Spoileralarm am Comer See: Concorso d’Eleganza 2016

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Text: Norman Kietzmann

Die schönsten Autos und Motorräder kreisen um den Comer See. Im Grand Hotel Villa d'Este sowie im Garten der Villa Erba trafen am Wochenende erneut die Liebhaber rollender Preziosen zusammen: für den seit 1929 ausgetragenen Concorso d’Eleganza, den Wettbewerb automobiler Eleganz. Unter dem Motto „Back to the Future – the Journey continues“ wurden erstmals auch die achtziger Jahre ins Sammlerauge gefasst.

Es gibt nur wenige Orte, die der Zeit so entrückt sind, wie die Villa d’Este Ende Mai. Wenn sich die Sammler und Liebhaber rollender Kostbarkeiten zum alljährlichen Concorso d’Eleganza einfinden, ist die Gegenwart weit entfernt. Im Garten des Grand Hotels sind dann einige der wertvollsten Autos der Welt zu bestaunen. Das Besondere: Die gesamte Szenerie könnte in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren genauso aussehen – wäre da nicht eine kleine Sonderschau mit aktuellen Rolls-Royce-Modellen, die in ihren bulligen Dimensionen wie Außerirdische wirken inmitten der Filigranität und Anmut, die den historischen Wagen noch immer innewohnt.

Der Concorso d’Eleganza ist mehr als ein Fest für Nostalgiker. Er öffnet den Blick auf die Essenz des Automobildesigns. Gestaltung aus einer Zeit, als Marketing noch ein Fremdwort war und Wertigkeit nicht mit Fettleibigkeit verwechselt wurde. Fast alle Anwärter in diesem Wettbewerb der Eleganz kommen in filigranen Dimensionen und perfekt austarierten Proportionen daher. Understatement und Vernunft sind hier die Schlüssel zu zeitloser Schönheit. Vor der Kulisse der Villa d’Este und des Comer Sees gewinnt das Treffen zusätzlich an Reiz. Während auf dem Wasser hölzerne Rivas ihre Runden drehen und knatternde Wasserflugzeuge die VIPs durch die Lüfte chauffieren, sind die Sorgen dieser Welt außen vor.

Rollende Anlagen
52 historische Autos, 6 Konzeptfahrzeuge und 30 Motorräder waren beim diesjährigen Concorso zu sehen. Warum das Interesse an historischen Fahrzeugen in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, liegt auf der Hand. Schließlich geben Banken kaum noch Zinsen und Autos sind lukrative Anlageprojekte geworden – vorausgesetzt, sie erfüllen das heiß gefragte Segment der Kleinserien und Raritäten. Wer hier nach Einstiegsmöglichkeiten sucht, sollte allerdings ein üppiges Budget auf Kante haben. Seltene Ferraris und Aston Martins sind häufig nur noch im zweistelligen Millionenbetrag zu ergattern. Dieser Umstand führte sogleich zu Abzügen in puncto Eleganz. Der Grund: Weil die Versicherungen nasse Füße wegen der Werte einiger Fahrzeuge bekamen, durften sich diese der siebenköpfigen Jury und dem erlesenen Publikum nur mit temporären Stoßstangen präsentieren.

Porsche 550 RS mit extravantem Spoiler 1955
Elegante Außenseiter
Unter den 27 Marken, die diesmal am Comer See zusammentrafen, fanden sich nicht nur Evergreens wie Ferraris, Maseratis oder Bugattis wieder. Es gab auch spannende Außenseiter zu sehen wie den 1968er Bizzarrini GT Europa 1900, von dem überhaupt nur elf Stück gebaut wurden. Bevor der Konstrukteur Giotto Bizzarrini seine Karosserieschmiede in Livorno eröffnete, war er in den fünfziger Jahren als Chefingenieur bei Ferrari tätig. Der GT 1900 war als erschwinglicher Sportwagen konzipiert, der von einem recht unspektakulären 1,9-Liter-Opel-Motor angetrieben wurde. Doch dafür konnte der Wagen mit einer perfekt durchkomponierten Karosserie aufwarten, deren fließende Konturen und stimmige Proportionen den Großteil aller anwesenden Ferraris alt aussehen ließ.

Spoiler aus der Schweiz
Auch Skurriles dufte bei diesem Concorso nicht fehlen: Für Aufsehen sorgte ein modifizierter Porsche 550 RS aus dem Jahr 1955, der dem Schweizer Ingenieur Michael May gehörte. Dieser hatte in den fünfziger Jahren erstmals Tests mit einstellbaren Spoilern unternommen, die längst nicht nur auf dem Heck saßen. May platzierte einen großen, wuchtigen Spoiler über seinen Porsche 550 RS, der wie eine exzentrische Überdachung der offenen Fahrerkabine wirkte. Als May mit dieser Konstruktion 1956 die Testfahrt für das 1.000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring absolvierte, erregte er die Gemüter seiner Kontrahenten – die schließlich ein Verbot des extravaganten Metallsegels erwirkten. May rächte sich auf seine Weise: Als er später Berater von Ferrari wurde, sorgte er maßgeblich dafür, dass Spoiler in die Welt der Formel 1 einzogen.

Best of Show
Den begehrten „Best of Show“-Preis der Jury konnte diesmal ein Maserati A6 GCS aus dem Jahr 1954 für sich entscheiden. Die Karosserie ist 1952 von Aldo Brovarone zunächst für einen anderen Auftraggeber angefertigt worden: Die in den vierziger Jahren gegründete Automarke Cisitalia. Auch nach deren Konkurs glaubte Brovarone weiterhin an das Konzept und stellte es Batista „Pinin“ Farina vor. Dieser zeigte sich begeistert und übertrug das Design auf den Maserati A6 GCS, von dem nur vier Stück gebaut wurden. Der Publikumspreis Coppa d’Oro ging unterdessen an einen 1933er Lancia Astura Serie II, der die Tropfenform in Perfektion erfüllt. Die Karosserie wurde von der Manufaktur Castagna entwickelt und sorgt mit den weit vorgestellten Vorderrädern und einer konkav geformten Front für Aufsehen.

Disko-Schlitten auf dem Vormarsch 
In der Klasse H (Driven by Excess – From Glam Rock to New Wave) wird der traditionelle Sammlerfokus von den zwanziger bis sechziger Jahren in den Bereich der Youngtimer übertragen. Einen spektakulären Auftritt konnte der 1976er Lamborghini LP400 Countach hinlegen. Das Fahrzeug gehörte Walter Wolf, einem amerikanischen Öl-Magnaten mit österreichischen Wurzeln, der eine ganze Kollektion von Countach-Modellen sein eigen nannte – und schließlich eine Reihe an Sonderwünschen in Auftrag gab. Die extrem breiten, eines Formel-1-Wagens würdigen Reifen (Wolf besaß nebenbei auch die Formel-1-Rennställe Hesketh Racing und Williams) sowie die markanten Goldfelgen mit den fünf großen Löchern sind später von Lamborghini auch ins reguläre Sortiment der Sonderausstattungen übernommen worden. Ingesamt drei Exemplare dieses manieristischen Disko-Schlitten sind gebaut worden, der in seiner originalen, tiefblauen Lackierung noch immer nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. 
Lamborghini LP 400 Countach "Walter Wolf" / 1976
Zurück in die Achtziger
Nach den siebziger Jahren rückt vorsichtig auch das Jahrzehnt der Schulterpolster in den Fokus. Passenderweise wurde am Samstag in der Villa Erba eine Back to the Future-Party gefeiert. Zu den rollenden Raritäten aus diesem Jahrzehnt gehört eine Sonderanfertigung des Ferrari Testarossa aus dem Jahr 1986. Insgesamt zwölf Exemplare des 1984 vorgestellten Serienmodells, das als Dienstwagen von Sonny Crockett in der Kultserie Miami Vice Berühmtheit erlangte, sind von Pininfarina umgestylt worden. Eine offizielle Abnahme erhielt allerdings nur ein einziges Exemplar, das direkt von Ferrari in Auftrag gegeben wurde und Gianni Agnelli anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums als Fiat- und Ferrari-Chef übergeben wurde – mit dem bis heute gültigen Kennzeichen TO 00000G.

Goldene Scheinwerfer
„Die Autosammler kaufen in der Regel das, was sie als kleines Kind gesehen haben. Natürlich gibt es immer noch Liebhaber von Vorkriegsautos. Doch wir sind nun definitiv in den siebziger und frühen achtziger Jahren angekommen“, sagt Adrian van Hooydonk, Chefdesigner der BMW-Group. Die Münchner Automarke hat nicht nur die Schirmherrschaft des Concorso d’Eleganza übernommen, sondern präsentiert anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums eine Hommage-Designstudie an einen Klassiker aus dem Jahr 1973: den 2002er Turbo. Das Original besitzt mit seiner nach vorne geneigten Haifischnase und der umlaufenden Chromleiste eine klare Vorwärtsdynamik. „Der Wagen wurde seinerzeit als frech empfunden. Doch um frech zu sein, muss man heute etwas lauter sein als 1973, weil alle Autos sehr viel expressiver geworden sind“, begründet Adrian van Hooydonk das martialische Design mit fließenden Front- und Heckspoilern sowie vergoldeten Scheinwerfern.

Zurück zur Eleganz
Ist die Serienfertigung des Fahrzeugs noch ungeklärt, denkt der Designchef längst weiter: „Wir wollen nach wie vor sehr charakterstarke Entwürfe machen. Doch wir arbeiten schon eine Weile daran, wieder mit weniger Linien auszukommen. Das wird man in der nächsten Zeit in unseren Serienprojekten sehen“, sagt Adrian van Hooydonk. Und so kreiert der Concorso d’Eleganza nicht nur eine Zeitblase automobiler Schönheit. Die Klarheit und Leichtigkeit der historischen Kostbarkeiten vermag vielleicht sogar dem Automobildesign von heute wieder zu dem zu verhelfen, was in den letzten Jahren ein wenig zu kurz gekommen ist: Eleganz.

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