Stockholm Furniture Fair 2016: Logieren im Rückspiegel

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Text: Norman Kietzmann

Möbelmessen sind wie Zeitmaschinen. Auch die Stockholm Furniture Fair 2016 macht hier keine Ausnahme: Neu ist alt und umgekehrt. Doch trotz aller Retro-Ambitionen waren einige spannende Dinge zu entdecken – wenngleich auch diese mit einem Fuß in der Vergangenheit standen.

Nach Köln und Paris folgt Stockholm. Auch wenn die drei Messestädte kaum unterschiedlicher sein könnten: Serviert wird überall dieselbe Sauce. Natürlich tut man der Stockholm Furniture Fair damit ein wenig Unrecht. Der Underdog unter den großen Möbelschauen hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Seismografen für die Wohntrends der folgenden Jahre entwickelt. Doch weil das skandinavische Design längst von allen Firmen aufgegriffen wird, ganz gleich, ob sie nun in Deutschland, Italien oder Frankreich sitzen, verliert die Messe im hohen Norden ihren Zauber.

Die Mehrheit der Stockholmer Aussteller ist längst auch in Köln und Paris präsent. Und die, die es nicht sind, werden spätestens in acht Wochen auf der Mailänder Möbelmesse dabei sein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch wenn sich die gesamte Branche darin überbietet, die Klassiker des skandinavischen Designs zu adaptieren, stellt sich Ernüchterung ein. Konnte die Stockholmer Messe bisher mit Authentizität punkten, wirkt sie heute wie eine Kopie ihrer selbst. Sind in der Möbelwelt nicht alle längst Skandinavier?

Sofa Julius von Färg & Blanche für Gärsnäs
Starker Andrang
Während sich in Köln einige Aussteller über kurzzeitige Leere in den Messehallen mokierten, sieht die Situation in schwedischen Hauptstadt anders aus. Die Schlangen am Einlass sind ebenso lang wie an den Garderoben. An den Ständen herrscht dichtes Gedränge. Mit 45.000 Besuchern wird das Ergebnis von 2015 um zehn Prozent übertroffen. Eine stattliche Zahl, wenn man bedenkt, dass das Stockholmer Messegelände nur ein Viertel seines Kölner Pendants misst, wo zur imm cologne rund 120.000 Besucher gezählt wurden. 

Wachstum können ebenso einige Aussteller vermelden. So erweiterte Offecct in den letzten Monaten seine Produktionskapazitäten, um der regen Nachfrage Herr zu werden. Vor allem in Australien und Frankreich haben mehrere Großkonzerne ihre Verwaltungen mit den Möbeln des schwedischen Herstellers ausgestattet. Auch auf vielen anderen Ständen verraten die Gesichter, dass das Geschäft floriert.

Vintage-Asse
Auf die Neuheiten hat sich dieser Energieschub allerdings nur bedingt ausgewirkt. Abermals werden Aufwärmeversuche der fünfziger und sechziger Jahre als Neuigkeit verkauft, ohne dass jemand Anstoß nimmt. Dass diese Mischung aus Langeweile und Opportunismus funktioniert, liegt auf der Hand: In einer Zeit, in der sich Retromöbel und Vintage-Originale wie geschnitten Brot verkaufen, möchte niemand mehr den Blick nach vorne richten. Die Skandinavier können sich bei dieser Praxis immerhin auf ihren Heimvorteil berufen. Was heute alle machen, praktizieren sie seit über sieben Dekaden. Doch macht das noch einen Unterschied?

Tendenz zur Unsichtbarkeit
Das Dilemma dieser Messe wurde am Stand von Fredericia deutlich. Der traditionsreiche, dänische Möbelhersteller bot eine Fülle an Neuheiten auf, darunter eine umfangreiche Möbelkollektion von Space Copenhagen sowie mehrere Arbeiten von Jasper Morrison. Auch hier ließen sich die Entwürfe selbst mit geschultem Auge nur schwer von Originalen aus den fünfziger Jahren unterscheiden. Lediglich winzige Anpassungen an die heutigen, größeren Körpermaße sowie leicht fließendere Proportionen verraten einen vorsichtigen Bezug zur Gegenwart.

Die Formensprache tendiert damit zur Unsichtbarkeit: eine gefällige, lauwarme Brühe, die niemanden begeistert, doch auch niemanden verschreckt. Dem Ganzen die Krone auf setzte schließlich Jasper Morrison, als er eine aus Holz gefertigte Kopie seiner Kork-Beistelltische für Vitra aus den neunziger Jahren vorstellt. Das ist traurig und dekadent. Ein Abgesang auf das eigene Erbe, der ohne Augenzwinkern, sondern mit völligem Ernst vorgetragen wird. 

Archaische Toleranz 
Auch an anderen Ständen werden die verlässlichen Ingredienzen in einen Mixer geworfen: Alles ist cosy, warm und natürlich. Während Plastik verteufelt wird, bewirken Holz, Leder und Stein die Absolution. Lediglich Glas und Metall sind als vom Menschen gewonnene Rohstoffe erlaubt, wenngleich auch sie natürlichen Ursprungs sind. Auffällig ist eine Tendenz zur Oberfläche. Möbel, Kissenbezüge und Teppiche spielen mit Mustern, Farben und haptischen Strukturen. Es sind Dinge, die uns einlullen in eine gemütliche, doch im Grunde unglaublich spießige Wohnwelt, die jeden Mut verloren hat. 
Daybed Stay und Schreibtisch Mind von Sara Larsson für A2 Designers
Natürliche Symbiose
Dabei stellt sich eine interessante Frage: Ist Retro ein Verrat an Vintage oder vielmehr dessen Huldigung? Vielleicht ein wenig von beidem. Doch zusammen bilden sie ein System, das sich selbst am Laufen hält. Die Klassiker versprühen Authentizität. Die Retrokopien entstauben die Klassiker und erlauben ihnen so eine neue Lebenszeit. Das funktioniert selbst bei Entwürfen, die bislang noch nie in Produktion gelangt waren wie dem Lounge-Sessel CH22. Dieser wurde 1950 von Hans Wegner für Carl Hansen entworfen und kombiniert eine rundliche Rückenlehne aus gewölbtem Schichtholz mit einem filigranen Holzgestell. Wirkt vertraut, ist es aber nicht. 

Siegeszug des Daybeds
Auch Verpan wurde in den Archiven fündig und legt die Stuhlserie 430 von Verner Panton aus dem Jahr 1967 wieder auf: ein beinahe untypischer Entwurf des Dänen, weil die lasziven Rundungen seiner anderen Entwürfe zugunsten einer reduzierten, fast schon zeitlosen Erscheinung aufgegeben wurden. „Perfekt für Hotels, Restaurants, Konferenzräume, Büros und private Wohnräume“, bewirbt der Hersteller das Produkt, das auch in weniger poppigen Umgebungen eine gute Figur abgeben soll. Die Schnittstelle zwischen Contract und privatem Wohnbereich wird auch bei Swedese ausgelotet. Bei den Systemen Botanic und Konnekt von Roger Persson lassen sich gepolsterte Hocker mit kleinen Tischen und Pflanzschalen zu freistehenden Inseln kombinieren, die ein informelles Sitzen erlauben. 

Unvollständige Solitäre
Ein wichtiger Aspekt sind Materialkombinationen. Leder trifft auf Stoff, Stoff auf Holz, Holz auf Metall, Metall auf Glas. Abgerundet wird das Ganze mit den unverwüstlichen Buntmetallen Kupfer, Messing und Bronze, die eine natürliche Patina mitbringen. Nach dem Siegeszug der Lounge-Sessel folgen nun auch Daybeds als Alternative oder Ergänzung zum Sofa. Der Grund für ihren Erfolg liegt auf der Hand: Schließlich können sie mitten im Raum platziert werden, ohne diesen zu trennen. Sie sind mehr eine offene Spielwiese als eine verschlossene Koje – und funktionieren darüber hinaus in fast jeder Umgebung.

Kein Entkommen
Die Möbel dieser Messe bilden unselbstständige Solitäre. Wie stumme Diener suchen sie Anschluss an ihre Umgebung, ohne sich aufzudrängen. Passend dazu wirkt die Sonderausstellung As If By Chance im Showroom von Svenskt Tenn. Alles muss mit allem passen, lautet das sehr gegenwärtig erscheinende Thema, das dem schwedischen Möbelhersteller von Josef Frank verordnet wurde – und zwar vor siebzig Jahren. Doch so präsent die Rückblenden in Stockholm auch scheinen mögen. Es tut gut, dass sie mitunter selbst ihren eigenen Protagonisten auf den Wecker fallen.

„Wir können uns nicht immer hinter den vertrauten Dingen verstecken“, sagt Karin Lundh, Inhaberin des Möbellabels Källemo, am Messestand. Dass ihren Worten durchaus Taten folgen, beweist der Stuhl A’Eki aus transparentem und blattvergoldetem Plexiglas, der von Sigurdur Gustafsson entworfen wurde. Das Möbel ist unförmig, hässlich, sinnfrei und – nun ja – überaus postmodern. Und da ist sie wieder, die Vergangenheit, die uns im Möbelbereich einholt – ob wir wollen oder nicht.

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