Urbanes Leben – lebenswerte Städte

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Text: Katja Neumann


Die öffentliche Beleuchtung in einer Stadt erfüllt mehrere Anforderungen: Sie dient als Straßenbeleuchtung und damit als Sicherheitsfaktor im Verkehr. Sie erhellt Bürgersteige, Fußwege sowie Grünanlagen und bietet damit ein Sicherheitsgefühl für Fußgänger. Zu guter Letzt verschönert kunstvolle Beleuchtung das Stadtbild, indem beispielsweise Fassaden oder Plätze illuminiert werden. Dass Licht eine wichtige Rolle bei der Attraktivität von Städten spielt, steht also außer Frage. Doch welche Faktoren sind es darüber hinaus, die eine Stadt lebenswert machen? Was macht die Identität einer Stadt aus, und warum sind manche Städte beliebter als andere? Diesen und weiteren Fragen rund um Urbanität und Leben widmete sich das von Philips veranstaltete Symposium „Urbanes Leben – lebenswerte Städte“, das am 9. November 2010 in der Essener Zeche Zollverein stattfand. Verschiedene Experten beleuchteten dabei in Vorträgen, Podiumsdiskussionen und anhand konkreter Beispiele, wie lebenswerte Städte gestaltet werden können und wie urbanes Leben im 21. Jahrhundert aussehen könnte – und sollte.


Die Hälfte der Menschheit lebt schon heute in Städten. Der Trend zur Urbanisierung und die damit eingehende Landflucht sind weltweit ungebrochen. Grund genug, sich eingehend damit zu befassen, was die Qualität einer  Stadt eigentlich ausmacht. Sind es die Bürger, das Lebensgefühl, die Atmosphäre? Welche Rolle spielen soziale und ökonomische Faktoren bei der Beliebtheit einer Stadt? Und welche Trends bestimmen die Zukunft, welche Konzepte machen eine Stadt lebenswert? Dass es bei diesen Fragestellungen nicht nur um Licht und Beleuchtung gehen kann, erklärte Andreas Wente von Philips in seiner Begrüßung: Für sein vielseitig aufgestelltes Unternehmen sei es wichtig, Trends frühzeitig zu erkennen. Licht sei damit nur am Rande ein Thema dieses Symposiums und dies ganz bewusst. Im Vordergrund stehe der Dialog mit Vordenkern.

Die Trends der Zukunft

Das Symposium war in drei Themenbereiche gegliedert. Der erste Teil widmete sich den Bürgern und ihren Erwartungen an die Stadt. Peter Wippermann, Trendforscher und Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität sowie Gründer des Hamburger Trendbüros, erläuterte in seinem ebenso unterhaltsamen wie informativen Vortrag, welche vier großen gesellschaftlichen Trends die Beziehung zwischen Bürgern und ihrer Stadt in Zukunft prägen werden: Da ist zum einen der demografische Wandel, sprich, die „Überalterung“ unserer Gesellschaft und zugleich die immer weiter erodierende Mittelschicht, was zur Folge hat, dass junge Menschen zunehmend in die Metropolen strömen, wohingegen sich ländlichere Regionen und wirtschaftlich weniger erfolgreiche Städte auf Bevölkerungsschwund einstellen müssen. Die zweite große Veränderung, die die drei weiteren Trends bedingt, ist die mobile Kommunikation insbesondere über Smartphones. Neben einer stärkeren kommunikativen Aktivität des Einzelnen, die zunehmend die Grenzen zwischen Arbeiten und Freizeit, On- und Offline verschwimmen lässt, verlagern sich auch die traditionellen Medien und Märkte mehr und mehr ins Internet. So wird in Zukunft nicht mehr nur das reale Stadtbild wahrgenommen werden, sondern über „Apps“ und „Augmented Reality” um weitere Realitätsdimensionen angereichert: In Zukunft sagt das Smartphone, welcher Freund mir welches Geschäft in der Innenstadt empfiehlt und wo genau das Paar Schuhe zu finden ist, das gesucht wird. Und den Freund findet man bei Bedarf schließlich auch im Café zwei Straßen weiter. Diese Entwicklung hat auch Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse. Schon heute finden sich über das Internet spontane „Flash-Mobs“ zusammen, immer mehr Menschen können sich kurzfristig organisieren und für oder gegen etwas agieren – aktuell zu sehen an den „Stuttgart 21“-Demonstrationen, deren Protagonisten das Internet für ihre Anliegen zu nutzen wissen – wortwörtlich schneller als die Polizei erlaubt. So sieht Peter Wippermann auch die Notwendigkeit für Kommunen, ihre Bürger in Zukunft stärker in politische Entscheidungsprozesse einzubinden.

Die Identität einer Stadt

Der zweite Teil befasste sich mit der Frage nach der Identität. In einem Interview mit Martina Löw, Professorin für Regional- und Stadtsoziologie an der TU Darmstadt und dem Architekturtheoretiker, Künstler und Kurator Michael Zinganel zur Frage, was eine Stadt eigentlich ausmacht, verdeutlichte vor allem Martina Löw, dass eine Identität nicht durch herkömmliche Stadtmarketing-Maßnahmen oder eben „am Reißbrett“ entstehen kann, sondern nur im Dialog mit den Bürgern. Diese seien, aller Globalisierungstrends zum Trotz, nach wie vor in ihrer Stadt verwurzelt und identifizierten sich mit ihr – deutlich werde dies unter anderem an der Tatsache, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland noch immer in einem Umkreis von 25 Kilometern seines Geburtstorts lebt. Eine „Identität“ lässt sich folglich den Bürgern nicht einfach „überstülpen“ – schließlich wird aus einer farblosen Ruhrgebiets-Stadt auch durch ein modernes Einkaufszentrum keine schillernde Metropole. Im Endeffekt waren sich Löw und Zinganel einig, dass individuelle Besonderheiten von den Stadtplanern aufgegriffen werden sollten und  Bürger aktiv in den Dialog und in Entscheidungsprozesse mit einzubinden seien.

Licht in der Stadt

Teil drei, der sich mit dem Thema „Öffentlicher Raum“ befasste, läutete der Architekt Peter Brdenk ein, der in seinem Vortrag darauf einging, welche Rolle Licht in der Stadtplanung einnimmt. Von 2001 bis 2006 selbst Lichtkoordinator der Stadt Essen stellte er dar, dass Architektur sich in der Regel am Erscheinungsbild der Stadt bei Tageslicht orientiert und verdeutlichte anhand einiger Beispiele, dass die „Nacht-Architektur“ in Städten, sprich die Illumination von Gebäuden, aber auch Plätzen und Straßen, oft vernachlässigt werde, obwohl ihr der gleiche Stellenwert beizumessen sei. In der anschließenden Podiumsdiskussion mit  Peter Brdenk, der Architektin Anna Rose aus London, Matthias Koziol, Professor für Stadttechnik an der TU Cottbus, und Brigit Wehrli-Schindler, Direktorin für Stadtentwicklung Zürich, wurden insbesondere verschiedene Gestaltungsspielräume für Lichtgestalter und -designer thematisiert. Während Peter Brdenk Licht vor allem als Mittel zur Inszenierung sieht, lenkte Anna Rose den Blick auf den Sicherheitsaspekt von Licht. Auch hier sei es wichtig auf die Vorstellungen und Bedürfnisse der Bürger zu achten und diese in die Lichtplanung einzubeziehen. Dafür plädierte auch Prof. Koziol, der bei seiner Tätigkeit als Stadtplaner in Cottbus erlebte, wie positiv öffentliche Lichtinstallationen und der experimentelle Umgang mit Räumen das städtische Leben beeinflussen. Die „Macht“ der Bürger schilderte auch Brigit Wehrli-Schindler am Beispiel einer neuartigen Weihnachtsbeleuchtung, die in Zürich eingeführt, nach dem Protest der Bürger jedoch wieder entfernt wurde.

„Best Practice“ und Zufriedenheits-Studie

Dass eine Stadt auch mit herkömmlicher Weihnachtsbeleuchtung attraktiv sein kann, erläuterte Stadtdirektor Hartwig Schultheiß am Beispiel seiner Stadt Münster, die 2004 als lebenswerteste Stadt der Welt mit dem LivCom-Award ausgezeichnet wurde. So zeigte Schultheiß, wie auch aus einem innerstädtischen „Schandfleck“ durch vielfältige Architektur, intelligente Raumlösungen und vor allem durch die Integration der Bürger in Entscheidungsprozesse ein attraktives städtisches Areal werden kann. Schultheiß betonte schließlich als Besonderheit die außergewöhnliche und tief verwurzelte Identifizierung der Münsteraner Bürger mit ihrer Stadt.
Abschließend stellte Andreas Wente noch einige interessante Ergebnisse des „Philips Health & Wellbeing Index“ vor, eine von Philips in Auftrag gegebene, repräsentative Forsa-Studie, die der Frage nachging, was die Deutschen zufrieden macht. So sind Gesundheit und Lebensumfeld beispielsweise wichtiger als der Beruf oder Urlaub. Auch eine gepflegte und sichere Wohngegend ist 91 Prozent der Befragten wichtig für ihre persönliche Zufriedenheit. Und dass auch Licht im Leben der Deutschen eine wichtige Rolle spielt, zeigt die Befragung: immerhin 71 Prozent gaben an, dass Licht und Beleuchtung einen spürbaren Einfluss auf ihr Wohlbefinden haben.

So wurde das Thema an diesem Tag von vielen Seiten beleuchtet, doch im Endeffekt kamen fast alle Beteiligten zu einem Fazit: Nicht nur aufgrund der veränderten technischen Bedingungen sollten die Bürger bei Entscheidungen zur Stadt- und auch zur Lichtplanung stärker mit einbezogen werden. Zudem sollte das vorhandene „Wir-Gefühl“ für die städtische Identität genutzt und nicht durch ein „von oben" gewünschtes Image unterdrückt werden. Und schließlich beleben die Bürger ihre Städte nicht nur, sie gehen im schlimmsten Fall auch mit ihnen unter, wie es Martina Löw schilderte: Auch bei Städten gibt es Gewinner und Verlierer – und wird es in Zukunft sogar noch mehr geben, sei es hinsichtlich Attraktivität, Zuzug oder Wachstum. Ein weiterer Grund also, neuen Konzepten in der Stadtplanung mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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