Spielerische Wasserplätze

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Text: Katharina Horstmann


Kanäle, Flüsse, Seen und Meere: Einerseits bestimmen sie den topografischen Charakter ihrer Ufer, formen Städte und werden genutzt für Industrie, Handel und Transport. Andererseits dienen sie als Schauplätze moderner Architektur und Landschaftsplanung, die einer Stadt oder Region mitunter helfen, spielerisch die Wahrnehmung des heimischen Gewässers zu verändern – und das mal verbindend, mal irreführend, mal singend.
 
 
Bekanntlich hat der Blick aufs Meer eine außerordentlich starke Anziehungskraft: Wasser und Wellen, Himmel und Wolken, und dazwischen der Horizont – viel mehr ist es nicht, und trotzdem können wir dieses Bild stundenlang und immer wieder aufs Neue betrachten. In der Stadt befinden wir uns bei der Betrachtung vorwiegend auf einer Uferpromenade. Sie definiert nicht nur die Grenze zwischen Meer und Land, vielmehr ist sie auch eine Einladung zu Müßiggang und Kontemplation.
 
Stadtprägende Uferpromenaden

 
Dieses Stichwort ruft schnell die traditionsreichen Flaniermeilen Promenade des Anglais in Nizza oder die Croisette in Cannes in den Sinn, vielleicht gefolgt von Roberto Burle Marx’ grafisch schön angelegter Copacabana in Rio de Janeiro. Doch auch aktuellere Projekte wie der von Carlos Ferrater neu geplante Paseo de Poniente im spanischen Benidorm oder die Riva in Split stehen ihren prominenten Vorbildern in nichts nach.
 
Neutrale Bühne
 
Die Riva gehört zum UNESCO-Welterbe und grenzt im Norden an den Diokletianspalast. Sie wurde kürzlich vom Zagreber Architekturbüro 3LHD in Zusammenarbeit mit dem Designkollektiv for use saniert und umgestaltet. Wichtig war den Architekten, sich dabei den existierenden Bauten anzupassen. Dementsprechend wollten sie weniger neue Elemente zu den bereits existierenden hinzufügen, sondern vielmehr eine neutrale „Bühne“ schaffen, die auf der einen Seite Raum bietet für die zahlreichen Veranstaltungen, Märkte und Müßiggänger, und die andererseits eine Verbindung zwischen diesen schafft.
 
Modulares Labyrinth
 
Die Neugestaltung basiert auf einem ebenerdigen Modul von 150 mal 150 Zentimetern, das immer wieder variiert: Mal ist es bepflanzt oder beherbergt eine Palme aus altem Bestand, mal besteht es aus einer Anreihung von hellen Natursteinfliesen, aus der ab und an eine schräg nach oben hervorsticht und zum Fuß einer weißen Holzbank wird; und mal umfasst sie eine indirekte Beleuchtung oder auch nur einen Mülleimer. Zu dem Wechselspiel aus Modulen, das auf eine schlichte Weise eine urbane Parklandschaft schafft, erhielten die an die Promenade angrenzenden Restaurants und Cafés ein homogenes Erscheinungsbild: Sie bekamen einheitliche Terrassen unter mobilen weißen Markisendächern, die vor Wind und Regen sowie vor der Sonne schützen und bei Festivals oder anderen größeren Veranstaltungen entfernt werden können, um Raum zu schaffen.
 
Raumgreifendes Klangbild
 
Auch Zadar, nur 150 Kilometer nördlich von Split, wurde in den vergangenen Jahren eine Neugestaltung des Gestades zuteil – und zwar mit einer „Meeresorgel“. Der Entwurf des Architekten Nikola Basic wirkt mit seinen breiten Sitzstufen aus weißem Beton von Außen völlig unscheinbar, doch er verbreitet harmonische Klangbilder. Diese entstehen mittels 35 Röhren, die etwa 70 Meter lang und in die stufenförmig betonierten Uferpromenade eingebaut sind. Durch das Ein- und Ausfließen des Wassers werden in ihnen Töne erzeugt, die die Wellen des Meeres als Geräusch nachgeben und über verschiedene Öffnungen entweichen.
 
Wässriger Gezeitenspiegel
 
Für Santa Cruz, Teneriffas Hauptstadt, hat das Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron ein städtebauliches Konzept entwickelt, das die Innenstadt mit dem Hafen verknüpft. Unter anderem bindet das Projekt die Plaza de Espana, den wichtigsten Platz der Stadt, ein. Den neuen Mittelpunkt bildet ein kreisförmiges, bis zu einem Meter tiefes Wasserbecken, dessen Wasserspiegel sich analog zu den Gezeiten ändert und aus dessen tiefstem Punkt eine bis zu 30 Meter hohe Wasserfontäne sprüht. Die dreieckige Form des Platzes nachzeichnend wurden rings um das Bassin Bäume gepflanzt. Neben diesen umfasst die Platzgestaltung auch mehrere kleine, aus schrägen Flächen gebildete Pavillons aus schwarzem Stein, die – als Referenz an das Vulkangestein der Insel – als aufgebrochene Lavaplatten aus dem Boden „wachsen“. Zwei von ihnen berühren dabei den Beckenrand. Ihre schwarze Oberfläche steht im Kontrast zum hellen Boden des mit 2.500 Kubikmetern Wasser gefüllten Beckens und ist teilweise – nach einem Konzept des französischen Botanikers Patrick Blanc – mit Flechten, Moosen und Kakteen bewachsen.
 
Illegales Sprungbrett
 
Nicht einem Felsgestein nachempfunden, dafür aber auf einem etwas ungewöhnlichen Baugrund angelegt, ist der Dania Park im schwedischen Malmö. Die 20.000 Quadratmeter große Uferanlage, die von Thorbjörn Andersson und PeGe Hillinge des Büros SWECO aus Stockholm entworfen wurde, befindet sich auf einer ehemaligen Deponie entlang des Öresund, der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden. Das verunreinigte Gelände war für große Baum- und Pflanzenbebauungen ungeeignet. Stattdessen schufen die Architekten eine Reihe von Terrassen, erhöhten Plattformen, Balkonen und Rasenflächen. Das Hauptmerkmal des Entwurfs sind drei breite Stufenpfade aus Beton, die zwischen die Felsen am Wasser eingelassen wurden.
 
Neben einem bequemen Zugang zum Meer bieten sie eine Vielzahl an Sitz- und Liegemöglichkeiten. Zudem gibt es im hinteren Teil des Parks drei Balkone – oder Holzboxen –, die zu einer großen Rasenfläche ausgerichtet sind, sowie zur Seeseite hin eine 40 mal 40 Meter große Aussichtsplattform. Letztere umfasst eine sechs Meter lange Brücke, die über das Wasser kragt und das Gefühl vermittelt, in den Horizont einzutauchen. Nicht genehmigt, aber dafür umso beliebter wird sie gerne als Sprungbrett genutzt; die hölzernen Wände der Plattform dienen wiederum zum klettern ans Land.
 
Uferanlagen sind somit nicht nur eine Einladung zum Müßiggang, die bequeme Gehwegflächen und ausreichend Sitzmöglichkeiten bieten. Ihre große Gestaltungsvielfalt zeigt, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Wasser sehr oft um die künstlerische Inszenierung von Naturphänomenen geht, die das Element in verschiedensten Formen darstellt oder integriert – und das mitunter überraschend.

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