorn, Mahagoni oder Nussbaum, die sich vom schwarz lackierten oder verchromten Untergestell abheben. Statt die Kräfte mit senkrechten Füßen direkt nach unten abzuleiten, entschied sich Hans Bellmann für eine Schrägstellung. Die physische Präsenz des filigranen Möbels wird damit noch weiter zurückgenommen, während zugleich ein ungewolltes Verrutschen beim Be- und Entladen vermieden wird. 

Verzahnte Ecken 
Der Aufbau des Stapeltisches findet einen Vorläufer im Ateliertisch, der rund zwölf Monate früher entstand und nun ebenfalls von Horgenglarus wieder in Produktion genommen wurde. Ziel des Entwurfs war eine möglichst leichte Konstruktion, die mit wenigen Handgriffen demontiert und wieder zusammengebaut werden kann und somit auch für häufige Umzüge gewappnet ist. Zusätzliche Stabilität erhält der Vollholz-Rahmen durch beidseitig verzahnte Ecken, die Stöße sicher abfangen und die Stabilität der aus Eiche, Nussbaum oder Buche gefertigten Tischplatte erhöhen. Auch hier sorgt die Schrägstellung der Beine für einen leichten, federnden Auftritt, der bis heute nur den allerwenigsten Tischen der Designgeschichte zuteil wird. 

Ihrer Zeit voraus
Was bleibt, ist abermals die Erkenntnis, dass es „die“ Moderne gar nicht gegeben hat. Auch wenn berühmte Klassiker die Erinnerung dominieren, sind dennoch immer wieder spannende Entdeckungen zu machen. Die Möbel von Hans Bellmann sind eine doppelte Bereicherung: Sie zeigen zum einen, dass auch in der Schweiz zur vorherigen Jahrhundertmitte wegweisende Experimente mit Formholz gelungen sind. Und sie beweisen, mit welch spielerischer Leichtigkeit Holzmöbel gedacht und konstruiert werden können. Viele der heutigen Neuheiten können sich davon eine Scheibe abschneiden.

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