Studiobesuch bei Rudolph Schelling Webermann

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Text: Claudia Simone Hoff, 12.03.2019

Partner: Wilkhahn

Wie man sich mit Beharrlichkeit, Erfindergeist und Formverständnis einen Namen macht, zeigt RSW. Wir haben die drei Gründer des Designstudios in Hannover besucht und wollten wissen, wie aus gestalterischen Geistesblitzen serienreife Produkte werden. Unsere Anschauungsobjekte: ein Sitzbock und ein Wandrelief, beides für Wilkhahn entworfen.

Sven Rudolph, Carsten Schelling, Ralf Webermann – das sind die Köpfe hinter dem Designstudio RSW, das früher Ding3000 hieß. Sie arbeiten für Kunden wie Hem, Pulpo, WMF, Joseph Joseph und Wilkhahn. Als die drei Industriedesigner 2005 in Hannover ihr eigenes Label gründeten, hatten sie einen Vorsatz: Dinge für verschiedene Auftraggeber zu entwerfen und nicht zum Spezialisten zu werden, wie viele ihrer Kommilitonen. Daran halten sie sich bis heute, weshalb ihr Portfolio so unterschiedliche Dinge wie Büromöbel, Topfuntersetzer, Vasen, Kühlschränke und Radios umfasst.


Hannover? Hannover!
RSW arbeitet auf dem Gelände der Stichweh-Wäscherei in Hannover-Limmer. In den locker verstreuten Gebäuden, darunter eines aus der Bauhaus-Zeit, haben sich viele Kreative angesiedelt. Das Backsteingebäude, in dem RSW untergekommen ist, liegt idyllisch am Ufer der Leine, umgeben von viel Grün und Wiesen. Mit dem Fahrrad ist es nicht weit nach Linden, wo es viele kleine Shops und Cafés gibt und die Szene der Stadt zuhause ist. Das Studio im Erdgeschoss eines ehemaligen Ausfluglokals ist ziemlich unprätentiös: aneinander gereihte Schreibtische, eine Küchenecke mit einem Esstisch, der gern auch für Besprechungen genutzt wird, dazwischen Produkte und Prototypen – wie der Sitzbock, den die Designer letztes Jahr für den Bürohersteller Wilkhahn entwickelt haben.

Sitzbock von Wilkhahn

Drei Freunde
RSW arbeitet in wechselnder Besetzung mit bis zu acht Designern. Zwischen den drei Studiogründern, die sich seit ihrem Studium kennen und befreundet sind, gibt es keine klassische Arbeitsteilung im Büroalltag, doch jeder hat seine Stärken: Während Sven Rudolph die Konzeption und die 3-D-Arbeit besonders liegt, hat Ralf Webermann als gelernter Tischlermeister ein Faible fürs Handwerk und den Prototypenbau. Carsten Schelling indes ist ein guter Formgeber und Netzwerker. Erstaunliche 100 Produkte haben die Designer am Markt, darunter einen zusammenfaltbaren Schneebesen (Beater, Normann Copenhagen), ein knallrotes Radio (The Monkey, Palomarweb) und extravagante Schalen und Gefäße (Maket & Merit, Pulpo). Doch das erfolgreichste Produkt des Trios ist ein Schlüsselanhänger (Twister, Troika), der glücklicherweise „die Miete bezahlt“, wie Sven Rudolph sagt.

Ein Briefing, zwei Produkte
Mit dem niedersächsischen Büromöbelhersteller Wilkhahn, der ganz in der Nähe von Hannover in Bad Münder ansässig ist, hat RSW das erste Mal zusammengearbeitet. Der Auftrag ist durch einen Zufall zustande gekommen, als die Designer beim Abholen von Büromöbeln für ihr Studio den Wilkhahn-Designmanager Michael Englisch kennenlernten. Schon kurze Zeit später flatterte ein Briefing ins Haus, das ziemlich offen gehalten war: „Wir sollten ein Produkt entwickeln, dass Zwischenräume in Bürogebäuden wie Flure, Eingangshallen und Emporen nutzbar machen sollte“, erzählt Carsten Schelling bei einem Nachmittagstee im Studio. Überraschenderweise sind aus dem Briefing gleich zwei Produkte hervorgegangen, die Wilkhahn zur Serienreife gebracht hat: der Sitzbock sowie das akustisch wirksame Wandrelief Landing. Beide Entwicklungen haben gemein, dass sie – einzeln oder im Zusammenspiel – Orte der informellen Kommunikation schaffen, Orte, an denen man sich begegnen kann.

Making-of: Sitzbock
Wenige Schritte entfernt vom Designstudio befindet sich die Werkstatt von RSW, in der unentwegt getüftelt und ausprobiert wird. Bei unserem Besuch stehen verschiedene Prototypen des Sitzbocks herum. An ihnen zeigt sich, wie aus einer anfangs vagen Idee ein serienreifes Produkt entsteht. Und was muss bei der Produktentwicklung nicht alles bedacht werden: Material, Gewicht, Proportionen und ergonomische Kriterien beispielsweise. Um all diese Parameter überprüfen zu können, bauen die Designer bei jedem ihrer Entwürfe Mock-ups aus Pappe oder Papier und auch Funktionsmodelle aus Holz. Den Sitzbock haben sie während der Entwicklungsphase mit ins Büro genommen, selbst ausprobiert und dann am Modell verfeinert.

Welche konzeptuelle Idee dahinter steht, erklärt Ralf Webermann: „Es gibt in Bürogebäuden Kristallisationspunkte wie Geländer oder Kaffeeautomaten, wo man sich trifft und die nicht fürs Sitzen ausgerichtet sind. Hier sollte man sich irgendwo anlehnen können.“ Deshalb weckt der rund 70 Zentimeter hohe Sitzbock Kindheitserinnerungen wie zu einem Spielzeugpferdchen, das quer besessen, in Längsrichtung „beritten“ oder als Stütze im Stehen genutzt werden kann. Und das insbesondere als „Herde“ arrangiert einen Schuss Humor in den Büroalltag bringt. Zum Sitzbock aus Polypropylen, der im Rotationsgussverfahren hergestellt wird und knapp fünf Kilogramm schwer ist, gehören wahlweise auch „Satteldecken“ aus rutschfestem Filz für bequemeres Anlehnen und Sitzen. Typologisch wandelt er zwischen Tischbock und Stuhl und schafft ganz unterschiedliche Anlehn- und Sitzmöglichkeiten.

Walk to talk: Wandrelief mit Akustikfunktion
Gleich zu Beginn des Entwurfsprozesses kamen den Designern viele Ideen, wie man die Zwischenräume in Büros besser nutzen könnte. Die meisten wurden im Laufe der Zeit zwar verworfen, doch gelangte neben dem Sitzbock auch ein zweites Produkt zur Serienreife: Landing, ein Wandrelief mit akustischen Eigenschaften. Auch das schafft Gelegenheiten, kurz zu verweilen und ins Gespräch zu kommen – in Gängen, Übergangsbereichen und Treppenhäusern. Landing besteht aus zwei, beliebig kombinierbaren Grundmodulen in verschiedenen Farbstellungen: einem 60 mal 60 Zentimeter großen, mit Schaum gepolsterten und textilbezogenen Element sowie einem dreidimensional ausgeformten Reliefelement. Je nach Montageausrichtung hat es drei Funktionen: als horizontale Ablagefläche, als vertikales Zonierungs- und Diskretionselement sowie als Stehstütze. So entstehen in Wegezonen kleine „Parkbuchten“, die dazu einladen, Dinge an Ort und Stelle zu besprechen, die aus Mangel an Gelegenheiten sonst vielleicht untergehen würden.

Die Idee des Walk to talk hat längst auch im Büroalltag Einzug gehalten. Wilkhahn und RSW haben mit dem Wandrelief Landing und dem Sitzbock zwei Produkte entwickelt, die informelle Zusammenkünfte und ungezwungene Kommunikation ermöglichen und fördern. Sie erst schaffen auf räumlich begrenzten Flächen Aufenthaltsqualität und Wohlfühlatmosphäre. Dass der Sitzbock auf vier Beinen steht und damit automatisch positive Assoziationen auslöst, ist ein schöner Nebeneffekt. „Es war ein schmaler Grat zwischen Kitsch und Abstraktion“, sagt Sven Rudolph beim Abschied und lacht.

In der Werkstatt

Drei Fragen an …
… Rudolph Schelling Webermann (RSW)

Carsten, du hast zwei Jahre bei Marcel Wanders gearbeitet, einem begnadetem Selbstdarsteller. Funktioniert Design heute eigentlich auch ohne Eigenmarketing? Carsten Schelling (C.S.): Es kommt darauf an, in welchem Markt man arbeiten möchte. Beim Autorendesign ist es schon sehr wichtig, wie man sich darstellt und verkauft.
Sven Rudolph (S.R.): Es gibt Marken, die ausschließlich mit Designstars zusammenarbeiten. Reines Name-Dropping finde ich persönlich sehr schade, denn dadurch werden Marken austauschbar. Die großen Hersteller sollten etwas wagen, junge Designer aufbauen, miteinander zu wachsen.

Im April findet in Mailand der Salone del Mobile statt. Sind Messen eigentlich ein gutes Akquise-Instrument für Euch? C.S.: Wir sind viel auf Messen unterwegs, sprechen Hersteller an und säen unsere Samen. (lacht) Unseren ersten öffentlichen Auftritt hatten wir übrigens 2005 auf der Kölner Möbelmesse.
S.R.: Der Durchbruch kam dann ein Jahr später auf dem Salone Satellite in Mailand, wo wir die Animal Tales Collection gezeigt haben. Am Anfang konnten wir uns all die Messen nur leisten, weil wir eine Förderung vom Land Niedersachen bekommen haben. Es war ein hartes Lernen.

Viele Designer träumen von großen Herstellernamen. Ihr auch? S.R.: Wichtiger als große Namen ist uns die Art der Zusammenarbeit – die Menschen in einem Unternehmen, wie man miteinander spricht. Und, dass es immer wieder neue Aufgaben gibt.

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