Summit #2: Das Krankenhaus von morgen

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Die Bauaufgabe Gesundheitsbau ist möglicherweise die meistreglementierte, vielleicht die komplexeste und sicher eine der bedeutendsten. Nutzer und Betreiber haben höchste Erwartungen an Funktionalität, Komfort und Rentabilität. Dementsprechend hoch sind die Anforderungen an die Architektur.

Auch wenn die Menschen älter werden und länger mobil sind: Die Zahl der Krankenhäuser sinkt. Waren es 1990 noch rund 2.400 Einrichtungen in Deutschland, sind es heute gerade noch 2.000 mit weniger als 500.000 Betten, also einem Bett für jeweils 1.640 Bürger. Das Gesundheitswesen ist ein Wettbewerbssystem: Wer hier keine Anreize schafft, medizinisch oder qualitativ, hat es schwer. So kommt es, dass heutige Pflegezimmer Wohnzimmercharakter haben und neben Krankenhäusern Gästehotels für die Begleitung der Patienten entstehen. Auch ist die Zeit farbloser Linoleumschächte längst passé. Farben und Materialien sollen Sympathien, Vertrauen und Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Für Architekten bedeutet das Bauen für die Gesundheit deshalb eine besondere Herausforderung. Mit welchen Themenkomplexen sie sich während Entwurf und Planung beschäftigen und was diese für ihre Arbeit bedeuten, haben wir mit zehn deutschen Architekten aus dem Kranken- und Gesundheitsbau auf dem Healthcare-Summit in Marrakesch analysiert. Dabei herausgekommen sind vier Schwerpunkte, die von jeweils zwei Architekten ausgearbeitet wurden und Hinweise darauf geben, welche Faktoren heute und in Zukunft eine Rolle für den Gesundheitsbau spielen werden. Dabei gehen wir vom Großen ins Kleine, vom Politischen ins Konzeptionelle und stellen ehrliche Fragen zum Themenkomplex Gesundheit und Architektur.

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Wettbewerbe im Healthcare-Bereich
: Architekten nehmen an Wettbewerben teil – so weit, so üblich.  Der Wettbewerb ist integraler Bestandteil ihrer Arbeitsrealität und der einzige Weg zu großen Projekten. Im Gesundheitsbau sind solche Verfahren von besonderen Anforderungen geprägt. Worauf es ankommt, ist aber auch Storytelling.

Von Sonja Kramer und Sebastian Pfau

Wettbewerbe für Immobilien im Gesundheitswesen sind durch hochkomplexe Aufgabenstellungen gekennzeichnet. Im Fokus steht zunächst die funktionelle Tauglichkeit eines Gebäudes: Als Aufenthaltsort für viele hundert Patienten in einer besonders sensiblen Situation und als Arbeitsplatz mit speziellen Anforderungen stehen die Bedürfnisse der Nutzer natürlich im Vordergrund. Eng damit verbunden sind die internen Abläufe und Strukturen. Aufwendige Beziehungsgeflechte der einzelnen medizinischen Bereiche sind hier die Regel. Darüber hinaus spielt der Aspekt der Wirtschaftlichkeit bei den zumeist großen Investitionsvolumina eine zentrale Rolle. Aufgrund des stetigen Wandels der medizinischen und technischen Anforderungen an das Gebäude dürfen Themen wie Flexibilität, Erweiterbarkeit und energetische Nachhaltigkeit ebenfalls nicht vernachlässigt werden. Diese heterogenen, in Teilen widersprüchlichen Rahmenbedingungen gilt es in einem Entwurf zu fassen.

Natürlich kommt es dabei auch auf die klassisch-architektonischen Themen wie den Städtebau und die Gestalt eines Gebäudes an. Krankenhäuser gehören potenziell zu den wirtschaftlich aufwendigsten und großvolumigsten Bauvorhaben, oft an exponierten Orten gelegen, mit Bedeutung für eine Gemeinde oder gar eine ganze Region. Die große Herausforderung ist daher, in einem ersten Schritt aus diesen mannigfaltigen Rahmenbedingungen das Wesen, das zentrale Thema der Aufgabe zu destillieren. Wenn dieses gefunden ist, besteht die nächste Aufgabe darin, eine möglichst klare und verständliche Antwort zu formulieren.

Da es jedoch auf komplexe Fragestellungen meist keine einfache, eindimensionale Antwort gibt, gleicht die Arbeit daran oft der Erstellung eines Drehbuchs, bei dem um ein zentrales Thema einzelne Handlungsstränge und Charaktere möglichst schlüssig und logisch entwickelt und zu einem konsistenten Gesamtbild verarbeitet werden.

Wie bei einem klassischen Architektenwettbewerb liegt der Feinschliff dann in der sorgfältigen Darstellung und der ansprechenden grafischen Vermittlung des Konzeptes. Natürlich gibt es Leitfäden, wie ein gutes Drehbuch anzulegen ist. Wie in Hollywood droht damit aber auch die Gefahr, wieder und wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Um als Architekt in diesem Segment dauerhaft innovativ und erfolgreich zu bleiben, ist es daher sinnvoll, sich mit Kollegen und anderen Berufsgruppen, wie Medizinern, Betriebswirtschaftlern oder Designern, zusammenzutun, um neue Ansätze zu entwickeln.

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Standards versus Innovation im Gesundheitsbau: Aus Innovationen werden Standards, aus Standards Regeln und Gesetze. Im Gesundheitswesen zeigt sich eine große Innovationskraft, gleichzeitig gibt es viele bekannte und erprobte Verfahren. Was verstehen wir unter Innovation im Gesundheitsbau, und um wen geht es hier eigentlich?


Von Christian Maeder und Andreas Schmucker

In den technisch orientierten Fachdisziplinen findet Innovation planerisch nachweislich und laufend statt: Auf der Baustelle kommen immer wieder neue Herstellungsmethoden zum Einsatz. Auf Baumessen präsentieren innovative Anbieter neuartige Materialien und Werkstoffkombinationen. Mit der Zeit fließt technisch Machbares, das sinnvoll oder gewinnbringend erscheint, in Wünsche und Anforderungen der Bauherren und Geldgeber für Gesundheitsbauten ein. Im Falle einer breiten Akzeptanz folgen entsprechende Richtlinien, womit die Einhaltung solcher technischen Standards kontrollier- und messbar wird.

Es ist davon auszugehen, dass Gesundheitsbauten gerade auch für öffentliche Auftraggeber unter der Prämisse begrenzter Mittel geplant und realisiert werden müssen. Die Innovationszyklen im Bereich der Gebäude- und Medizintechnik haben sich in den letzten Jahren beschleunigt, eine Umkehr des Trends ist für die nähere Zukunft nicht absehbar. Niemand kann mit Sicherheit wissen, wohin die Reise geht – es muss uns jedoch klar sein, dass aus diesem Nichtwissen entstehende Forderungen nach maximaler Flexibilität keine allein tragfähige Strategie darstellen. Wie wollen wir aber mit dem Nichtmessbaren, aber dennoch Wahrnehmbaren umgehen? Oder mit dem, was nicht gemessen wird, obwohl es möglich wäre?

Im Gesundheitsbau sollen das Wohl der Patienten und ihre Genesung das oberste Ziel sein. Dazu trägt auch zufriedenes Personal an attraktiven Arbeitsplätzen entscheidend bei. Ist dieses Ziel auf dem heute in Deutschland vorherrschenden Weg gut erreichbar? Dieser Frage müssen sich alle an Planung und Errichtung künftiger Gesundheitsbauten Beteiligten stellen. Für tragfähige Antworten braucht es konzeptionelle Innovation, es muss der Patient im Mittelpunkt der planerischen Überlegungen stehen und es braucht gestaltete, soziale Räume für Menschen, die eben nicht unbedingt aus optimierten Kennzahlen entstehen. Es kann auch nicht alles, was einen guten Entwurf ausmacht, aus dem Raum- und Funktionsprogramm abgelesen werden.

Letztendlich kann Architekten und Planer nur die Überzeugung weiterbringen, dass innovative und integrale Lösungsansätze mit der Zeit zu einem erneuerten Standard für die Gestaltung von Gesundheitsbauten führen, der die Verhältnisse zurechtrückt: im Sinne einer Healing Architecture.

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Interieur und Farbe im Krankenhaus: Wer kennt das nicht? Das „Aaahh“ und „Ooohh“, wenn die Menschen von einem Raumeindruck überwältigt sind. Welche Rolle spielen Farbe und Interieur im Krankenhaus, und wie schafft man es, dass sich alle wohlfühlen?


Von Tanja Manz und Luis Lucas

Für Architekten steht in erster Linie das räumliche Konzept, der Gesamtentwurf, im Zentrum einer Planung im Gesundheitsbau. Sie beschäftigt die Abfolge der Räume, die Ausformung des Raumes und die dahinterliegende Philosophie. Aber welchen Eindruck hat der unbedarfte Nutzer zuerst? Wird das Konzept, die Philosophie überhaupt erkennbar? In den meisten Fällen nicht. Was zum Betrachter spricht, ist die Oberfläche, die der Raum als Ereignishorizont bietet: die Form des Raumes heruntergebrochen bis zur Form des Türgriffs, die Oberflächen und Texturen sowie deren Farbgebung. Das gilt im privaten Wohnzimmer wie im Krankenhaus. Die besondere Schwierigkeit beim Krankenhausbau liegt darin, dass die Oberflächengestaltung nicht immer professionell entwickelt wird und dass unterschiedlichste Raumnutzer das Konzept akzeptieren sollen. Um wirklich ein Gebäude als Gesamtkonzept zu realisieren – was immer das Ziel ist –, das allen Ansprüchen standhält, müssen die verschiedenen Interessengruppen zum frühestmöglichen Zeitpunkt eingebunden werden. Die Patienten dürfen Zimmer erwarten, die ihnen sofort einen Eindruck von Geborgenheit und Sicherheit vermitteln, die den Heilungsprozess unterstützen und je nach Anwendungsfall auch anregend wirken können.

Wie sehr wird aber die gute Absicht ad absurdum geführt, wenn die edle Oberfläche mit einem aggressiven Putzmittel zerstört wird, wenn filigrane Details durch Transportwagen beschädigt von der Wand hängen oder Farben gewählt werden, die der gewünschten Wirkung entgegenstehen. Es ist wahrscheinlich auch jedem Kollegen schon so ergangen, dass die wohl überlegte Konzeptionierung der Raumgestaltung durch die Benutzer, also die Mitarbeiter des Krankenhauses, bis an die Schmerzgrenze verändert wurde. Nach unserer Erfahrung liegt dies ursächlich daran, dass die Bauherren zu oft vor und während der Planung auf die Mitgestaltung der Mitarbeiter verzichten. Der Bauherr erwartet ein in jeder Beziehung effizientes Gebäude und geringe Investitionskosten. Da sind Anregungen durch den Nutzer erst einmal lästig. Spätestens wenn der Einzug näher rückt, beginnt dann die Modifikation. Es wäre wünschenswert, dass Bauherren und auch Architekten die Einbeziehung der Nutzergruppen nicht als lästige Pflicht, sondern als Chance erkennen, die Verbundenheit der Mitarbeiter und damit den bewussten Umgang mit dem Gebäude herzustellen und zu stärken.

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Perspektiven der Grundrissplanung: Der Krankenhaus- und Gesundheitsbau erfordert eine differenzierte Grundrissplanung: Medizinisch, prozessual und ökonomisch muss sie funktionieren. Flexibilität ist dabei eine der wichtigsten Eigenschaften einer nachhaltigen Planung.


Von Andreas Koch und Bodo Maslo

Grundrisskonzepte für die Planung von Krankenhäusern müssen im Hinblick auf Funktion und Technik Antworten auf die ökonomischen, medizinischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bereithalten, um eine effiziente Pflege und Behandlung von Patienten zu gewährleisten. Dabei sind die Entwicklungen im Gesundheitswesen dynamisch und komplex. Der auf den Krankenhäusern lastende Kostendruck wird zu Konzentrationsprozessen führen. Viele Kliniken spezialisieren sich daher auf bestimmte Behandlungen, um überlebensfähig zu bleiben – mit Auswirkung auch auf die Flächennutzung.

Die Verweildauer im Krankenhaus wird zudem weiter sinken. Dies wird zu einer Verschiebung von stationärer zu ambulanter Versorgung und zu einer Reduzierung der Bettenkapazität führen. Für nicht mehr benötigte Stationen müssen andere Nutzungskonzepte entwickelt werden. Gleichzeitig bewirkt die demografische Entwicklung, dass die Anzahl der Schwerstpflegebedürftigen steigt. Dem Zweiklassensystem der privat oder gesetzlich Versicherten ist Rechnung zu tragen. Die Struktur einer Pflegestation mit Einbett-, Zweibett- oder Dreibettzimmern muss hierauf flexibel reagieren können.

Der Fokus bei einer Neukonzeption darf dennoch keinesfalls allein auf die funktionalen und technischen Aspekte begrenzt werden. Das Krankenhaus der Zukunft als Gesundheitsdienstleister braucht vielmehr einen ganzheitlichen Ansatz im Sinne einer Healing Architecture, der durch den Einsatz von Licht, Farbe und innovativen Leitsystemen auch die emotionalen Bedürfnisse von Patienten nach Geborgenheit, Sicherheit, Orientierung und Kommunikation in einem unbekannten Umfeld ausreichend berücksichtigt und somit über die Verbesserung des psychischen und physischen Wohlbefindens einen signifikanten Beitrag zum Genesungsprozess leistet.

Das Krankenhaus der Zukunft wird in nachhaltiger Bauweise errichtet und kann mit einer flexiblen Grundrissstruktur auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren. Medizinische Dienstleistungen werden ergänzt um Angebote für die Gesundheitsvorsorge sowie um Orte des Erlebens: Kino, gastronomische Angebote und Parks beispielsweise. Auch die Erwartungen von Patienten und deren Angehörigen steigen. Ein angegliedertes oder in ungenutzten Stationen untergebrachtes Hotel ermöglicht es, die Familie in unmittelbarer Nähe „bei sich haben“ zu können.

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