Serie oder nicht Serie?

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Text: Norman Kietzmann


Am 21.03.2009 wurde die zweite Dauerausstellung des Mailänder Triennale Design Museums unter dem Titel "Serie Fuori Serie" eröffnet. Das Ergebnis: eine schlüssig kuratierte Inszenierung, die
Entwürfe für die Serie mit Unikaten und Kleinserien in Beziehung setzt.

Als in der Mailänder Triennale im Dezember 2007 das erste Designmuseum Italiens eröffnet wurde, waren die Erwartungen groß. Vielleicht ein wenig zu groß für die erste Ausstellung, die von Michele De Lucchi und Peter Greenaway aufwändig in Szene gesetzt worden war. Die Frage „Was ist italienisches Design?“ vermochten sie vor allem aus postmoderner Sichtweise zu beantworten, und vergaben damit die Chance, das Design der Gegenwart mit einzubinden. Dabei war ihr Scheitern womöglich schon im Titel ihrer Ausstellung vorweggenommen, der sie auf den Irrweg nationaler Beweihräucherung führte. Denn was ist das italienische Design heute, wenn nicht längst schon international? Wären die Erfolgsgeschichten von Unternehmen wie Cassina, B&B Italia oder Cappellini heute überhaupt noch denkbar ohne den kreativen Input ausländischer Designer?

In der Gegenwart angekommen

Es ist erfrischend zu sehen, wie die zweite Inszenierung diesen Sprung nun vollzieht. Anstatt sich in nationaler Selbstfindung zu verlieren, ist sie jenem Gegensatz gewidmet, der nicht nur das italienische Design seit seinen Ursprüngen bestimmt: dem scheinbaren Widerspruch von Unikat und Serie. Erfährt dieses Thema heute durch den anhaltenden Erfolg limitierter Editionen besondere Aktualität, gehören Kleinserien und von Hand gefertigte Einzelstücke in Italien ganz selbstverständlich zum Vokabular des Nachkriegsdesigns dazu. Für viele Hersteller und Designer dienten diese zugleich einem ganz konkreten Zweck, der über das reine Ausleben von Träumen hinausging. Schließlich boten die exklusiven Einzelstücke die Möglichkeit, neue Technologien, Formen und Typologien zu erproben, die bei einem Massenartikel wohl kaum eine Chance gehabt hätten. Konzentrierte sich das Design in Deutschland ab den Fünfziger Jahren immer mehr auf die pragmatischen Erfordernisse des Alltages und gab damit auch ganz bewusst ein Stück von jener visionären Schwungkraft auf, die noch die Zeit am Bauhaus bestimmte, wurde das Experiment umso mehr zu einem Merkmal des italienischen Designs.

Der Geist des Experimentellen

Für Andrea Branzi – dem einstigen Gründer der avantgardistischen Sechziger-Jahre-Gruppe „Archizoom“ und heutigen Kurator des Triennale Design Museums – steht das Experiment auch als eigentliches Thema über dieser Ausstellung. Und so werden die Besucher, wenn sie das Museum über eine schmale Brücke von Mario Botta betreten haben, von zwei Ungetümen empfangen, die eher einem Jules-Verne-Roman entsprungen zu sein scheinen als der Zeichenfeder eines Industriedesigners: Auf der einen Seite der Alfa Romeo „40-60 HP Aerodinamica“ von 1914, der mit seiner ungewöhnlichen Tropfenform wie ein U-Boot anmutet und doch auf der Straße erstaunliche 139 Kilometer pro Stunde erreichen konnte. Daneben das Miniflugzeug „Vetivolo Lucy“, das der Mailänder Flugzeugbauer Pietro Terzi 2009 zur Serienreife entwickelte und aufgrund seiner geringen Größe und Gewicht auch auf extrem kurzen Bahnen starten und landen kann.

Neue Verantwortung

Hat der Besucher die beiden Ungetüme passiert, begegnen ihm auf schlichten weißen Tischen die Dinge des tägliche Gebrauchs. Antonio Citterio hat hierbei eine angenehm zurückhaltende und doch nicht nicht unterkühlte Ausstellungsarchitektur entworfen. Die Produkte werden stets in kleinen Gruppen präsentiert und selbst bei denen, die unter Boxen aus Glas geschützt werden, wird die staubige Distanz konventioneller Museumspräsentationen vermeidet. Erfolgt der Auftakt mit einer gehörigen Spur Dramatik, werden hier zwei Themen in den Mittelpunkt gerückt, der bisher in Italien nur bedingt eine Rolle spielten: Nachhaltigkeit und Ökologie. Über 70 Prozent des Energieverbrauchs eine Produktes – so wird auf einer Infotafel erklärt – werden bereits während des Designprozesses festgelegt. Die Beispiele, wie bewusstes und nachhaltiges Design aussehen kann, wirken glücklicherweise alles andere als „öko-spießig“: zum Beispiel das Fahrrad „Ricicletta“ von Ciac, das zur Hälfte aus recycelten Metallresten gefertigt wurde oder Stephen Burks' bunter Hocker aus der „Cappillini Love Collection“, bei dem zerschredderte Hochglanzmagazine zu neuem Leben erweckt wurden. Mit dem elektrogetriebenen Fiat „Phylla“ (2008) sowie dem Einrad-Fahrrad „Ciclo“ von Luca Schippati (2005) werden weitere Fortbewegungsobjekte präsentiert, die das Gesicht der Städte klimagerecht verändern könnten.

Riva vs. Ferrari

Weit weniger umweltbewusst, doch dafür umso eleganter beginnt der Rundgang durch die Ausstellung, die sich in einem halbkreisförmigen Ring um einen offenen Lichthof aufreiht. Als Beispiele für ein Design jenseits der großen Serie erwarten die Besucher zwei Ikonen italienischer Lebensart: Die Riva „Sebino 36“ von 1952 sowie der Ferrari „P6“ von 1968. Blieb der von Pininfarina gestaltete Ferrari nicht mehr als eine unausgeführte Designstudie, markiert die Riva – trotz ihres Status als reines Luxusobjekt – den Übergang von der Einzelanfertigung zur Serienproduktion im Bootsbau. Ganze 119 Exemplare des edlen Mahagoni-Bootes sind in den Jahren 1952 bis 1957 gebaut worden. Auch hierin sieht Andrea Branzi ein wesentliches Merkmal des italienischen Designs: selbst serielle Produkte mit der Aura handgefertigter Einzelstücke zu umgeben. Von den Unikaten geht die Ausstellung über zur Rubrik der Kleinserien, darunter der „Corallo“-Sessel der Campana-Brüder (2004) oder Enzo Maris Kinderspielzeug „16 animali“ (1957). Der folgende Abschnitt, der den Produkten der Großserie gewidmet ist, beginnt mit Vorhersehbarem wie dem Sitzsack „Sacco“ von Gatti Paolini Teodoro (1967) oder Michele De Lucchis „Tolomeo“-Leuchte (1987), die zusammen mit Richard Sappers „Tizio“ (1988) sogar als frühes Funktionsmodell aus den Werkstätten des Designers zu sehen ist. Auch Klassiker wie der Borsalino-Hut der Dreißiger Jahre, Joe Colombos Kunststoffstuhl "Universale" (1968) oder der "Fiat 600" von Dante Giacosa (1954) finden sich unter den Exponaten. Dass die Ausstellung nicht chronologisch verläuft und immer wieder Wechselwirkungen zwischen historischen Vorläufern und dem Design der Gegenwart herstellt, macht sie schlüssig und lebendig zugleich.

Geweitete Perspektive

Und noch etwas unterscheidet diese zweite Etappe des Triennale Designmueums von ihrer ersten. So finden sich vor allem unter den Produkten der vergangenen zehn Jahre immer häufiger Gestalter wieder, die wie Ross Lovegrove, Naoto Fukasawa oder Zaha Hadid außerhalb Italiens leben und arbeiten. Ein Zeichen dafür, dass sich der Anteil des Italienischen im Design immer stärker auf die Seite der Produzenten verlagert, während die Gestaltung zunehmend global bestimmt wird. Auch wenn sich Mailand noch lange nicht um seine Stellung als Zentrum der Designwelt sorgen muss, verbindet sich mit dieser Erkenntnis zugleich auch eine klare Warnung. Denn während Nationen wie Holland, Frankreich oder Großbritannien derzeit reihenweise neue Köpfe hervorbringen, geht Italien zunehmend der kreative Nachwuchs aus. Aber spielen solche Fragen überhaupt noch eine Rolle in Design? Auch wenn sich die Kuratoren Mühe geben, es nicht ganz so offen zu betonen: Sie haben indirekt eine überaus schlüssige Definition davon gegeben, was das italienische Design heute ist: ein internationales Produkt, das mit einem italienischen Etikett verkauft wird.


Triennale Design Museum
„Serie - fuori Serie“
Viale Alemagna 6, Mailand
noch bis Januar 2010
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