Stockholm Furniture Fair 2019: Hummer und Fransen

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Text: Norman Kietzmann

Alles schön rund und bunt hier! Die Stockholmer Möbelmesse ist die wichtigste Designschau in Skandinavien. Auch dort wird nur mit Wasser gekocht. Doch wenn es um Wärme, Wohlfühlen und Atmosphäre geht, sind die nordischen Aussteller ganz in ihrem Element. In diesem Jahr im Fokus: dreidimensionale Texturen, poppige Details und exotische Einflüsse.  

Der Hersteller Asplund gibt es unumwunden zu: „Die News von diesem Jahr? Es gibt keine News!“ Eine erfrischend ehrliche Aussage. Und eine mutige dazu. Geben sich Firmen doch sonst alle Mühe, ihre Neuheiten zu preisen, selbst wenn diese gar nicht so neu sind. Natürlich ist der Begriff neu relativ, weil das Design im hohen Norden ohnehin nie bei Tabula Rasa beginnt. Wann immer ein junger Designer seinen Zeichenstift zur Hand nimmt, springt sofort ein alter Meister der Moderne mit aufs Blatt und fordert seinen Tribut ein. 

Der Charme der Stockholmer Möbelmesse liegt in dieser Parallelität der Zeit. Wir sehen das Alte durch das Neue hindurch. Das Neue wirkt wie ein Verstärker der Tradition, nicht wie ihre Überwindung. Die Aussteller deklinieren das Alphabet der skandinavischen Designhelden durch. Das ist wie gesagt nicht neu, doch irgendwie anders. Alles so vertraut hier, lautet die zentrale Botschaft.

Runde Sache 
Um die Wohlfühlregler nach oben zu fahren, geht es Ecken und Kanten an den Kragen. Runde, fließende Formen verfolgen einen auf Schritt und Tritt. Der Drops wird zum Leitbild für alles, was man im Wohnen so braucht. Vom Hocker zum Beistelltisch über Sofas und Sessel bis hin zu Leuchten. An eine scheinbar über dem Boden fliegende Lederscheibe erinnert der Tisch Utility, den Norm Architects für Fogia gestaltet haben. Das aufstrebende, schwedische Label zeigt ebenso den Sessel Niche, der von TAF Studio für das Restaurant im frisch wiedereröffneten Nationalmuseum von Stockholm entstand und nun in ein Serienprodukt überführt wird. Die kreisrunde Sitzfläche wird von einem gebogenen Rücken umschlungen, der die Capitonné-Steppung altehrwürdiger Clubsessel ihrer Strenge beraubt und stattdessen für eine wohltuende Infusion an Weichheit sorgt.

Leuchtenserie W102 von David Chipperfield für Wästberg

Möbelbau und Knochen 
Mit beiden Beinen in der Klassiker-Liga steht der dänische Hersteller PP Møbler. Das hindert ihn jedoch nicht, den neuen Hocker Sela vom brasilianischen Designer Ricardo Graham Ferreira zu präsentieren. Die sattelförmige Sitzschale zeigt eine organische Plastizität, die zur Skulptur gereicht. Doch die Form ist kein Selbstzweck, sondern exakt auf die Konstruktion der menschlichen Beckenknochen ausgerichtet. Ganz gleich ob große oder kleine, korpulente oder schlanke Menschen: Sie können alle auf diesem Hocker bequem sitzen, der aus dem Kern eines mächtigen Baumstammes in Handarbeit gefertigt wird. Je nach verwendeter Holzart wartet die Oberfläche mit einer mehr oder weniger sichtbaren Maserung auf.

Puristische Wandelbarkeit 
Das Runde dient ebenso als Leitmotiv der neuen Leuchtenserie W102, die David Chipperfield für Wästberg entworfen hat. Zur Präsentation der Kollektion wurde in ein Gebäude auf der Insel Skeppsholmen geladen, das einst für den schwedischen König erbaut wurde. Der Monarch konnte dort in aller Ruhe seine Schlittschuhe anziehen, anschließend seine Runden auf dem Eis inmitten der Stadt drehen und danach auf eine Tasse heiße Schokolade einkehren. Genau an diesem Ort sind verschiedene Raumsituationen in Szene gesetzt worden, um die Wandelbarkeit der puristischen Leuchten zu beweisen: von der Nachttischbeleuchtung zur Stehleuchte im Wohnzimmer bis hin zur Schreibtischleuchte im Büro. 

Dreidimensionale Textur
Ansonsten gilt: Weg von der Form, hin zur Textur. Stofflichkeit wird dreidimensional. Die Vertiefung der Oberfläche beherrscht Pauline Deltour mit Bravour, die ihre Teppichserie Rope Rug für Hem in Stockholm präsentiert. „Ich habe viele Stunden damit verbracht, unterschiedliche Arten von Seilen und Stricken zu studieren und die verschiedenen Arten zu testen, in denen diese miteinander verflochten werden können“, erklärt die französische Designerin ihren Ansatz. Die Teppiche bestehen aus mehrfach ineinander verdrehten Seilen, die mittels eines vertikalen, kaum sichtbaren Fadens fixiert werden.  

Auch bei Normann Copenhagen wird Stofflichkeit groß geschrieben. Die Poufs aus der Serie Silo von Hans Hornemann sind mit Bezügen der italienischen Manufaktur Imatex bezogen, die mit feinen Farbsprenkeln durchzogen sind oder komplexe Geometrien zeigen. Die Stoffe lassen eher an raffinierte Sakkos und Mäntel denken und bringen einen Hauch von Siebzigerjahre-Chic ins Wohnen ein. Einen Ausflug in die Disco-Ära unternimmt auch der Teppichhersteller Kasthall mit der Teppichkollektion Feather von Inhouse-Chefdesignerin Ellinor Eliasson. Die aus Wolle und Leinen handgetufteten Teppiche warten mit breiten, wuscheligen Fransen-Rändern auf, die jedes Wohnzimmer mit einer Spur Exzentrik aufladen.

Lobster Chair von Martin Thübeck

Laut versus Leise 
Wer den Haupteingang in Halle A des Stockholmer Messegeländes betreten hat, steuerte am hinteren Ende auf einen ungewöhnlichen wie gleichsam stimulierenden Kontrast zu: Auf der linken Seite der Stand von Seletti in poppigem Gelb mit dicht platzierten, knallbunten Objekten von Toiletpaper und Studio Job. Genau gegenüber der Artek-Stand in puristischem Weiß mit wenigen, präzise aufgestellten Atelier-Stühlen von TAF Studio. „Man müsste dem Planer dieser Halle einen Preis geben“, freute sich Studio Job-Gründer Job Smeets. Gegenüber sieht man es genauso. „Das ist viel spannender, als wenn wir neben eine andere, puristische Marke platziert worden wären“, sagt Artek-Chefin Marianne Goebl beim abendlichen Cocktail im Restaurant des wiedereröffneten Nationalmuseums von Stockholm, das mit den Atelier-Stühlen möbliert wurde.

Poppiges Krustentier 
Dass poppige Töne im Abba-Land durchaus Gehör finden, unterstreicht der Stockholmer Designer Martin Thübeck mit seinem Lobster Chair. Er ist Teil der Nachwuchsschau Ung Svensk Form / Young Swedish Design 2019 im Schwedischen Architektur- und Designcenter (Arkdes) auf der Insel Skeppsholmen. Nur wenige Gehminuten entfernt trumpft Lokalmatador Luca Nichetto auf. Für das noble Stockholmer Einrichtungshaus Svenskt Tenn hat er die Leuchtenkollektion Heritage entworfen. Die gläsernen Objekte erinnern an Totems, zusammengesetzt aus den Abfällen der Glasmanufakturen auf Murano. Als Inspiration für die verwendeten Farben und Muster diente das Stoffmuster Terrazzo, das 1944 von Josef Frank entworfen wurde und nun ebenfalls bei Svenskt Tenn neu aufgelegt wurde. 

Upcycling mit Knalleffekt  
Eine Entdeckung ist die Kollektion You Can’t Sit With Us des siebenköpfigen Design-Kollektiv Malmö Upcycling Service, das in der Messe-Nachwuchs-Show Greenhouse in Halle C gezeigt wird. Die Basis ihrer Arbeit bilden Abfälle, darunter Vinyl und Segeltuch aus der Bootsindustrie, Holz von einer Messebaufirma, Leder aus einer Schuhmanufaktur und Schaum von einem Polstermöbelhersteller. Das Ergebnis kommt alles andere als hemdsärmelig daher. Der namenlose, knallrote Stuhl von Ellen Berglund löst Sitzfläche, Rücken und Beine in ein filigranes Gitterwerk auf. Matilda Ulvbielkes ebenfalls namenloser Stuhl wirkt mit den seitlich auskragenden Latten seines Untergestells wie eine Referenz an die frühen Möbelentwürfe von Gerrit Rietveld. Der kommt zwar nicht aus Skandinavien. Doch ganz so eng wollen wir es mal nicht sehen.

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