Sehnsucht nach dem Meer

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Brandstätter Verlag, Wien


Auffallend viele weibliche Wesen tummeln sich auf den Werbeplakaten der Tourismusindustrie. Sie räkeln sich lasziv in der Sonne, strecken ihre Beine wie beim Wasserballett gekonnt aus den Fluten, blicken versonnen auf die unendliche Weite des Meeres oder werfen weiße Margueritenblüten durch die Luft. Natürlich sind diese Damen nicht unbedingt züchtig gekleidet, sondern in schnittige Bikinis und sexy-knappe Neckholders gewandet oder werden von filigranen Stoffen umflattert, gepaart mit flotten, eng anliegenden Badekappen. Mit weiblichen Reizen ließ sich eben schon immer Aufmerksamkeit erzeugen.


Reisedestinationen am Meer bieten sich bekanntermaßen besonders an, um ihre Vorzüge mit freizügigen Frauenkörpern in Werbeanzeigen und auf Plakaten zu illustrieren. Ein im Wiener Brandstätter Verlag neu erschienenes Buch mit dem vielsagendem Titel „Sehnsucht nach dem Meer“ widmet sich eben dieser Plakatkunst zwischen 1890 und 1960. Der Leser begibt sich auf eine Reise, die von den Britischen Inseln, der Nord- und Ostsee über Südeuropa mit den Sehnsuchtsdestination Côte d’Azur, ligurische und adriatische Küste nach Spanien und Portugal führt.

Im Land, wo die Zitronen blüh‘n

Die Zeit, als künstlerisch ambitionierte Plakate für Reisedestinationen warben, sind zwar unwiderruflich vorbei, doch erzählen sie uns noch immer schöne, träumerische und sehnsuchtsvolle Geschichten aus der Welt des Reisens und der fernen Länder. Und dabei dienten die Reiseziele am Meer anfangs weniger dem Schwimmen und Sonnenbaden als dem Erholung suchenden Kränkelnden. Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Reisende unterwegs an die See, um in Kurheilbädern frische Luft zu schnappen und sich heilenden Behandlungen hinzugeben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts – im Zuge der Erfindung der Eisenbahn und der eleganten Ozeandampfer – begann die Entdeckung des Meeres und der am Meer liegenden Orte als Tourismusdestination.

Als sich das 19. Jahrhundert seinem Ende näherte, wurde mit zunehmendem ökonomischem Druck professionelle Werbung für Unternehmen und Hersteller unverzichtbar. Neben klassischen Tourismusorten kämpften auch Transportunternehmen wie Eisenbahnen und Reedereien um die Aufmerksamkeit des Publikums: Sie begannen ihre jeweiligen Attraktionen und Serviceleistungen über die Plakate – die sich oftmals auf ein vereinfachtes, aber realistisches Symbolbild konzentrierten – hervorzuheben und als Werbeträger zu nutzen.

Irisierende Bilder


Auch wenn die Plakate stilistisch und motivisch ganz verschieden sind – sie spielen doch immer mit der Sehnsucht des fröstelnden und semi-depressiven Nordeuropäers nach heißen sorglosen Sommertagen, lauen Mittelmeerwinden, türkisfarbenem Meer, lichtweißer Architektur, glamourösen Champagner-Diners und süßem Müßiggang. Als noch nicht jede Information im Fernsehen oder per Mausklick verfügbar war, wir noch nicht von Bilderfluten überrollt wurden – da spielte das Plakat eine bedeutende Rolle, nicht nur als Informationsträger, auch als Ideengeber und Sehnsuchtserzeuger. Und war zugleich auch immer verknüpft mit einem künstlerischen Anspruch.

Nicht nur gestalteten Künstler wie Matisse, Picasso oder Chagall veritable Kunstwerke, Grafikdesigner suchten die Allianz zwischen Bild und Schrift. Strömungen der Bildenden Kunst – sei es nun Impressionismus, Kubismus, Futurismus oder Expressionismus – sind über die Jahrzehnte deshalb auch immer an den Plakaten ablesbar. Sehr geometrisch und im wahrsten Sinne des Wortes plakativ geht es beispielsweise bei Gert Sellheim zu. Er wirbt auf einem 1936 entstandenen Plakat für das Reiseziel Australien und seine Badefreuden: Zwei blonde Wassernixen tummeln sich spiegelsymmetrisch in den Wellen und halten sich dabei an den Händen. Oder aber Walter Molino, dessen Plakatentwurf zwei Jahre später als Sellheims entstand und eine blonde Schönheit im sonnengelben Neckholder-Oberteil zeigt, die freudig weiße Blüten um sich wirft und dabei für die italienische Region Ligurien die Werbetrommel rührt.

Lachende, versonnen oder verträumt blickende Frauen – immer dem Schönheits- und Gesellschaftsideal der jeweiligen Zeit entsprechend – werden nicht nur umrahmt vom tosenden, stillen oder spiegelndem Meer – auch die umgebende Architektur und Landschaft spielt eine wichtige Rolle in der Bildkomposition. So schaut der Betrachter und Hoffentlich-Bald-Reisende durch ein geöffnetes Zugfenster auf ankernde Boote und steil aufragende Berge, wirbt das englische Clacton-on-Sea 1926 mit imposanter Bäderarchitektur (Henry George Gawthorn, Werbeplakat Clacton-on-Sea, 1926) oder erscheint das Nordseebad Sylt in einem Entwurf des Marinemalers Franz Korwan 1910 als jugenstilangehauchte Nixe.

Die Kunst der Plakatgestaltung

Es sind insbesondere die dreißiger, aber auch die fünfziger und sechziger Jahre, in denen Plakate von hoher künstlerischer und symbolischer Qualität entstanden. Der Fokus lag nun auf einer klaren Linienführung, griffigen Aussagen und konzentrierten Bildern. Während auf einem Plakat aus den Dreißigern Walter Molino ein elegantes, in geometrischen Formen gezeichnetes Paar für das istrische Abbazia werben lässt, zeigt ein Entwurf Mario Puppos aus den fünfziger Jahren den Golf von Sorrent. Nicht nur sind darauf Berge, Dorf und Meer stark abstrahiert in Vogelperspektive mit Orangen behängten Zweigen im Vordergrund dargestellt – das Motiv bildet geschickt ein Saiteninstrument als Umriss, das der Betrachter jedoch erst auf den zweiten Blick wahrnimmt.

Es lebe die Farbe!

Es gibt aber auch Plakate, die ganz ohne turtelnde Liebespaare, tänzelnde Frauenbeine oder sehnsuchtsvolle Blicke auskommen. Dubrovnik beispielsweise lässt 1935 allein zwei Palmen und die imposante Altstadt für sich sprechen. Der Grafiker Hans Wagula nutzt dazu eine Komposition, die einem Scherenschnitt ähnelt, aber Farbe ins Spiel bringt. Überhaupt ist Farbe für die Plakatkünstler neben der Schrift und der Form das wichtigste Stilmittel, um das Publikum vom Reiseziel zu überzeugen. Deshalb können Baumstämme schon einmal gelb leuchten (Georges Taboureau alias Sandy Hook, Werbeplakat Balearen, um 1935), wird munter zwischen Schwarz-Weiß-Fotografie und farbiger Illustration gewechselt (Paul Wolff, Plakat Norderney, um 1935) oder taucht die nordische Sonne ganze Landschaften in ein unwirkliches Licht (Hugo Feldtmann, Werbeplakat Norddeutscher Lloyd Bremen, 1935). Wer bei diesem Anblick nicht sogleich in die Ferne schweifen will – der ist selber schuld.


Weitere Informationen

Im Wiener Brandstätter Verlag ist ein reich illustriertes, 157 Seiten starkes Buch zum Thema Plakate und Reisen erschienen. Alle hier gezeigten Plakate stammen aus dieser Publikation:

Johannes Thiele: Sehnsucht nach dem Meer. Reisen, um glücklich zu sein. Wien (Christian Brandstätter Verlag) 2012.

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