Stockholm Furniture Fair 2015: Die Möbelflüsterer

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Text: Norman Kietzmann

Die Stockholmer Möbelmesse und die begleitende Lichtschau Northern Light haben das Designvolk erneut bei eisigen Temperaturen in den hohen Norden gelockt. Mit 40.000 Besuchern wurde das Vorjahresergebnis um rund zehn Prozent übertroffen. Die Neuheiten sind mehr als Blaupausen der Moderne. Sie bringen ein Gefühl für die Vergangenheit mit den Lebensgewohnheiten von heute in Einklang.

Es war ein sicheres Heimspiel. Wenn die halbe Möbelbranche auf die skandinavische Karte setzt, ist die Stockholmer Möbelmesse ganz in ihrem Element. Für Bewegung sorgte in diesem Jahr die neue Hallenbelegung auf dem 70.000 Quadratmeter großen Messegelände. Drängelten sich die designaffinen Hersteller bislang in der überbelegten Halle A, wurde die Fläche nun mit der neu hinzugenommenen Halle B beinahe verdoppelt. Das Nachsehen hatten damit zwar die abgedrängten Hersteller von Stilmöbeln. Doch dafür wurde der Messefokus umso stärker auf die Gegenwart gerichtet. 

Neue Raumverteilung
Den hinzugewonnenen Platz nutzten nicht nur junge Messedebütanten. Auch die „alten Hasen“ konnten ihre Standgrößen auf die in Köln und Mailand üblichen Ausmaße anpassen und ihren Neuheiten mehr Raum geben. Dass viele der etablierten Aussteller von dieser Option Gebrauch machten, unterstrich noch einen weiteren Aspekt: Das skandinavische Design gibt nicht nur stilistisch den Ton an. Es punktet auch mit soliden Zahlen. Zwischen 2010 und 2014 ist der Umsatz der Branche um 18 Prozent gewachsen. Einige Aussteller wie die Stockholmer Möbelmanufaktur Asplund konnten allein im vergangenen Jahr ihr Ergebnis um 25 Prozent nach oben schrauben.

„Wir waren anfangs natürlich etwas nervös wegen der neuen Verteilung. Doch die hohe Qualität in beiden Hallen hat gezeigt, dass die Branche deutlichen Rückenwind erfährt“, sagt Geschäftsführer Thomas Asplund. Auch Johan Lindau von der schwedischen Möbelmarke Blå Station pflichtet dem bei: „Wir hatten zehn Prozent mehr Publikum als im letzten Jahr. Ich bin absolut überzeugt, dass wir bald über 60.000 Besucher auf der Messe erreichen werden.“ Aus heutiger Perspektive entspräche dies einem Wachstum um 50 Prozent.

Kaari von Ronan & Erwan Bouroullec für Artek
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Internationaler Anspruch
Verantwortlich für diese Entwicklung ist nicht nur der verlässliche Binnenmarkt, sondern auch der Export. Der hat auch bei den Besetzungslisten der Designer seine Spuren hinterlassen. Skandinavisches Design wird längst nicht mehr nur von skandinavischen Gestaltern ersonnen. Um auf globaler Ebene stärker punkten zu können, dürfen auch zugkräftige internationale Namen nicht fehlen. Für Aufsehen sorgte in diesem Jahr vor allem die Möbelkollektion Kaari von Artek. Nachdem Konstantin Grcic 2014 seinen Einstand bei den Finnen gab, folgte nun die erste Kooperation mit den Brüdern Ronan & Erwan Bouroullec. Und die haben sich ganz auf die Architektur des Wohnens konzentriert: Tische, Regale und Kommoden sind Möbel, die trotz ihres Namens nicht mobil sind, sondern fest an einem Ort verharren. Bewegung bringen die Franzosen durch gebogene Metallelemente ins Spiel, die hölzerne Tischbeine und Regelböden mit subtilen Kurvenschlag umspielen.

Zwei auf einen Streich
„Es sind betont einfache, beinahe primitive Möbel, die dennoch Eleganz besitzen", erklärt Ronan Bouroullec am Messestand. Damit der Spagat zwischen Tradition und Gegenwart gelingt, werden konstruktive Elemente mit Leichtigkeit gepaart. Archaische Zutaten erhalten eine frische Wendung – auch wenn eine zeitliche Einordnung der Möbel damit unmöglich wird. Kaum anders erging es der zweiten Kooperation, die die Brüder mit einem finnischen Nationalheiligtum eingegangen sind. Auf mehreren Kaari-Tischen thronte die Vasenserie Ruutu, die die Bouroullecs soeben für Iittala entworfen haben. Dank ihres rautenförmigen Grundrisses lassen sich die Glaskörper wie Module aneinander docken, sodass sich ihre transparenten Farben gegenseitig überlagern und vermischen. 

Kompaktes Licht
Auf Sinnlichkeit in kompakten Dimensionen setzt Inga Sempé mit ihrer pastellfarbenen LED-Leuchte w153 für Wästberg. Auf einem schlanken Fuß ruht ein Metallschirm, der an das Ride-Becken eines Schlagzeugs denken lässt. Anders als beim musikalischen Vorbild stellt ein Magnet die Verbindung her. Der Schirm kann mit der Hand berührt und in alle Richtungen geschwenkt werden, womit die Lichtintensität interaktiv gesteuert wird. Von kompakter Größe zeigt sich die Tischleuchte w152, die Sam Hecht und Kim Colin (Industrial Facility) ebenfalls für Wästberg gestaltet haben. Während ein runder Leuchtschirm mit aufgesetzter Blende an Achille Castiglionis Lampadina erinnert, verfügt der Fuß über drei USB-Anschlüsse mit unterschiedlichen Spannungsstärken. Mobiltelefon, Tablet und Laptop können aufgeladen werden ohne Kabelsalat in der halben Wohnung. 
Bowl von Andreas Engesvik für Fogia
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Filigranes Holz
Welch filigrane Qualitäten dem Werkstoff Holz abzugewinnen sind, stellt der schwedische Designer David Ericsson mit seinem Stuhl Madonna I für Gärsnäs unter Beweis. Der Rahmen aus massivem Buchenholz kann mit Sitzflächen und Rückenlehnen aus thermisch verformtem Schichtholz oder pflanzlich gegerbtem Leder belegt werden. Auf betont schlanke Radien setzt der Londoner Designer Michael Sodeau mit seiner rollbaren Tischfamilie Archipelago für Offecct, die zu Hause gleichermaßen zum Einsatz kommt wie im Büro. Ein Ausscheren aus altbekannten Typologien gelingt dem Osloer Designer Andreas Engesvik in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Möbelhersteller Fogia: Bowl ist eine Mischung aus Beistelltisch, Setzkasten und Aufbewahrungsgefäß. Dank eines besonders hohen Rands finden locker hineingeworfene Gegenstände ebenso sicheren Halt wie Blumentöpfe oder zu präzisen Arrangements verdichtete Lieblingsdinge.

Fließende Konturen
Jenseits von Ecken und Kanten agieren die Polstermöbel. Die von Staffan Holm für Swedese entworfene Sofa- und Sesselkollektion Diva erweckt den Eindruck, als wären die Fettecken von Joseph Beuys in Möbel verwandelt worden. Auch wenn die Sitzmöbel durchaus bequem sind, wirken sie als Ensemble ein wenig schlaff. Kraftvoller zeigt sich das Sofa Haiku von GamFratesi, das der dänische Möbelhersteller Fredericia in einer neuen, niedrigen Version zeigte. Mit ihren fließenden Konturen fügen sich die kompakten Zwei- und Dreisitzer stimmig in den Wohnraum ein. Doch schon hier beschleicht die Messebesucher ein seltsamer Déjà-vu-Effekt, der keineswegs nur historischen Referenzen geschuldet ist. 

Nur wenige Meter weiter ist am Messestand von Gubi die neue Loungeversion des Sessels Beetle zu sehen, der ebenfalls von GamFratesi entworfen wurde und wie der kleine Bruder von Haiku wirkt. Firmen und Produkte verschwimmen immer mehr zu einer übergreifenden Masse. Auch dies ist nichts Neues. Und doch verändert es die gesetzten Erwartungen. Das Skandinavische ist in diesem Sinne keine strenge Herkunftsbezeichnung oder verbindende Haltung mehr. Es ist eine Projektionsfläche, die auch von anderen Kulturen bespielt werden kann. Die Sogkraft des Nordens bleibt somit ungebremst.

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