Studio Visit: Kuehn Malvezzi

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Giovanna Silva, 19.11.2018

„Erst heute morgen haben wir noch überlegt, was wir jetzt eigentlich mit unserer Handbibliothek machen sollen“, sagt Wilfried Kuehn und trinkt einen Schluck Espresso. Sein Blick wandert durch den Garten. „Aber vermutlich werden wir uns einfach davon trennen“, schließt er nach einer kurzen Pause. Mit dem Umzug von der Heidestraße in die Torstraße sollte sich nicht nur das Büro in die Vertikale ziehen – Kuehn spricht von einem Townhouse – das gesamte Team von Kuehn Malvezzi arbeitet seit Jahresbeginn hauptsächlich digital: „Es liegt kein Papier mehr auf den Tischen“, erklärt der Architekt. Die Umstellung ist enorm, aber effektiv: Alles wurde digitalisiert und archiviert, neben Nachschlagewerken wie dem Neufert konnten sogar die Telefone im Computer verschwinden. „Die Mitarbeiter nutzen zum Telefonieren ein Programm und die schlanken Kopfhörer vom Smartphone“, erklärt Kuehn. „Das funktioniert sehr gut.“

Freie Tische bedeuten auch Freiheit für Kreativität. Und eine flexible Platzwahl. Auch wenn es bei Kuehn Malvezzi sogenannte Projektarbeitsplätze gibt, wechseln die Mitarbeiter nicht jeden Tag ihren Schreibtisch. Simona Malvezzi und den Brüdern Wilfried und Johannes Kuehn, die 2001 ihr gemeinsames Büro gegründet haben, geht es dabei um Austausch. „Wir wollten ausschließen, dass sich durch die Verteilung auf die einzelnen Etagen am Ende kleine Gruppen bilden“, begründet Wilfried Kuehn das Arbeitsplatzkonzept. „Nun wechseln die verschiedenen Architekten ihren Tisch je nach Projekt und arbeiten mal im zweiten, mal im ersten Geschoss.“ In der dritten Etage wartet ebenfalls ein langer Tisch mit Blick auf die Torstraße, im Erdgeschoss trifft man sich auch mit Gästen und Fachplanern zu Besprechungen – „so ist man nie ganz raus, sondern bleibt im Geschehen.“

Der Eingang öffnet sich zur Straße, „hier könnte auch eine Bar stehen, letzte Woche hatten wir im Entree ein kleines Fotoshooting“, erzählt der Architekt. Die vertikale Aufteilung der einzelnen Nutzungen pro Etage erlaubt Kuehn Malvezzi, auf Türen zu verzichten: eine Offenheit, die bewusst gewollt ist. Eine schmale Treppe an der Seite verbindet die Büroetagen, wobei sich Garderobe, Wasserspender, Drucker und Plotter in den Nischen vor und nach der Treppe extrem gut platzieren. Einen Aufzug gibt es auch, er verschwindet hinter einer weißen Tür. Wir sitzen im rückseitigen Garten, in dem sich eine unglaubliche Ruhe ausbreitet, obwohl draußen die Torstraße tobt. Dass man den Verkehr nicht hört, liegt an der Höhe des Vorderhauses. Und da Kuehn Malvezzi ihren Neubau mit den Geschosshöhen eines Berliner Altbaus entworfen haben, fällt dieser gar nicht so auf. Der Architekt redet von den Schallschutzfenstern: „Der Öffnungsflügel zur Torstraße ist ein Fenster, das sich in eine Wandtasche schiebt – ähnlich, wie es Schinkel für die Bauakademie geplant hatte.“ Das sieht gut aus und es funktioniert. Akustik findet Wilfried Kuehn in einem Büro mit das Wichtigste: zehn Meter lange Akustikwände wurden vom Künstler Michael Riedel als textile Wandarbeit für den Ort gemacht und deshalb sitzen die Architekten bei Kuehn Malvezzi auch alle an einem langen Tisch, der sich aus zehn Schreibtischen zusammensetzt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Lärmpegel bei kleinen Gruppen und Kojen steigt“, sagt Kuehn. „Wenn man die Schreibtische so anordnet, dass sich alle sehen, ist es von Beginn an leise und es bleibt auch leise.“

Was im Inneren sofort auffällt ist der helle, weiche Boden: ein Magnesiaestrich, der gerade gewachst wurde, um die empfindliche Oberfläche zu schützen. Mit seiner fugenlosen Ästhetik betont er die Horizontale jeder Etage. Vielleicht spürt man das venezianische Steinpulver, vielleicht erinnert das Magnesium an die alten Skulpturen, denen man noch aus der Antike begegnen kann. „Der Boden war für uns ein Experiment.“ Die Sprache des Materials gewinnt in Zeiten der Digitalisierung an Bedeutung. Einen weiteren Gegenpol zum digitalen Büro bildet auch der Garten, den die Landschaftsarchitekten Atelier Le Balto gestaltet haben. Das Trio arbeitet regelmäßig mit Kuehn Malvezzi zusammen – Garten und Pavillon für das House of One in Berlin sind ein gemeinsames Projekt. Für das Architekturbüro hat das Atelier Le Balto eine reduzierte Oase geschaffen: Ein umlaufendes Betonplateau rahmt den Garten ein und führt wie ein Kreuzgang um die Mitte, in die drei junge Robinien gepflanzt wurden. Als Abtrennung dienen Kirschbäume, die am Spalier wachsen und eine Wand bilden. So ergibt sich ein Raum im Garten, während sich der Kreuzgang sehr gut zum Telefonieren eignet, wie Wilfried Kuehn anführt. Auch wenn es einen Gärtner gibt, kümmern sich die Architekten selbst um die Bewässerung der Bäume und pflegen ihren Garten.

„Das Büro verändert sich“, meint Wilfried Kuehn und beschreibt es als einen sozialen Ort, deshalb gebe es auch so viele Coworking-Spaces. „Natürlich kann jeder einfach bei sich zuhause arbeiten, aber der Mensch sucht nach Austausch“, sagt der Architekt. Für ihn ist das Büro zum Lebensraum geworden, ein sozialer Ort mit einer ganz anderen Bedeutung, als vor 20 Jahren. Fehlt noch der Kaffee. Weil die Architekten keine Teeküchen mögen, haben sie in ihrem kleinen Gartenhaus einen Bartresen eingebaut, der aus der ehemaligen INIT Kunsthalle stammt und ein Stück Berlingeschichte transportiert. Praktischerweise lässt sich der Anbau so für verschiedene Anlässe nutzen. Heute riecht es nach frisch gemahlenem Espresso. Der lässt sich noch nicht entmaterialisieren.

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