Summit #3: Das erfolgreiche Büromodell der Zukunft

04.10.2017

Wir könnten hier alle sofort zusammen ein Büro eröffnen und wären erfolgreich: Im Norden Spaniens nimmt das Baskenland eine Sonderstellung ein und unterscheidet sich deutlich vom Rest Spaniens. In der Landschaft vom Atlantik bis zu den Pyrenäen pflegt man seine kulturelle Eigenständigkeit und hat mit Euskara eine eigene Sprache, die mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt ist.

Im Gegensatz zum Rest des Landes hat die Wirtschaft im Baskenland eine eigene Entwicklung genommen. Unter allen spanischen Regionen führt das Baskenland seit vielen Jahren die Statistik der Jahreswirtschaftsleistung pro Kopf an und kann sich mit anderen europäischen Regionen messen. Die größte Stadt des Baskenlandes, Bilbao, ist Symbol für diesen Aufstieg einer Region. Bilbao, einst als die hässlichste Stadt Spaniens bekannt, ist heute eine gern besuchte Architekturmetropole.

Seit 20 Jahren ist das weltberühmte Guggenheim-Museum von Frank Gehry ein unübersehbares Sinnbild für das neue Selbstbewusstsein dieser Stadt. Viele weitere große und bekannte Architekten folgten und veränderten die nur knapp 350.000 Einwohner umfassende Hauptstadt der Provinz Bizkaia aufs Positivste.

Heinze lud im Mai dieses Jahres Architekten und Unternehmen zu einem Summit nach Bilbao und in die nähere Umgebung ein, mit dem Ziel, gemeinsam die Zukunft der Büroplanung zu untersuchen. Das Thema sollte anhand exemplarischer Fragestellungen analysiert und mögliche architektonische Szenarien sollten entwickelt werden.

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Flexibilität bleibt wichtig: Unsere Büros waren noch nie so technologisiert wie heute und haben dabei noch nie so untechnologisch ausgesehen. Wie verändert sich die Büroarchitektur mit diesem Wandel? Wie sieht das Büro der Zukunft aus?

Jürgen Preckel, Pfeiffer Ellermann Preckel Architekten und Stadtplaner BDA
Axel Koschany, Koschany + Zimmer Architekten
Matthias Siegert, VON M GmbH

Die Technik beeinflussen wir als Planer nicht. Wie gehen wir aber mit den veränderten Lebenssituationen von Mitarbeitern um? Wir müssen auf geänderte und sehr flexible und variable Arbeitsbedingungen reagieren. Wir müssen Lösungen finden, die über die üblichen Angebote wie ein Open-Space-Büro oder das Großraumbüro hinausgehen. Diese vorgefertigten Arbeitsplatzangebote ignorieren die individuelle Person. Wer langfristig Mitarbeiter halten will, muss Arbeitsplätze zum Individualisieren anbieten. Arbeitsplätze müssen nicht „clean“ sein – sie müssen dem Menschen, der hier arbeitet, Raum zur Veränderung lassen. Wir müssen als Architekten und als Designer wieder Atmosphäre in die Büros einbringen und für Rückzugsorte sorgen.

Flexibilität bleibt wichtig. Das iPhone ist gerade zehn Jahre alt geworden, und wir alle wissen, wie sich die Technik in dieser Zeitspanne verändert hat. Das war nicht vorhersehbar. Eine Antwort auf die Frage, wie sich Technik entwickeln wird, ist anmaßend. Wir können heute keine Konzepte mehr entwerfen, die dem Anspruch genügen, für die nächste Dekade gültig zu bleiben. Wir müssen folglich Räume entwerfen, die eine größtmögliche Variabilität ermöglichen. Unsere Bauherren haben einen Anspruch auf investitionssichere Gebäude, die ihrer Funktion über Jahrzehnte gerecht werden.

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Wir wollen Vielfalt nicht durch ein Dogma glätten: Neue Hierarchiemodelle und mehr Selbstbestimmung der Mitarbeiter erfordern einen radikalen Kulturwandel. Wie kann Architektur auf das neue Distinktionsbedürfnis der Unternehmen reagieren, ohne zu banalisieren? Was sind die Alternativen zum Open Space?

Thomas Schmidt, SSP AG
Mark Jenewein, LOVE architecture and urbanism
Ulrike Brandi, Ulrike Brandi Licht GmbH

Es gibt keine allgemeinen und dauerhaften Lösungsvorschläge, mit denen man den Kulturwandel sortieren oder klassifizieren kann. Wir können als Architekten auf diese Fragen keine allgemeinen Antworten geben. Der „perfekte“ Workflow in einem Büro ist zu vielen Einflüssen unterworfen. Dabei sind extrem viele Interessen zu berücksichtigen: Der Bauherr verfolgt seine Interessen, der Mieter einer Gewerbeeinheit im Gebäude hat wieder andere, besondere Interessen. Aus der Mieterbranche erwachsen wiederum eigene Anforderungen, und letztlich will der Arbeitsplatzinhaber auch noch ein Wort mitreden. Man kann also keine Generallösung formulieren. Wir müssen die Frage beantworten, für welches Unternehmen man in welcher Matrix die beste Lösung abbildet.

Eine Antwort auf eine undogmatische Herangehensweise kann eine „Bürolandschaft“ sein, welche die Vorteile der Vielfalt einer Landschaft aufzeigt. Der Nutzer – das ist ganz wichtig – muss sehr eng in den Entwurf eingebunden sein. Ein Weg, der wie ein Pfad durch eine Landschaft geht, kann in diesen Bürolandschaften das verbindende Element sein, das verschiedene Nutzungszonen zusammenfasst.

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Wir können heute jederzeit überall arbeiten: Die Globalisierung bedingt, dass Dienstleistungen „flüchtig“ werden. Die Menschen müssen zunehmend mobiler werden. Arbeitsplätze werden nicht mehr fest zu-geordnet, sondern gegebenenfalls jeden Tag neu verteilt. Es kommt vor, dass Arbeitnehmer heute in Frankfurt, morgen in Hamburg und übermorgen in London arbeiten. Welche Lösungen haben wir Architekten anzubieten? Wie gestalten wir Arbeitsplätze für die mobile Generation?


Albrecht Randecker, h4A Architekten
Chris Middleton, Kinzo Berlin GmbH
Ute Kramm, aplus architektur

Wir haben mit einer Gegenthese begonnen. Wir können heute kommunizieren, ohne uns persönlich zu treffen. Wir bräuchten eigentlich die Möglichkeiten der Mobilität nicht. Wir müssen feststellen, dass die neuen Kommunikationsmittel die Art der Arbeit nicht beeinflussen. Offensichtlich wollen immer noch alle in einen Arbeitsprozess integrierten Menschen physisch zusammensitzen und weichen nur im Einzelfall auf die neuen Techniken aus. Zusammenarbeit setzt Vertrauen voraus, und dieses lässt sich nur im persönlichen Kontakt gewinnen.

Wir haben in unserer Gruppe den entwickelten Ansatz „Office One“ genannt, in Anlehnung an eine Hotelgruppe ähnlichen Namens. Ein Büro, das auf die Anforderungen moderner Mobilität eingeht, könnte so aussehen, wie es sich bei vielen neuen Hotelkonzepten beobachten lässt: Kleine Zimmer korrespondieren mit großzügigen Lounge-Bereichen, in denen man sich trifft und wo man auch gemeinsam oder alleine arbeiten kann. An diesen Orten lassen sich auch regionale Einflüsse integrieren, um Identität zu schaffen.

Wir können heute jederzeit überall arbeiten. Jeder kann seinen eigenen Rhythmus ausleben. Trotzdem bleiben Orte notwendig, an denen man sich trifft und das direkte Gespräch pflegt. Wir müssen aber auch hinterfragen, was Kommunikation ausmacht und wie sie sich ändert. Unsere nachfolgenden Generationen gehen mit den technischen Kommunikationsgeräten, die es ja erst seit zehn Jahren gibt, anders um als wir bereits im Beruf Etablierten. Für sie ist der häufige persönliche Kontakt als Grundvorausetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wahrscheinlich weniger wichtig. Das können wir heute kaum ahnen.

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Wir haben bereits zukunftsfähige Architektur, sie muss nur richtig genutzt werden: Wo es kein Chefbüro mehr gibt und keiner weiß, was die Anforderungen von morgen sind, braucht man variable architektonische Lösungen und vor allem eine funktionale sowie wandelbare Einrichtung. Welche Strategien ermöglichen zukunftsfähige Architektur?


Kilian Kada, KADAWITTFELDARCHITEKTUR
Sascha Rullkötter, slapa oberholz pszczulny | sop GmbH & Co. KG
Jürgen Steffens, JSWD Architekten

Ziehen wir uns nicht zu große Schuhe an, wenn wir die Frage beantworten wollen, welche Strategien eine zukunftsfähige Architektur ermöglichen? Müsste die Frage nicht richtigerweise lauten: Welche Architektur ermöglicht zukunftsfähige Strategien? Letztlich ist die Architektur unser Gewerk. Als Architekten müssen wir daher die Architektur fokussieren. Auch die Behauptung, dass es kein Chefbüro mehr gibt, ziehen wir in Zweifel. Natürlich kann im Einzelfall das Chefbüro entfallen, aber das lässt sich nicht als Regelfall anwenden. Klassische Strukturen mit klassischer Hierarchie werden nicht so schnell verschwinden. Wir müssen uns vom dogmatischen Denken freimachen. Wir haben bereits zukunftsfähige Architektur, sie muss nur richtig genutzt werden.

Wir sind als Architekten nicht allein in der Lage, Strategien zu entwickeln. Diese Annahme beruht auf einem veralteten Architektenbild. Es gab sicher eine Generation, die nicht nur gute Architektur entwickelt hat, sondern auch mit dem Sendungsgedanken lebte, sie könne die Welt verbessern. Wir sollten selbstbewusst und natürlich auch in der Lage sein, unsere Kunden beraten zu können. Wir sollten unsere Bauherren motivieren, mit uns in einen Diskurs zu treten, um gemeinsam herauszufinden, was unsere Auftraggeber innerhalb ihrer Unternehmenskultur brauchen. Nur dann können sie langfristig attraktive Arbeitsplätze anbieten.

Der Summit ist insofern überraschend, als dass es gelungen ist, mit vier verschiedenen Fragestellungen aus vier Arbeitsgruppen die gleiche Antwort zu finden. Es lässt sich eine große Gemeinsamkeit feststellen, wie wir alle auf unsere beruflichen Herausforderungen reagieren. Wir könnten hier alle sofort zusammen ein Büro eröffnen und wären erfolgreich. Wir haben in Bilbao Werte durch gemeinsames Arbeiten geschaffen. Vielleicht ist genau dies die Zukunft der Arbeit.

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